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Unvoreingenommene Besucher geraten in Jain-Tempeln unweigerlich ins Staunen. Die prachtvolle Ausstattung der Tempel fasziniert. Weißer Marmor wurde und wird bis heute als Baumaterial bevorzugt. Auch für die Statuen der Jain-Götter werden edle Steinsorten favorisiert. Vierundzwanzig erleuchtete Lehrer werden verehrt, die Tirthankaras. Meist finden sich die letzten drei der sogenannten Furtbereiter, mindesten aber einer der zwei Dutzend der Meister als Statuen in den Tempeln, seltener finden sich alle Jain-Idole in nur einem Tempel vereinigt. Weltweit gesehen wurden zweifellos die meisten Jain-Tempel in Indien erbaut, hier erstreckt sich die Palette von Höhlentempeln über prachtvolle Prunkbauten bis hin zu modernen Neubauten, die den klassischen Baumustern folgen. Die meisten Jainas leben in Indien, obgleich sie auch hier zu den religiösen Minderheiten zählen. In den Ländern der westlichen Hemisphäre konnte sich der Jainismus kaum oder gar nicht etablieren. Viele Menschen haben keine Vorstellung dieser Religion, oft ruft schon der Begriff Jainismus Achselzucken hervor. Wer aber offenen Auges, gleich in welchem Bundesstaat durch Indien reist, dem werden die Tempel der Jain nicht entgehen. An Hand mehrerer Bildbeispiele wird der Versuch unternommen, einige Jain-Idole vorzustellen. Die Auswahl und Reihenfolge erheben keineswegs den Anspruch repräsentativ zu sein. Die Bilder entstanden auf Rundreisen durch verschiedene Regionen des indischen Subkontinents. Reisenden wird üblicherweise Zutritt in die Tempel der Jain gewährt. Häufig wird auch das Fotografieren gestattet. Wobei unverständliche Ausnahmen das Befremden der Interessenten hervorrufen. Indische Museen bieten Jain-Reliefs und Jain-Statuen zur Ansicht, der kunsthistorische Wert ist längst erkannt. Jain-Kunstwerke werden gleichwertig neben buddhistischen und hinduistischen Exponaten präsentiert. Häufig finden sich drei Jain-Idole in einem Schrein, in einer Tempelnische, auf einem Altar vereinigt, hier handelt es sich im Regelfall um Neminatha, Parshvanatha und Mahavira (Tirthankara 22, 23, 24), sie gehören neben Adinatha (Tirthankara 1) zu den meistverehrten Lehrern des Jainismus. Die Jain-Lehrer, oft als Furtbereiter bezeichnet, werden generell in völliger Nacktheit dargestellt, hiermit wird die völlige Besitzlosigkeit verdeutlicht. Kein Kleidungsstück, kein Schmuckstück, allein die nackte Körperlichkeit zeichnen die Statuen und Reliefs der Jain aus. Leicht zu unterscheiden sind moderne, neu geschaffene, fein polierte Marmorstatuen von alten, dunklen Reliefstatuen aus Sandstein, Basalt oder Granit. Die schlichte Nacktheit hat sich als signifikantes Erkennungsmerkmal für Jain-Darstellungen über frühere Jahrhunderte hinweg bis in die Jetztzeit unverändert erhalten. Gleich ob sich die drei letzten Tirthankaras stehend oder sitzend in Meditationshaltung zeigen, diese in sich geschlossene Trinität erinnert an ähnliche Darstellungen buddhistischer Lehrer (Dreiergruppen von Bodhisattvas) oder an die hinduistische Trimurti (Brahma, Shiva und Vishnu) und nicht zuletzt an die christliche Dreiheit (Vater, Sohn und Heiliger Geist). Die Parallelen sind unverkennbar, wenn auch vom religiösen Glaubenskonzept nicht vergleichbar. In der künstlerischen Gestaltung solcher Dreieraltäre ist Variabilität durchaus zulässig, ob es sich bei den Tirthankaras vom Jain Mandir Dadabari Delhi (Bild 4) um die drei verehrten Lehrer handelt, kann der Laie nicht belastbar vermelden, immerhin ist bei zwei der drei Furtbereitern die Gestik der Lehrverkündigung deutlich zu erkennen. Auffälligerweise tragen diese drei Jain-Idole im Widerspruch