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Älteren Menschen fallen die 365 Stufen hinauf zum Stupa gewiss nicht leicht, aber für Gläubige gibt es nur diesen einen beschwerlichen Weg zur Buddha-Verehrung. Swayambunath gilt neben dem Stupa von Bodnath als ein wichtiger Pilgerort für Buddhisten, die in Kathmandu unterwegs sind. Vor rund 2500 Jahren sollen auf dem Plateau die ersten Vorkehrungen getroffen worden sein, hier oben einen Ort des Gedenkens für den Buddha zu schaffen, das wird zunächst eine Erdaufhäufung gewesen sein, die später verfestigt wurde. Möglicherweise enthielt der ursprüngliche Stupa Reliquien Buddhas. Haare, Zähne, Knochenreste oder Asche waren beliebte Beigaben für die Reliquienkammer einer solchen Stupa. Das jetzige Erscheinungsbild der Stupa entstand später und wird ein über viele Jahre währender Entwicklungsprozess gewesen sein. Auf die epochalen Fortschritte und regionalen Unterschiede der Stupa-Bauweise kann hier nicht eingegangen werden. Rechnet man fünf Jahrhunderte und zwei Jahrtausende zurück, gerät man in jene Zeiten, in denen Buddha lebte und später sich der indische Kaiser Ashoka zum Buddhismus bekehrte, diesen zur Staatsreligion erhob und jener Ashoka war es, der auch den Bau zahlreicher Stupas im Lande befahl. Viele Bauten am Fuße des Berges, am Treppenaufgang und auf dem Plateau sind jünger als der Stupa, doch alle wurden zu Ehren Buddhas errichtet. Der Stupa als Kultstätte wird im Uhrzeigersinn umrundet, möglichst mehrfach, Gebetsmühlen werden gedreht, Mantras werden gemurmelt, Niederwerfungen sind angesagt. Tradierte Riten haben sich erhalten. Einige Tempel und Reliefs erheben diesen heiligen Platz für Hindus gleichermaßen zum Pilgerort. Sie sind genauso willkommen, wie auch die zahlreichen schaulustigen Touristen, die übrigens mit Bussen auf der Südwestseite des Berges zu einem ziemlich hochgelegenen Parkplatz gefahren werden, von dort aus ist der Weg etwas bequemer, vor allem kürzer, wodurch sich die Besichtigungsdauer erheblich reduziert. Es wäre müßig, den Swayambunath-Stupa beschreiben zu wollen, ausreichende Informationen finden sich in Reiseführern, in Büchern über Nepal und im Internet, wichtiger scheint, die Tempel, die kleineren Schreine und Stupas, Statuen und Reliefs, die in großer Zahl neben dem Stupa errichtet worden sind, wenigstens erwähnt und mit einigen Fotos ins Bild gerückt zu haben. Beispielsweise sind die beiden weiß gestrichenen Shikhara-Tempel (bekannt als Anantapur & Pratapur) zu beachten, welche östlich den Eingangsbereich dominieren, die allerdings keiner sonderlichen Erwähnung bedürften, böten die Türme nicht dem Kenner einige ansehnliche Reliefs und wären sie nicht von Pratap Malla errichtet worden. Dieser König von Kantipur, dem heutigen Kathmandu, lebte von 1624 – 1674, er sorgte während seiner Regierungszeit für wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung im Tal. Übrigens der auf dem runden Sockel mit den zwölf Tierkreiszeichen ruhende goldene Vajra (Donnerkeil), auf den die Pilger, nachdem sie die Treppe bewältigt haben, als erstes stoßen, wird auch Pratap Malla zugeschrieben. Im Südbereich steht ein quadratischer Stupa, der auf dem Swayambu-Plateau als Solitär den Blick fesselt. Auf den sechs Etagen mit jeweils zwanzig Reliefnischen ruhen der Kubus und der Turm mit Buddha-Augen, den acht Ringen und dem Chhatri. Vorbilder für den massiven Unterbau der Stupa stehen in Tibet, jedoch der vergoldete Turmaufbau ist eine Referenz an bzw. eine Formübernahme vom benachbarten großen Stupa. Weiter im Rundgang, immer im Uhrzeigersinn, geraten die Pilger zum Hariti Ajima Tempel, der Bau ist ein geradezu typisches Beispiel für Tempelbauten im Kathmandu-Tal. Dort drängen sich die Pilger, sowohl Hindus als auch Buddhisten, denn Hariti gilt in beiden Religionen als Schutzgöttin der Mütter und Kinder bzw. soll Hariti gegen die Pocken schützen. Nordwestlich vom Hariti Tempel fasziniert die Aufstellung mehrerer Dutzend kleiner Stupas, Reliefstelen und Buddhastatuen. Die von Stupas übersäte Hoffläche bietet die verschiedenen Typen kleiner Stupas, deren Formen sind variabel, doch die sakrale Ästhetik der Bauweise bleibt gewahrt. Manchen Besucher mag die Fülle der steinernen Zeugnisse der Buddhaverehrung schablonesk oder schwer verständlich scheinen, aber zwei Bildwerke sollte man unbedingt in Augenschein nehmen: da ist zum einen der DIPANKAR BUDDHA aus dem 7. Jahrhundert und zum anderen die LICCHAVI VOTIVSTELE aus dem 5./6. Jahrhundert. Der Dipankar Buddha, gefertigt aus einer riesigen Steinplatte, ist auf Grund seiner Größe kaum zu übersehen ( ↓ im Gesamtbild oben links). Der etwa drei Meter hohe DIPANKAR BUDDHA zieht noch fast jeden Betrachter in seinen Bann. Rein handwerklich ist es ohne Zweifel ein Meisterwerk