zur oben beschriebenen Nacktheit hauchdünne Gewänder. Unterschieden werden zwei Sekten der Jain: die Digambaras – die Luftgewandeten und die Shvetambaras – die Weißgekleideten. Außer den hier vorgestellten Dreieraltären sind auch Einzeldarstellungen verehrter Jain-Lehrer zu sehen, diese werden sowohl in separaten Räumen als auch in kleinen Nischen präsentiert. Die Außenstehenden wissen oft nicht, auf welchen Tirthankara sie blicken, denn Namensschilder sind nicht vorhanden, doch die Jain kennen ihre Idole. Jeder Gläubige wird seinen speziellen Guru verehren, vielleicht auch allen 24 Tirthankaras demütig und mit Achtung die aufrichtige Referenz erweisen. Frische Blumen und Devotionalien fehlen an kaum einer Statue. Sehr bemerkenswert: Ordnung und Sauberkeit ist in allen Jain-Tempeln höchstes Gebot, das gilt auch für die Außenbereiche, sehr schön gestaltete Gartenanlagen mit weiteren kleinen Schreinen laden zum Rundgang und zur Meditation. In den Sammlungen der Museen dominieren Skulpturen von Adinatha, bekannt auch als Adinath oder Rishabhanatha, er gilt als erster Tirthankara und wird als Religionsstifter und Gründer der Jain-Lehre verehrt. Von Adinatha schufen die Bildhauer zumeist Idole in Meditationshaltung, bevorzugt wird Padmasana, der Lotossitz, welcher als gesund und ideal für lange Meditationen empfohlen wird. Neben Marmor fanden auch andere Steinsorten Verwendung, so etwa schwarz glänzender Basalt oder verschieden getönter Sandstein. In der Ausführung ähneln sich die Adinatha-Idole im Chandella-Stil aus Khajuraho. Der 1. Tirthankara sitzt in Meditation (Padmasana) versunken auf einem Löwenthron, die Gestaltung der jeweiligen Altarwand variiert (Bild 11 – 14). Bild 15 zeigt Adinatha sitzend auf einem Kissen, welches auf einem flachen Piedestal lagert. Auf der Frontseite vom Podest zeigen sich die neun Planeten (Navagraha) und zwischen ihnen liegt ein Buckelstier (Bild 15.1). Der Buckelstier verweist im Regelfall auf Shiva, inmitten der Navagraha ist sein Erscheinen ungewöhnlich. Das Motiv der Planeten findet sich auf Türstürzen vieler hinduistischer Tempel Indiens. Astrologie und religiöse Verehrung der Planeten, gehören für die Jain nicht zum Weg, der zur befreienden Erkenntnis (zu Moksha) führt. Die Planeten und deren Gefüge im Weltgebäude werden akzeptiert, doch kultische Verehrung der Planeten wird nicht praktiziert. Tauchen an und in Jain-Tempeln Reliefbänder oder Statuen mit den Navagraha auf, sind es respektvolle Übernahmen aus dem hinduistischen Glaubenskonzept. Innerhalb der unglaublich umfangreichen Sammlungen des British Museums fand sich zur Zeit unseres Besuches (2017) tatsächlich nur ein Jain-Idol: der hier gezeigte Adinatha aus Uttar Pradesh (Bild 16). Dieses Exponat glänzt nicht nur durch hervorragende Erhaltung, sondern auch durch typische Merkmale, die den Jain-Idolen eigen sind: Adinatha in Padmasana-Sitzhaltung, kenntlich durch die schulterlangen Haare und den endlosen Knoten auf der Brust (Srivatsa), dazu die Aureole, hier als Lotos-Halo mit nochmaliger Umrandung ausgeprägt, selbst die assistierenden Chauri Bearer sind durch eine Mandorla ausgezeichnet. Zum prächtige Löwen-Thron mit Decke und Kissen gehören das häufige Figurenpaar (männlich-weiblich), das wohl an die Eltern der Jain-Idole erinnert. Der Schutzschirm über dem Jain und die himmlischen Vidhydaras/Vidhyadaris dürfen nicht fehlen. Im Jahr 2025 zeigte das British Museum eine bemerkenswerte Ausstellung, die auch den Jainismus würdigte. Kevin Standage beschrieb begeistert diese Präsentation indischer Kunst. Der folgende Link führt zum Artikel: Ancient India : Living Traditions at the British Museum – Kevin Standage Es scheint Kunstfreunden nicht vergönnt zu sein, Statuen oder Reliefs aller 24 Tirthankaras in den Tempeln und Museen der Welt aufzufinden. Erstens existieren relativ wenig historische Jain-Bildwerke und zweitens wurde, wie schon erwähnt, immer und immer wieder Adinatha=Rishabanatha in Stein verewigt. Ausnahmen bestätigen die Regel, so fand sich völlig überraschend im National Museum Kathmandu ein rares Kunstwerk aus dem 10.Jahrhundert, welches den 8.Tirthankara Chandraprabhu darstellt, er steht in Samavanga-Positur (Kayotsarga) auf einem Lotos (Bild 17). Die Provenienz der Chandraprabhu-Statue ist nicht benannt. Im Londoner Victoria & Albert Museum werden Shantinatha (16.Tirthankara, Herkunft: Madhya Pradesh, Bild 19) und Parshvanatha (23.Tirthankara, Herkunft: Rajasthan, Bild 18) ausgestellt, beide Kunstwerke nehmen sich im Rahmen der umfangreichen Sammlung des Hauses im Vergleich zu buddhistischen Ausstellungsstücken als Raritäten aus. Aus Hospet, heute eine Industriestadt in der Nähe von Hampi, stammen zwei Stelen aus gelbgetöntem Sandstein, es handelt sich um den 24.Tirthankara Mahavira (14.-16.Jh. Vijayanagara Periode, Bild 20) und um den 16.Tirthankara Shantinatha (14.-16.Jh. Vijayanagara Periode, Bild 24). Aus der Region Hampi stammen eine Parshvanatha-Stele vom 23.Tirthankara (Bild 22) und zwei nicht benannte Tirthankara-Stelen (Bild 21 & 23), diese Stelen aus dunklem Granit werden zeitlich der Prä-Vijayanagara Periode zugeordnet. Während sich die nichtbezeichneten Stelen (Bild 21 & 23) sehr gleichen, wartet jede der drei anderen Stelen mit stilistischen Eigenheiten auf. Abgesehen von der äußeren Form bietet Mahavira (Bild 20) neben seiner eigenen Erscheinung als Rahmen alle weiteren 23 Tirthankaras, zu sehen sind außerdem zwei obligatorische Figuren links und rechts unten, hier wird es sich vermutlich um die Eltern der Jaina handeln, zusätzlich sind oben zwei Yakschwanz-Wedel (Chamara) zu sehen, die symbolisch an die Chauri Bearer erinnern. Nicht nur das Chauri-Symbol findet sich auf den fünf Stelen aus der Region Hampi, über allen Tirthankaras breitet sich auch der Schutzschirm. Parshvanatha (Bild 22) hat als Schutzschild den Naga-Raja hinter und über sich, eine Anleihe aus dem buddhistischen Kontext, jener Schlangengott hatte schon durch seine Anwesenheit dem Buddha die störungsfreie Meditation gewährleistet. Auf der Bildwiedergabe vom Shantinatha (Bild 24) ist am Sockel sein Erkennungsmerkmal, der Hirsch, leider nur schwach zu erkennen. Hinweis: die beschriebenen fünf Tirthankaras befinden sich in unterschiedlichen Sammlungen der Stadt Hampi. In Halebidu haben sich mehrere Jain-Tempel erhalten bzw. sind von der ASI vorbildlich restauriert worden. Die Tempel stehen nah beieinander, sie bilden einen Tempel-Komplex. Zwei überlebensgroße Statuen Parshvanatha und Shantinatha schmücken den Parshvanatha Basadi und den Shantinatha Basadi. Der Begriff Basadi bedeutet im Bundesstaat Karnataka Tempel. Im Jahr 1990 fanden Archäologen der ASI bei Ausgrabungen auf dem Jain-Komplex Halebidu die Fragmente einer großen Jain-Statue: Bahubali war der erste Sohn von Adinatha. Bahubali hatte im Gegensatz zu seinem Bruder erkannt, dass Reichtum und Macht das Leben nicht erfüllen. Wie sein Vater legte er seine Kraft in die Meditation und strebte Moksha an. Er soll ein Jahr lang stehend sich nicht vom Fleck gerührt haben, angeblich sind die Pflanzen an seinen Beinen emporgerankt. Die restaurierte überlebensgroße Statue steht jetzt unter freiem Himmel vor dem Museum von Halebidu. Eine umfassende, gut sortierte, durchaus bemerkenswerte Jain-Kollektion befindet sich im Maharaja Chhatrasal Palast in Dhubela. Das im Palast