frühbuddhistischer Steinbildhauerei, doch darüber hinaus überzeugt die makellose Schönheit der menschlichen Gestalt und die ungetrübte Reinheit im Gesichtsausdruck und nicht zuletzt übt der fast makellose Erhaltungszustand der Statue einen unglaublichen/unbeschreiblichen Reiz auf die staunend verweilenden Pilger und Kunstfreunde aus. Wem fiele hier nicht das Attribut DER ERHABENE ein, welches oft verwendet wird, wenn vom Meister, vom großen Guru, vom einzigartigen Religionsstifter die Rede ist. Ohne Übertreibung lässt sich behaupten, hier wird eines der schönsten, wenn nicht das schönste Buddha-Bildnis im Kathmandu-Tal bewahrt und und mit Hochachtung verehrt. Die etwa einen Meter hohe an vier Seiten mit einem Buddha besetzte LICCHAVI-STELE muss nicht beschrieben werden. Die vierfach differierende figurale Anmut vermittelt sich ohne Worte, sofern man sich die Zeit gönnt, jeden der Buddhas näher in Augenschein zu nehmen. Die museal wirkende Aufstellung der ungezählten Votivstupas und die buddhistischen und hinduistischen Reliefs geben einen unsortierten Überblick auf den Götterkanon beider Religionen. Wer Zeit hat, kann sich in die Ansicht mancher ansehnlicher, aber auch erschreckender Göttergesichter versenken, trotz vieler Menschen, die sich hier tagsüber drängen, hat sich die religiöse Atmosphäre dieser Wallfahrtsstätte nicht völlig verloren. Alle Reliefs sind steinern eingefasst, damit ortsunveränderlich. Die jeweils gemauerten, bemalten und verzierten Nischen geben den Bildwerken einen würdigen Rahmen. Statuen und andere Kultgegenstände sind fest in ihren Sockeln verankert oder mit Eisenbügeln bzw. Schellen an ihren Platz gebannt. Auch viele Tempel und Schreine, nicht nur in Swayambunath, müssen nachts verschlossen werden und sind wie Schatzkammern mit Gittern gesichert. Manche Tempel sind permanent geschlossen. Manche Tempel und ganze Tempelanlagen stehen im Sinne des Wortes hinter Gittern, buchstäblich in einem Käfig. Solche Maßnahmen sind erforderlich, weil in den letzten Jahrzehnten viele Kunstwerke in Nepal gestohlen und außer Landes gebracht wurden. Fünf kleine Stupas sind auf drei Bildern zu sehen, alle verfügen über die gleichen Bau- und Schmuckelemente. Im Grundaufbau ähneln sich die Stupas, dennoch zeigt jeder stilistische Eigenheiten, aber Sockel, Unterbau und Turmaufbau sind bei allen fünf Exemplaren deutlich erkennbar. Alle wurden aus einem Steinblock gehauen. Die Stupas sind gering an Größe, dennoch massiv und schwer, ohne Hilfsmittel unverrückbar für Menschenhand. Wer dem Trubel rund um den Swayambunath Stupa entrinnen möchte und eine Pause benötigt, dem ist der westlich vom Plateau gelegene Manyushri-Schrein wärmstens empfohlen, das ist ein stiller Platz zum Durchatmen, sogar zur Meditation geeignet. Swayambunath gehört zum Standardprogramm aller Kathmandu-Touristen, dabei ist nie zu vergessen, dass man hier an einem Ort der allerhöchsten Buddhaverehrung unterwegs ist.
Hinweis: Etwa einen Kilometer nördlich vom Durbar Square Kathmandu steht auf einem Platz der Stupa Kashi Swayambhu, eine 1650 erbaute kleine Variante der großen Swayambunath Stupa. Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones
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Wer die schmale kurvenreiche stetig ansteigende Straße überwunden und einen Parkplatz gefunden hat, der gelangt nach wenigen Schritten durch das kleine Dorf Changunarayan zu einem der ältesten Tempel im Kathmandu-Tal. Dorf und Tempel gleichen Namens befinden sich immerhin auf 1541m über Normalnull. Die Entfernung nach Bhaktapur beträgt lediglich rund 5km. Die meisten Touristen besichtigen die drei Königsstädte im Tal, eine zusätzliche Ausfahrt zum Changu Narayan Tempel bietet sich an. Trotz der Nähe zur Stadt hält sich der Besucherzulauf in überschaubaren Mengen. Andrang wird nur bei religiösen Festen herrschen. Im November 2025 wurden von Touristen 400 nepalesische Rupien (2,50 Euro) Eintritt verlangt, die sind durchaus gerechtfertigt, denn der kultur- und kunsthistorische Schauwert dieser Tempelanlage übersteigt den vieler anderer Tempel in Kathmandu um einiges. Der Tempel soll im 4. Jahrhundert erbaut worden sein, musste jedoch nach Bränden in früheren Jahren und dem Erdbeben von 2015 wiederaufgebaut werden. Dem Jetztzustand ist der letzte Neuaufbau unverkennbar anzusehen. Von galerieartigen Bauten eingefasst erheben sich auf fast quadratischer Hoffläche der Haupttempel und mehrere Schreine. Zahlreiche wertvolle und äußerst ansehnliche Steinreliefs werten die Besichtigung zum musealen Rundgang auf. Leider reduzieren sich alle Betrachtungen auf Außenansichten des Haupttempels, den darf nur der Priester betreten, nur er ist berechtigt das namensgebende Idol Narayana zu sehen. Fremden (Nicht-Hindus) wird selbst der Blick ins Heiligtum verwehrt. Dessen ungeachtet fallen noch ausreichend wertvolle Reliefs ins Auge. Liebhaber historischer hinduistischer Bildwerke werden die Tempelanlage sehr zufrieden verlassen. Alle kleineren Tempel und Schreine sind zugänglich. Die prächtige Ausstattung vom Haupttempel kulminiert an der Westfassade, die auch als Eingang zum Heiligtum dient. Hier dominieren die vergoldeten Türen und die herrlich geschnitzte Thorana, während das Schmuckwerk der anderen Fassaden nur mit bunten Anstrichen versehen ist. Das vom oberen Dachgeschoss herabhängende goldene Band wird als sogenannte Himmelsleiter bezeichnet, mittels dieser Vorrichtung soll den Göttern der Zutritt in das Heiligtum erleichtert werden bzw. wird den Seelen der Aufstieg in die himmlischen Gefilde ermöglicht. Solche Bänder finden sich an allen größeren Pagodentempeln in Kathmandu respektive in Nepal, mitunter sind mehrere Himmelsleitern an einem Tempel angebracht. Zu sehen sind auch Glocken, die meist im Eingangsbereich der Tempel an steinernen oder hölzernen Balken hängen. Glockenschläge signalisieren den Göttern den Zutritt und das Verlassen der Menschen der Tempelanlagen. Lautstark künden die gläubigen Menschen ihr Kommen und Gehen. Ein direktes Glockenläuten zu oder aus bestimmtem religiösem Anlass wird nicht praktiziert. Prozessionen und Rituale verstehen sich von selbst und kommen ohne metallischen Ruf aus. Eine bekannte Ausnahme ist die Tahgah Gam-Glocke in Kathmandu, die wird täglich 9Uhr zu Ehren der Göttin Taleju (sprich: Durga resp. Kumari) geläutet. Taleju gilt als Schutzgöttin der Königsfamilie. Elefanten, Löwen, Yalis und Makaras bewachen den Tempel und dessen Eingangstore, diese animalisch-mythologisch fundierte Koexistenz verhindert das Eindringen böser Kräfte in den Tempel, so die überlieferte Tradition, woran die Menschen fest glauben. Die Tiere und Mischwesen werden ähnlich intensiv verehrt, sie stehen den Götteridolen in nichts nach. Vishnu-Narayana ist auf den erhaltenen Reliefs im Tempelgelände in fast allen seiner wesentlichen Verkörperungen präsent. Narayana meint im übertragenen und umfassenden Sinn universell immer den Gott Vishnu. Die Vorlagen für die Götterbilder folgen tradierten Vorstellungen, dennoch sind eigenständige Kreationen nicht auszuschließen. Genialen Bildhauern gelangen einige großartige Vishnu-Reliefs. Kunstfreunden sind die auf Grund ritueller Benutzung kolorierten nepalesischen Götterbilder vertraut. Die Farben lassen sich tolerieren, doch schlimmer sind die sicher gut gemeinten dekorativen Verkleidungen, welche Statuen und Reliefs unkenntlich machen. Die Menschen lieben das Bunte, das Auffällige, für die Götter ist das Beste gerade gut genug. Die pulverigen Anstriche aus Naturfarben scheinen sakralen Vorgaben zu folgen, so wird Hanuman immer durch markante Orangefärbung kenntlich und Ganesha wird mit leuchtendem Rotton verehrt. Mischungen aus Rot und Gelb bleiben den Hauptgöttern vorbehalten. Frische Blumen und Blüten, oft auch Reiskörner werden den Göttern dargebracht. Blüten und Farben werden regelmäßig, wahrscheinlich täglich erneuert. König Bhupalendra lebte von 1679-1700, er übernahm die Regierungsgeschäfte von seiner Mutter und starb sehr jung während einer Pilgerreise in Ayodhya. Die vergoldeten Messingfiguren entstanden zum Gedenken an den König vermutlich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die betenden Figuren blicken zum Tempeleingang. Es sind die einzigen nichtsakralen Statuen auf dem Tempelgelände. Die Aussicht bei klarem Wetter ins Umland und bis zu den schneebedeckten Himalayagipfeln fasziniert. Den Weg vom Parkplatz zum Tempel (Mandir Walkway) säumen alte Bauernhäuser, Brunnen und kleine unscheinbare Tempel. Eine Treppe führt westlich aus dem Tempelgelände heraus in den neueren Ortsteil des Dorfes hinein. Beide Wege vermitteln Einblicke in das Leben der Menschen, die nach westlichem Verständnis in bescheidenen Verhältnissen existieren müssen. Strom- und Wasserversorgung sind mittlerweise gewährleistet, dennoch werden die alten Brunnen noch immer benutzt, nicht jeder Haushalt wird an das örtliche Wasserleitungssystem angeschlossen sein. Hunger ist in Nepal wohl kein akkutes Thema mehr, die ländliche Bevölkerung versorgt sich selbst mit Gemüse und Obst. Für die Stadtbewohner gibt es auf den Märkten reichlich frische Erzeugnisse in erstaunlicher Vielfalt zu kaufen. Das tägliche Leben der Menschen spielt sich zwischen Haushalt, Arbeitsplatz (so vorhanden) und Tempel ab. Einen Tempel aufzusuchen gehört obligatorisch zum Alltag. Speziell frühmorgens sind viele Tempel überfrequentiert. Jeder will/muss seinem Gott ein Opfer bringen. Die Besichtigung vom Changu Narayan Tempel erfolgte im November 2025. Den Fotos ist folglich Aktualität nicht abzusprechen.
Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones Wer auf der indonesischen Insel Java unterwegs ist, dem bietet sich als historisch bedeutsamste Sehenswürdigkeit unweigerlich die Besichtigung des Borobudur an, als zweites Hauptziel empfehlen Reisehandbücher den Prambanan Tempel. Abseits dieser berühmten Tempelanlagen existieren weitere kleine Tempel auf Java, die zumeist nur den Anwohnern bekannt sind. Interessierte Touristen müssen Taxifahrern den genauen Weg weisen, um zu den Kleinodien indonesischer Tempelbaukunst zu gelangen, was heutzutage, Google Maps sei Dank, ohne Probleme erfolgen kann. In diesem Artikel werden drei Tempel vorgestellt: Candi Asu Candi Pendem Candi Lumbung Candi bedeutet Tempel, das Wort bezeichnet hinduistische und buddhistische Tempel in Indonesien gleichermaßen. Wird dem Borobudur eher selten das Wort Candi vorangestellt und der Prambanan meist als Tempel bezeichnet, sind doch alle kleineren Tempel auf Java als Candi kenntlich. Keine 40km nördlich von Yogyakarta entfernt, eingebettet in ländliche Umgebung, verstecken sich die drei kleinen, gut restaurierten, liebevoll gepflegten Tempel, die mit Hilfe einheimischer Bauern leicht zu finden und ohne Schwierigkeiten über schmale, teilweise gepflasterte Wege zugänglich sind. Von Yogyakarta aus kommend, empfiehlt sich, zuerst den südlich gelegenen Candi Asu (Bild 1), danach den nur wenige hundert Meter nördlich befindlichen Candi Pendem und abschließend den etwas mehr als einen Kilometer westlich errichteten Candi Lumbung zu besichtigen. Gebaut wurden die hinduistischen Tempel in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Trotz baustilistischer Ähnlichkeiten sollten die Tempelbauten nicht als stereotype Wiederholungen angesehen werden, realistischer und damit der Sachlage näherkommend wäre folgendes Verständnis: gebaut wurde ein Prototyp in mehrfachen Variationen in einer vormals religiös intensiv genutzten Region. Die Nähe der Tempel zueinander untermauert diese Annahme. Ein Blick auf die Landkarte gibt Auskunft. Das riesig ausgebreitete Merapi-Massiv, Javas höchster Berg und unberechenbar aktiver Vulkan, dominiert das Zentrum der Insel: der Berg gilt als Wohnung der Götter, wird verstanden als religiöse Mitte, an dessen Peripherie wurden Tempel errichtet. Den Tempeln ist anzusehen, dass sie mindesten einen Vulkanausbruch bzw. mehrere Erdbeben nicht überstanden haben. Die durchaus gelungenen Wiederaufbauten vermögen die Tatsachen vormaliger Zerstörungen nicht völlig zu vertuschen. Der Zustand der drei Tempel unterscheidet sich erheblich. Nur der Candi Lumbung kann als wiedererstandener vollständiger Tempelbau betrachtet werden. Candi Asu und Candi Pendem eignen sich zu Studienzwecken der Sockel und der unteren Aufbauten. Die an allen drei Tempeln vorhandenen Gemeinsamkeiten sind schnell erfasst. Für die Tempel wurde ausnahmslos das auf der Insel vorhandene Lavagestein verwendet, auch bei den Wiederaufbauten der Tempel wurden die Fehlstellen durch selbiges Material ergänzt. Die Seitenlängen der quadratischen Sockel sind mit etwa 10m zu veranschlagen. Auf den gut mannshohen Sockeln mit umlaufenden gewölbten Gesimsen ruh(t)en ebenfalls quadratische Turmaufbauten, deren Aussehen lässt sich allerdings nur am Candi Lumbung nachvollziehen. Die kalkulierten Reduzierungen der Maße der Sockelstufen und der Schmuck mit Akroterien, sowie die Treppenstufen zu den östlich orientierten Tempeleingängen ähneln sich. In den tiefen schmucklosen Tempelinnenräumen fehlt jegliches sakrales Inventar. Denkbar sind Shiva-Lingams, die zur Anbetung in den engen Räumen präsentiert wurden. Die vorwiegend in Flachrelieftechnik ausgeführten detailreichen Dekorationsvarianten an den Sockelpaneelen der Tempel sind nicht zu übersehen und werden deshalb in diesem Artikel eingehend betrachtet. Von den Balustraden-Makaras an den Treppen hat sich leider nur ein Exemplar am Candi Lumbung erhalten, weshalb Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Makaras entfallen. Bei den Dekorationen am Candi Asu (Bild 1.1 & 1.2) wurde auf figürliche Darstellungen verzichtet. Tief eingelassene, säulenartige Baluster und angedeutete Pilaster (Bild 1.2) rahmen rechteckige Flachreliefflächen, diese symmetrische Aufteilung gliedert die Seitenflächen des unteren Sockels (Bild 1). Reste von Akroterien, welche wie Zinnen aufragen, sind an den unteren Gesimsen nur noch teilweise vorhanden (Bild 1.2). Die oberen Gesimse sind mit Girlanden verziert (Bild 1.1). Die Dekorationen in ihrer Gesamtheit als florale Muster zu klassifizieren, entspräche einer Übertreibung. Alle Dekorationsmuster wirken regelmäßig konstruiert, weshalb sie bestenfalls als Assoziationen, jedoch nicht als unmittelbare Adaptionen aus der Natur entlehnter Formen zu bewerten sind. Von den drei vorgestellten Tempeln hat sich am Candi Pendem die geringste Bausubstanz erhalten (Bild 2). Über dem Sockel ragen nur noch wenige unvollständige Mauerschichten empor, dennoch lohnt die Besichtigung. An der Flächengliederung der unteren Sockelaußenwände sind schöne Flachreliefs (Bild 2.1) und figurale Darstellungen (2.2) zu sehen, auch die Akroter sind mit hübschen Mustern geschmückt (2.3). Die zeitlose Schönheit der herzförmigen, floral umrankten Purnagatha (Vase) und der Hamsa (heilige Gans) in der Rosette erheben das Flachrelief zum Glanzstück (Bild 2.1). Während am Candi Asu die Säulen, welche die Flachreliefs am Sockel einrahmen, sehr tief eingelassen sind, dadurch sehr plastisch wirken, übersteigt die Relieftiefe der Säulen am Candi Pendem kaum das Niveau der Flachrelieftechnik, wodurch sie mehr Andeutung als wirkliche Säulen sind. Neben den Säulen fehlen die angedeuteten verzierten Pilaster. Wie als Ersatz finden sich neben den Säulen Yakshas (Bild 2.2): männlich halbgöttliche Wesen, die zumindest in ihrem Erscheinungsbild den Atlanten in westlichen Kulturen verwandt sind. Die Yakshas am Candi Pendem unterscheiden sich erheblich von den Yakshas am Candi Lumbung. Während der Pendem-Yaksha (Bild 2.2) kraftvoll-voluminös erscheint, wirkt der Lumbung-Yaksha (Bild 3.3) auf Grund symmetrisch frontaler Abbildung und der Einbettung in florale Strukturen völlig anders, gleichwohl nicht minder kraftlos. Ästhetisch makellos gestaltet sind die Verzierungen auf den Akroterien (Bild 2.3). Die