integrierte Museum wurde am 12.9.1955 vom damaligen Premierminister Shri Jawahal Lala Nehru eingeweiht. In mehreren Abteilungen werden weitere Kunstwerke aus der Region gezeigt. Die Sammlungen erwecken den Anschein, als hätte man über viele Jahre hinweg alle beweglichen Objekte aus den Tempeln der Region Dhubela im Palast archiviert. Neben zahlreichen Jain-Idolen sind im Maharaj Chhatrapal Palast Museum zwei sehenswerte seltene vierseitige Kultobjekte ausgestellt, es handelt sich um Jain Chatustikas, vergleichbar den Votiv-Stupas, die aus dem buddhistischen Kontext bekannt und vertraut sind. Der Chatustika (Bild 28) fehlt der obere Teil, wie die vollständige Stupa ausgesehen haben könnte, lässt sich an der gut erhaltenen Chatustika (Bild 29) ermessen. Bei beiden Objekten sind jeweils vier Jain-Idole zu sehen, die auf einem gemeinsamen Piedestal sitzen und durch Begleitfiguren verbunden sind. Einzuräumen gilt, dass die Chatustika (Bild 28) eher an eine untere Partie von einem quadratischen Pfeiler als an einen Stupa erinnert, zu glatt und unbehauen schaut der obere Bereich aus, eine turmartige Bedachung (Shikhara), wie auf der Stupa (Bild 29) würde sehr aufgesetzt wirken. Gleichwie, ob Chatustika oder Pfeiler, die Werke sollen betrachtet und angebetet werden, sind gedacht zur Umrundung, bei dieser religiösen Handlung wird eine, wenn auch kleine Pradakhshina vollzogen. Chakreshwari (Bilder 32 & 33) ist die weibliche Beschützerin von Rishabanatha/Adinatha, dem 1.Tirthankara. die Yakshini kann zweiarmig oder auch vierarmig in Erscheinung treten, hier wird sie vierarmig unterwegs auf Garuda gezeigt. Die Bilder 34 & 35 zeigen Adinatha sowohl stehend als auch sitzend. Der stehende Adinatha (Bild 34) wirkt vom Körperbau extrem überlängt, die schräge Kopfhaltung widerspricht der ansonsten sehr akkuraten Körperstellung und die Überbetonung des Geschlechts befremdet ein wenig. Die Bilder 36, 37 und 38 zeigen variiert das gleiche Motiv: Gomedh und Ambika. Der Yaksha und die Yakshini gelten als das göttliche Paar, welches den 22. Tirthankara Neminath beschützt. Ambika (Bild 39) als Einzelerscheinung findet sich in Indien häufiger, sie bevorzugt einen Löwen als Reittier, zu erkennen auf der schönen Statue aus Orissa, die im Victoria & Albert Museum London präsentiert wird. Eingeschränkt gilt: nur wenn Ambika dezidiert als Yakshini auftritt gehört sie in das Jain-Umfeld. Ambika (gleich: Mutter) kann auch als hinduistische Göttin erscheinen, wird häufig auch mit Durga bzw. Parvati gleichgestellt. Das National Museum in Delhi kann mit exquisiten Schätzen aufwarten. Hinduistische und buddhistische Kunstwerke dominieren, doch Jain-Idole finden sich wenige. Das Vollrelief Jinaꞌs parents, Chandella Periode 10.Jh. Khajuraho zählt zu den Raritäten, allein der Titel verunsichert, gemeint sind gewiss Gomedh und Ambika, die eindeutig zu erkennen sind (Bild 40). Tatsächlich nennt das göttliche Paar zwei Kinder ihr Eigen, welche Ambika meist auf einem Arm trägt, hier haben sich die Eltern die Last geteilt, wie auch auf Bild 36. Das naturale Ambiente ist mehr oder weniger überzeugend auf allen vier Darstellungen ausgeprägt. Eltern und Kinder sitzen unter einem Baum. Auch Ambika (Bild 39) sitzt unter einem Baum, zumindest lassen sich die floralen Bögen als Blattwerk deuten. Zum stilistischen Vergleich stehen sich ein neues und drei weiter oben schon gezeigte Bilder gegenüber: Blicken wir auf den Parshvanath (Bild 41), aufgenommen im Chhatrasal Palast Museum Dhubela, fällt die zu ihm gehörende Naga nicht sofort auf, erst auf den zweiten genaueren Blick sieht der Betrachter das besondere Kissen: der Tirthankara sitzt auf der gerollten Schlange, gleich