schwungvolle Eleganz der stilisierten Blumengebilde und die hübschen waagerechten Bordüren überzeugen als dekorative Glanzleistungen. Diese ansehnlichen Muster bilden das Gegenstück zu den Mustern auf den Purnagatha-Reliefs (Bild 2.1). Vom Flachrelief bis zum Hochrelief wurden am Candi Pendem alle Möglichkeiten der Relieftechnik ausgelotet. Die Bildhauer versuchten oder verstanden, durch Anwendung verschieden tiefer Reliefs Wirkung zu erzielen. Der Candi Lumbung steht als vollständigste Überlieferung eines Hindu-Tempels dieser Bauart vor dem Betrachter. Die Bausubstanz darf trotz mancher Ergänzungen als geschlossen definiert werden (Bild 3). Der Turmaufbau (Bild 3.1) ist als Muster auch für die Candi Asu und Candi Pendem anzunehmen. Es bleibt zu vermuten, dass den grob geschichteten Turmsteinen noch feine Reliefschichten wie eine Außenhülle vorgelagert waren, als Beleg für diese Annahme mögen die Reliefsteine am Turmsockel (Bild 3.1 untere Bildhälfte Mitte) gelten. Der unmittelbare Kontrast rauer, nur grob bearbeiteter Steine am Turm und den solide gearbeiteten Sockelgesimsen, auf denen der Turm ruht, war als beabsichtigter Gestaltungseffekt garantiert nicht vorgesehen. Durchgängige Reliefs bedecken nur die Außenflächen des unteren Sockels und die Außenseiten der geschlossenen Stufenwangen vom Aufgang zum Tempeleingang. Je drei Reliefs an der Süd- West- und Nordseite und je ein Relief neben dem Treppenaufgang (Ostseite) zieren rundum die Sockelflächen. Weder figurale Reliefs noch Säulen trennen die dekorierten breiten rechteckigen Reliefs voneinander, lediglich glatte, etwas vorgeschobene Rechteckflächen im Hochformat stehen zwischen den dekorierten Breitbandreliefs. Darüber spannen sich Girlanden-Bänder, die auch schon am Candi Asu als Zierbänder zu bemerken sind. Eck-Akroter und gerade Akroter (Zinnen) vervollständigen den Zierrat am Sockel (Bild 3.2). Zwei Vogel-Rosetten und der dickbauchige Purnagatha (Rund-Vase) fügen sich zum harmonischen Ensemble, welches von einem Blumenmusterrahmen eingefasst ist (Bild 3.3). Die Vögel in den Rankenrosetten sind unverkennbar keine Gänse. Ob hier an Garuda erinnert werden soll oder einfach nur Bewohner des Himmelsbaums (Kalpavriksha) dargestellt sind, ist nicht zu deuten. Feststeht allemal, dass auch an größeren Hindu-Tempeln auf Java Darstellungen von Vogelpaaren und besagten Bäumen häufiger zu finden sind. Der Purnagatha-Vergleich (Bild 3.3 & 2.1) ist mindestens ebenso aufschlussreich, wie der Yaksha-Vergleich (Bild 3.3, 3.4 & 2.2) interessante Darstellungsversuche aufschließt. Bemerkenswerterweise erscheinen die Yakshas nur auf den mittleren Reliefs der Sockelseiten Süd, West und Nord. Die hockenden, lasttragenden Yakshas sind zur Abwehr böser Geister (negativer Kräfte) mittig an den Außenseiten des Sockels platziert, somit haben die Yakshas apotropäische Funktionen zu erfüllen. Die massiven Handläufe enden als Makaras. Ein Exemplar der schwer fassbaren mythologischen Wesen hat sich an der linken Aufgangsseite erhalten (Bild 3.5 & 3.7). Auf würfelförmigen Sockeln lagern die Makaras (Bild 3.6 & 3.8), diese Blöcke sind auf der Vorder- und der Außenseite reliefiert. Chakras zieren die Außenseiten (3.5) und schmucke Baluster die Vorderseiten der Blöcke (3.6). Die Reliefs an den Außenseiten der Treppe haben sich nur fragmentarisch erhalten. Das Relief an der Südseite ist auf Bild 3.2 zu sehen, auf Bild 3.7 das Relief der Nordseite. Beide Bilder dokumentieren Reste fantasievoll gestalteter Reliefs, leider auch die Fehlstellen, welche schmerzlich ins Auge fallen. Neben pflanzlichen Gebilden, die sich kreisförmig ordnen und Assoziationen an den Himmelsbaum hervorrufen, sind auf Sockeln sitzende Löwen mehr zu ahnen, als wirklich zu identifizieren, nur eine Krallentatze, das Gesäß und der Schwanzansatz machen den Löwen kenntlich (Bild 3.7 unten rechts). Löwen an den Außenseiten der Treppe und Makaras am Stufenaufgang vereinigen sich zur Schutzmacht, um das Eindringen böser Mächte in den Tempel zu verhindern, so das Verständnis der Menschen. Ohne Makaras wäre ein Hindu-Tempel auf Java nicht vorstellbar. Während an Khmer-Tempeln in Kambodscha die Makaras selten ohne Nagas auskommen, hat sich auf Java eine besondere Spezies Makaras etabliert: erschreckend weit aufgerissen das zahnreiche Maul, die Zunge flach im Unterkiefer, auf der Zunge ein flugbereiter Vogel mit gebreiteten Schwingen (Bild 3.7 & 3.8). Der Makara-Vogel erinnert an die Vögel auf den Sockelreliefs (Bild 3.3). Die seltsamen Mischwesen, am Candi Lumbung, die Vereinigung von Makara und Vogel, zählen zu den völlig eigenständigen Schöpfungen javanischer Bildhauerkunst an Hindu-Tempeln. Nicht unerwähnt bleiben darf die liebevolle Pflege der Tempel, der sich die ansässigen Bauern verpflichtet fühlen. Täglich wird gefegt, kein Laub, kein Müll liegt umher. Muslime pflegen Hindu-Tempel, das ist nicht selbstverständlich, das ist eher als großzügig umfassendes Verständnis interreligiöser Toleranz zu bewerten. Man bedenke, in keinem Land der Welt leben mehr Muslime als im indonesischen Inselreich. Abschließend vermitteln zwei Bilder Eindrücke von den Wegen zu den beschriebenen Tempeln und der fruchtbaren Landschaft, welche die beschriebenen Tempel umgibt. Tiefer können Touristen kaum noch ins ländliche Milieu Javas vordringen. Sprachliche Barrieren verhindern intensivere Einsichten in das Leben der Menschen. Wer vom westlichen Publikum spricht schon fließend Indonesisch? Ohne verbale Artikulation sprechen die Tempel und deren Reliefs eine international unmissverständliche Sprache. Betreffs Tempelarchitektur haben Kunstfreunde mit Java als Ziel einen Volltreffer gelandet. Hinweis: Unverzagte können noch die westlich vom Merapi gelegenen Candi Gunung Wukir, Candi Gunung Sari, Candi Wurung/Situs Planti, Candi Situs Samberan und den Candi Ngawen aufsuchen. Zu bedenken wäre allerdings, dass die Candi Wurung/Situs Planti und Candi Situs Samberan eher als Ausgrabungsstätten, nicht als restaurierte Hindu-Tempelanlagen zu bewerten sind. Der Candi Ngawen kann betreffs Architektur als gut restaurierter Bau empfohlen werden. Weit nordöstlich vom Merapi (eher östlich vom Mount Merabu) steht noch der Candi Klero (ein ansehnlicher Tempel) zur Besichtigung. Der Artikel bezieht sich auf Fotos einer Tempelvisite im Jahr 2014.
Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones Nur wenige Kilometer südöstlich vom Prambanan Tempel steht der Candi Sojiwan, er zählt zu den zahlreichen buddhistischen Tempelbauten, die im 9. Jahrhundert im Umfeld der Stadt Yogyakarta erbaut wurden. Mehrere baustilistische Eigenheiten rufen die besondere Harmonie dieses Tempels hervor. Zum einem ist es die quadratische auf niedrigen Sockel ruhende himmelwärts aufstrebende Bauform, die mit einem pyramidalen Dach und einer Stupa-Bekrönung in einer Höhe von 27m endet, zum anderem ist dem Tempel ein Eingangstor vorgestellt und drittens betont ein Stupa nachdrücklich den eindeutig buddhistischen Charakter der äußerst reizvollen Tempelanlage (Bild 1 & 2). Sowohl am Treppenaufgang als auch am Sockel (20x20m) sind erstklassige Bildhauerarbeiten zu bewundern. Der wunderbar erhaltene Makara (Bild 3) erhebt sich am Ende vom Handlauf der Treppe, er ist als erstklassiges Musterbeispiel dieser Gattung zu bewerten. Kunstwissenschaftler könnten an dieser Skulptur alle Merkmale javanischer Makaras erläutern. Leider fehlt der linke Makara: welches Tier im Rachen von diesem Makara seinen Standort bezogen hatte, lässt sich allerdings nicht ermitteln, in Frage kämen etwa ein Löwe, ein Vogel oder andere Schutzwesen. Dieser Makara muss nicht unbedingt dem erhaltenen geglichen haben (Bild 3). Das fein ausgeführte Relief an der rechten Treppenseitenwand (Bild 4) leitet die Folge der umlaufenden Sockelreliefs ein. Fast zwanzig Flachreliefs können am Sockel begutachtet werden. Alle Reliefs schildern Jataka-Szenen und haben mehr oder weniger belehrenden Charakter. Eine indonesische Webseite zum Candi Sojiwan erläutert die einzelnen Sockelreliefs: behauptet wird, dass zwei kämpfende Männer auf dem Relief (Bild 5) dargestellt sind. Außer am Sockel ist ausdrucksvolle Reliefkunst am Tempeleingang zu sehen. Neben den Stufen ruhen massive Sockel, auf denen der Türrahmen steht. Die Vorder- und die Seitenflächen der Sockel sind mit schönen Reliefs verziert (Bild 6.1 & 6.2). Auf den Reliefseiten/Sichtseiten der Sockel, im Grunde sind es die Basen vom Türrahmen, finden sich ungewöhnliche Gruppierungen halbgöttlicher Wesen, die auf Reittieren unterwegs sind. Die symmetrisch gestaltete Vorderfront zeigt je einen Löwen mit Reiter, die scheinbar aus dem Relief herausreiten. Unter den Löwen (zwischen deren Füßen) liegen menschliche (halbgöttliche Figuren?), deren Identität vermag der Autor nicht zu klären (Bild 6.3). Zwischen den Löwen-Reitern kniet ein Elefant (Frontansicht), auf dessen Kopf bzw. Rücken ein Yaksha, welcher mit erhobenen Armen die Rahmenlast der Tür, im übertragenen Sinn den Tempel stützt. Der rechte Löwe ist als mit dem Block verwachsene Halbfigur konzipiert, durch diese Fortsetzung erscheint der Löwe als voluminöse Skulptur. Daneben hat ein stehender Yaksha Position bezogen, der aber vermutlich ein Dvarapala sein wird (Bild 6.2). Die Anwesenheit eines weiteren Yaksha wird mit dem Bild 6.4 belegt, solche Yaksha-Reliefs finden sich an vielen buddhistischen Tempel auf Java. Die Versammlung der verschiedenen halbgöttlichen Wesen muss als bewusst gewähltes Ensemble bewertet werden, welches für den Schutz des Tempels zu sorgen hat. Der Glaube an die apotropäische Wirkung solcher Wesen ist ungebrochen. Weder am vorgebauten Tor noch an den Tempelwänden finden sich besonders auffällige Reliefs, lediglich Reste floraler Verzierungen sind auszumachen (Bild 7 & 8). Durch Erdbeben und mehrfache Wiederaufbauten sind etliche Reliefs unwiderruflich verloren gegangen. Der Candi Sojiwan soll angeblich der fünftgrößte Tempel auf Java sein. Die quantitative Einordnung besagt nichts über das imposante Erscheinungsbild der Tempelanlage aus. Wie eingangs schon erwähnt, der Tempel erscheint in seiner harmonischen Geschlossenheit als sehenswertes Bauwerk. Fotos und Text: Günter Schönlein
Korrektur: Vanessa Jones Außer dem Borobudur, dem Prambanan Tempel und dem Candi Sewu existieren auf Java etliche Tempel mittlerer Größenordnung. Nichts spricht dagegen, diese Tempel zielgerichtet als lohnenswerte Einzelziele anzusteuern oder nach Belieben diese Tempelanlagen zu abwechslungsreichen Tagestouren zu kombinieren. Die Auswahl sollte im Vorfeld der Reise getroffen werden, denn nicht alle Google-Einträge die als Candi=Tempel kenntlich sind, werden in jedem Fall den vielschichtigen Vorstellungen des Publikums gerecht. In Reiseführern empfohlene Ziele erfüllen meist die Erwartungen der Touristen, hier wird wohl nach kulturhistorischen (Schau)Wert und Erreichbarkeit der Tempel klassifiziert. Ahnungslos gewählte abgelegene Ziele könnten sich als Ausgrabungsstätten oder als noch nicht restaurierte Tempelruinen entpuppen. Um Enttäuschungen zu vermeiden, sollte Klarheit über die Beschaffenheit der archäologischen Stätten bestehen. Das Archaeological Office of Yogyakarta Province hat sich bemüht, die wichtigsten Tempel auf Java entweder mit Schildern zu versehen, die zumindest den offiziellen Namen nennen oder aber sie haben erklärende Tafeln angebracht, welche außer dem Tempelnamen noch historische Fakten und architektonische Besonderheiten hervorkehren. Selbst unbekannte entlegene Tempel, so etwa der Candi Sari, der Candi Pendem und der Candi Lumbung, wurden mit Schildern bzw. Tafeln bedacht. Die lobenswerte Initiative wurde jedoch nicht durchgängig einheitlich und keinesfalls zweisprachig realisiert. Gewiss sind hier noch Verbesserungen möglich. Wahrscheinlich bestimmten die Attraktivität des Zieles und das jeweilige Touristenaufkommen den Vorsatz, nur ein Namensschild oder aber eine zusätzliche Infotafel anzubringen. Oft stehen Touristen vor Informationstafeln in indonesischer Sprache (Bild 2), seltener vor englischsprachigen Tafeln (Bild 1), folglich heißt es, seine Hausaufgaben schon im Vorfeld einer Tempelexkursion zu erledigen. Nicht zufällig befasst sich dieser Artikel mit dem Candi Kalasan und dem Candi Sari, ein Vergleich bietet sich unmittelbar an. Der buddhistische Tempel Kalasan und das Klostergebäude Candi Sari stehen im Kontext einer größeren (leider verlorenen) Klosteranlage. Die geringe Entfernung der Gebäude zueinander (nur 800m) und die Erwähnung eines Klosters auf einer in Sanskrit verfassten Kalasan-Inschrift veranlasste die Wissenschaftler zur Annahme, dass zwischen beiden Bauten ein Zusammenhang bestehen müsse, obwohl keine belastbaren Funde oder weitere Inschriften diese These untermauern. Besagte Inschrift vermeldet, dass der Kalasan-Tempel im Jahr 778 der Göttin Tara geweiht wurde, somit gilt der Candi Kalasan als ältester buddhistischer Tempel in der Region Yogyakarta. Ehe keine älteren Einweihungsinschriften anderer Tempel entdeckt werden, behält diese Aussage ihre Gültigkeit. Der erste Blick auf den Kalasan-Tempel fasziniert: ein Solitär in flacher Landschaft, Bäume und Häuser umgeben den gleichmäßig geschichteten vierseitigen Bau großräumig. Auf einem flachen Sockel, der den polygonalen Grundriss des Tempels (regelmäßiges Zwölfeck) vorgibt oder nochmals wiederholt, erhebt sich der massive Turm mit vier Vorbauten, dessen östlicher als Eingang funktioniert. Opulente Reliefs und elegant geformte Gesimse bilden den schmerzlichen Kontrast zu eingestürzten Mauern der Vorbauten und leeren Nischen der Außenwände. Es ist schwerlich vorstellbar, welche Wirkung der fertige, mit allen Statuen und vollständigen Reliefflächen versehene Tempel einst hinterließ. Die Bilder 1.3 – 1.10 versuchen Eindrücke ehemaliger dekorativer Pracht wiederzugeben. In den offenen Mauernischen standen Götterstatuen. Die nicht begehbaren Räume wirken wie kleine Tempel, weil die hohen Öffnungen der Nischen Toren nachempfunden sind. Säulen tragen geschwungene Türstürze, die Formgebung der Stürze orientiert sich eindeutig an indischer Provenienz (Bild 1.3). Erst Nahansichten einzelner Flächen der Fassaden vermitteln den inhaltlichen Bilderreichtum und die detaillierte Feinarbeit der Reliefs (Bild 1.4 – 1.6). Kala, der Herrscher über die Vergänglichkeit, dominiert die Kudu-Bögen, welche als Makaras enden. Kala zur Seite stehen göttliche Helfer. Über/hinter Kala ragt ein himmlischer Palast (Svarga, Svargaloka) empor (Bild 1.5 & 1.6). Die Paläste stehen in der himmlischen Hauptstadt Amaravati, die paradiesische Stadt erhebt sich weit über dem Berg Meru. Das Tor zur Stadt wird vom Elefant Airavata bewacht, der wiederum ist das Reittier Indras. Nicht nur die architektonischen Formen und Bauelemente sind indischen Mustern geschuldet, auch die Reliefs greifen die überlieferten Legenden der indischen Mythen auf, allen voran die der Ramayana und der Mahabharata. Übergroß, fast ins Riesenhafte gesteigert, beherrscht eine prägnante Kala-Erscheinung das Tor zum Tempel (Bild 1.9). Der Torvorbau (Mandapa) mit dem weit nach oben gezogenem Kala-Giebel gerät unwillkürlich zum Blickfang, doch auch weitere Vorzüge zeichnen den Schmuck der Mandapa aus. Zu beachten sind die göttlichen Figuren rund um Kalas Haupt, die Löwen neben Kala, die wiederum nach unten verlaufenden Blumenkanten, welche in prächtige Makaras übergehen. Der unglaublich gediegen geschwungene und herrlich geschmückte Türsturz (ebenfalls in Kudu-Form) nimmt nochmals, wenngleich nur floral Kalas Gestalt auf. Der Sturz lagert auf Yaksha-Kapitellen und oktogonalen Säulen. Unter dem Türsturz befindet sich, tief eingerückt, ein Buddha-Relief: Buddha in Meditation. Neben dem Eingang befinden sich Hochreliefs, dargestellt sind wahrscheinlich Dvarapalas (Tempelhüter), alles zu sehen auf den Bildern 1.7 – 1.10). Äußerst beeindruckende Makara-Skulpturen schmücken die Sockelzugänge (Bild 1.11 & 1.12). Im Jahr 1840 notiert ein gewisser H. N. Sieburg den Candi Sari als nicht zerstörtes Gebäude gesehen zu haben. Wer auch immer Herr Sieburg gewesen sein mag, die jüngere Überlieferung weiß nur von einem maroden Bau zu berichten, der auf Veranlassung der niederländischen Kolonialherren in den Jahren 1929/1930 restauriert wurde. Das zweigeschossige, auf hohem Sockel gelagerte Gebäude wurde in einer vermuteten architektonischen Grundform wiederhergestellt, historische Fotoplatten könnten wertvolle Anhaltspunkte geliefert haben. Die an den Außenwänden verbliebenen Reliefs geben Kunde von der Pracht einstiger Fassadendekorationen. Der Mandapa an der Ostfassade ist komplett verloren, erhalten haben sich die Reliefs auf bzw. über den Fensterstürzen und die Figurenreliefs neben den Fenstern des Bauwerks, welches aus wissenschaftlicher Sicht nicht als Tempel, sondern als Wohngebäude für Mönche genutzt wurde, was keineswegs sakralen Schmuck außen, als auch im Innenbereich ausschließt. Beeindruckend ist die Dachgestaltung, welche entweder einer Erhöhung der oberen Wohnebene geschuldet oder aber als ausgebautes Dachgeschoss konzipiert war. Die Bilder 2.4 – 2.6 zeigen einen Ausschnitt vom oberen Fassadenbereich. Auf gestaffelten Gesimsen, welche die Fassaden etagenweise gliedern, ruhen Reliefsäulen, die Figurennischen und das Fenster einrahmen. Fensterbank und Fenstersturz ragen weit heraus. Neben einem quadratischen Fenster ist jeweils eine Figur platziert: ein Vidyadhara (männlich) und eine Vidyadhari (weiblich), das sind halbgöttliche Wesen, die im Raum zwischen Himmel und Erde leben und zu Shivas Gefolgschaft gezählt werden. Hohe Figurennischen neben dem Fenster ragen vom Gesims bis zum Fenstersturz hinauf. Weibliche Gottheiten (Tribhanga) stehen zwischen Säulen, über ihnen ein Girlanden-Sturz. Tribhanga (auch Tribungha) meint eine dreifach gebogene Körperhaltung, diese Art der Menschendarstellung ist der indischen Reliefkunst entlehnt und lässt sich rund 2000 Jahre zurückverfolgen. Alle Innenräume des Candi Sari sind nur über den einzigen ostseitigen Eingang zugänglich (Bild 2.1). Im Gegensatz zu dunklen Sakralräumen (Garbhagriha) vieler Tempel, oftmals ohne Fenster, sind die Innenräume vom Candi Sari lichtdurchflutet (Bild 2.7 – 2.9). Fenster an allen vier Gebäudeseiten ermöglichen Lichteinfall und garantieren Belüftung der Räume. In den umlaufenden oberen Gesimsen sind noch die Vierkantlöcher zu sehen, in denen Deckenbalken steckten. Holz ist weniger langlebig als Stein, weshalb sich von der Deckenkonstruktion nichts erhalten hat. Die wunderbar verzierten Außenwände vom Candi Sari stehen im Kontrast zu den fast schmucklosen Wänden der Innenräume. In zwei von Makara-Kala-Bögen umrahmten Mauernischen könnten Statuen gestanden haben oder Ritualgegenstände aufbewahrt worden sein (Bild 2.10). Makara und Kala als Schutzwesen sind an bzw. in buddhistischen und hinduistischen Tempelanlagen gleichermaßen anwesend (Bild 2.11 & 2.12). Die Makara-Reliefs vom Candi Sari (Bild 2.10) gleichen den Makara-Skulpturen der Aufgänge vom Candi Kalasan (Bild 1.11 & 1.12), sie entstammen einer Spezies. Mit dicken Backen, einer menschlichen Nase und eng neben der Nase vorstehenden Augen sind Kala-Gesichter auf Java kenntlich (Bild 2.12). Zwei Kala-Typen stehen zum Vergleich: Kala am Candi Kalasan (Bild 1.9) und Kala am Candi Sari (Bild 2.10 & 2.12). Anders in Kambodscha, dort stellten die Khmer-Bildhauer Kala meist mit aufgerissenem Breitmaul dar. Der Candi Sari (um weiter den offiziellen Namen zu benutzen), ein Wohnbau für Mönche, hat im Großraum Yogyakarta kein Pendant, sowohl die buddhistischen als auch die hinduistischen Tempel auf Java heben sich architektonisch vom Candi Sari deutlich ab (Bildvergleich 2.13 & 2.14). Zum muslimischen Glauben bekennen sich 85% der Bevölkerung Indonesiens, 10% sind Christen, die restlichen 5% teilen sich Hindus, Buddhisten und sonstige Religionsgruppen. Im Gegensatz zu anderen asiatischen und südostasiatischen Ländern zählen die buddhistisch orientierten Menschen zu den Minderheiten im Land, trotz der zahlenmäßigen Unterlegenheit können die Buddhisten ungehindert ihre Glaubensrituale ausüben. Bemerkenswert auffällig ist die sorgfältige Pflege der historischen Tempelanlagen, die gewiss nicht staatlich verordnet ist. Den Menschen scheinen das Bewahren der Hinterlassenschaften und das Gedächtnis an die Vorfahren schlichtweg Herzensangelegenheit zu sein.
Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones |
Autor Günter Schönlein
Auf meinen bisher acht Reisen nach Kambodscha habe ich viele Khmer-Tempel photographisch dokumentiert. Mit Pheaks Hilfe suchte ich auch viele schwer zu findende entlegene Tempel auf. In diesem Blog möchte ich meine dabei erworbenen Eindrücke und Kenntnisse gerne anderen Kambodscha-Liebhabern als Anregungen zur Vor- oder Nachbereitung ihrer Reise zur Verfügung stellen. sortiert nach Themen:
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