selten in der Ausführung ist die freisitzende Jain-Statue ohne schmückendes Beiwerk. Den hier nebeneinander vorgestellten vier Parshvanath-Idolen ist die Schlange gemeinsam, wobei die Art der Darstellung variiert. Der Legende nach, rettete Parshvanath einer Schlange das Leben, in ihrer späteren Wiedergeburt als Nagaraja beschützte sie ihn vor einem Sturm. Die Schlangenhaube bzw. das Vorhandensein oder nur die Andeutung der Anwesenheit einer Schlange ist ein untrügliches Kennzeichen für die Identifikation vom 23.Tirthankara. Abschließend zu den bisher vorgestellten Bildern folgen noch vier unbezeichnete Skulpturen aus dem Maharaj Chhatrasal Palast Museum Dhubela, es handelt sich um Kunstwerke, die dem Autor durch ihr spezielles Erscheinungsbild wichtig und wertvoll erscheinen. Wie fast alle gezeigten Jain-Idole haben sich auch diese Werke leider nur schadhaft erhalten. Berührt nicht gerade die Fragilität des harten Materials? Dokumentieren diese Jain-Darstellungen nicht auf überzeugende Art die unvermeidliche Vergänglichkeit allen Lebens? Was verbindet die Lebenden mit unbeweglichen Skulpturen? Die lediglich numerierte, fragmentarisch erhaltene Reliefplatte (Bild 45) aus glänzendem schwarzen Stein zeigt als Hauptmotiv drei Tirthankaras, es muss sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Neminatha, Parshvanatha und Mahavira handeln. Die sitzende Mittelfigur mit dem ausgeprägten Naga-Schirm liefert den Hinweis auf Parshvanatha. Weiterhin auffällig sind der Makarabogen an der linken Seite und die handwerkliche Mischtechnik aus Relief und Ritzung. Ein buddhistisches oder hinduistisches Kunstwerk ist trotz Makara auszuschließen, weil eben die Figuren unbekleidet auftreten. Die Tirthankaras, oft als Furtbereiter bezeichnet, man könnte sie auch Wegmacher nennen, werden von den Jain-Anhängern als erleuchtete Lehrer verehrt, sie sind den Weg zur Befreiung (Moksha) gegangen. Im übertragenen Sinn können die Tirthankaras durchaus den Buddhas gleichgestellt werden, ihren Gurus zu folgen, ist den Jain echtes Bedürfnis.
Das Thema Jainismus ist nicht nur spannend, sondern ebenso endungslos wie der philosophisch erfasste unvorstellbare Zeitraum, in denen die Tirthankaras lebten. Zur Ergänzung des Themas: Quelle: die Angaben zu den Tirthankaras wurden der Liste der Tirthankaras – Wikipedia entlehnt. Es folgt die vollständige Liste der 24 Tirthankaras des Jainismus im aktuellen Zeitzyklus, zusammen mit ihren jeweiligen Erkennungssymbolen: Nr. 1 Rishabhanatha Stier Nr. 2 Ajitanatha Elefant Nr. 3 Sambhavantha Pferd Nr. 4 Abhinandananatha Affe Nr. 5 Sumatinatha Brachvogel (Reiher) Nr. 6 Padmaprabha Roter Lotos Nr. 7 Suparshvanatha Swastika Nr. 8 Chandraprabha Halbmond Nr. 9 Pushpadanta Krokodil Nr.10 Shitalanatha Shrivatsa (Wunschbaum) Nr.11 Shreyansanatha Nashorn Nr.12 Vasupujya Büffel Nr.13 Vimalanatha Wildschwein Nr.14 Anantanatha Falke (oder Stachelschwein) Nr.15 Dharmanatha Donnerkeil (Vajra) Nr.16 Shantinatha Hirsch Nr.17 Kunthunatha Ziegenbock Nr.18 Aranatha Fisch Nr.19 Mallinatha Krug (Kalasha) Nr.20 Munisuvrata Schildkröte Nr.21 Naminatha Blauer Lotos Nr.22 Neminatha Muschelhorn Nr.23 Parshvanatha Schlange Nr.24 Mahavira Löwe Hinweis: Der zitierte Wikipedia-Artikel enthält außer der Auflistung der 24 verehrten Lehrer weitere ausführliche Detailinformationen zu jedem einzelnen Tirthankara. Bilder und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones
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Bequem sitzend, zweiarmig, Früchte aus einer Schale fressend, die er sich selbst vorhält, so kennen, lieben und verehren die Menschen den Elefantengott Ganesha, den Sohn des berühmten Götterpaares Shiva und Parvati. Dieses steinerne vierarmige Ganesha-Idol hat seinen schattigen Platz im Garten, der den Nepal-Himalaya-Pavillon umgibt. Der wiederaufgebaute Pavillon, mit dem sich im Jahr 2000 auf der Weltausstellung in Hannover das Land Nepal präsentierte, kann seit 2003 auf der Martiniplatte bei Wiesent (Nähe Regensburg) in den Sommermonaten besichtigt werden. Die von tradierten Vorbildern inspirierten, durchgängig auf kunsthandwerklich höchstem Niveau gefertigten Götterdarstellungen am Nepal Himalaya Pavillon geben eine Übersicht auf das Pantheon hinduistischer und buddhistischer Götter, wobei folglich die nepalesischen Prägungen der Götterbilder zu sehen sind und der versammelte Reigen die maßgeblichen Götter favorisiert. In diesem Artikel werden einige Ganesha-Darstellungen nepalesischer Herkunft gezeigt und kurz beschrieben, die allesamt im Nepal Himalaya Pavillon entdeckt und fotografiert wurden. Der zwischen Kalasha-Pfeilern unter einem Kala/Naga/Makara-Bogen sitzende Ganesha (Bild 2) ist als eine Variante des steinernen Ganesha (Bild 1) anzusehen. Materialbedingt lassen sich in Holz feinere Details deutlicher herausarbeiten, als es der harte Granit zulässt. Dominant sind Ganeshas Attribute hervorgehoben (Bild 2.1). Seine Hände halten die Gebetskette (Mala), den abgebrochenen Stoßzahn, die Streitaxt und die obligatorische Fruchtschale mit Laddus oder Madakkas (Süßspeisen in Kugelform). Um seinen Bauch windet sich eine Schlange. Diese Schlange könnte durchaus in Verbindung zum Schlangenthron, auf dem er sitzt, gedeutet werden. Der Naga-Raja (Schlangenkönig) bot dem Buddha Schutz bei seinen Meditationen. Die siebenköpfige Schlange (der Naga-Raja) gewährt auch dem Gott Ganesha Schutz. Andererseits darf nicht übersehen, dass Shiva, Ganeshas Vater, sich auch mit Schlangen an den Armen oder um die Brust zeigt, das sind Aspekte, die sicher auch als Symbole von Macht und Stärke zu bewerten sind. Die im Bild 3.1 vorgestellte Ganesha-Darstellung darf schlechthin als ungewöhnlich, wenn nicht als selten bezeichnet werden. Dieser prächtig ausgestattete, dreiköpfige, zwölfarmige und auf zwei Reittieren stehende Ganesha erfordert unweigerlich nähere Begutachtung. Zunächst beeindruckt dieser Ganesha durch opulente Attraktivität, die gleichsam Verwirrung hervorruft, welche sich jedoch beim Betrachten der Details auflöst. Mehrköpfige und vielarmige Göttererscheinungen sind als hinduistische und buddhistische Darstellungsgepflogenheiten keine Seltenheit, so auch die Göttin (wahrscheinlich eine Emanation der Durga) am benachbarten Dachstützpfeiler (Bild 3). Ganesha präsentiert sich gleich auf zwei Reittieren: die Doppelung der Reittiere ist höchst selten zu sehen, üblicherweise ist Ganesha auf nur einer Ratte unterwegs. Die lässige Beinhaltung Ganeshas hätte eine zu große Abbildung des Reittieres erfordert, um die Dominanz der Ratte zu vermeiden, bediente sich der Holzschnitzer des Kunstgriffes der Doppelung der Ratte. Gott und Reittiere stehen auf einem Lotos-Podest. Ganeshas Beinstellung suggeriert fast eine Tanzposition, doch diese Annahme kann ausgeschlossen werden, denn der lebenszugewandte Ganesha, dem Tanz und den Frauen fürwahr nicht abgeneigt, wird sich zum Tanz kaum mit sämtlichen seiner Attribute bewehren und auch noch Lehrgesten vorweisen. Ganesha ist hier äußerst beschäftigt, es fällt unmittelbar auf, dass er in dieser Darstellung nicht die leckeren süßen Kugeln genießt, sondern sich seiner umfassenden Präsenz widmet, die nicht zuletzt durch die dreiköpfige Erscheinung betont und durch die prachtvolle Gewandung betont wird. Die dreiköpfige Erscheinung Ganeshas (Bild 3.1) erweist sich nach intensiver Betrachtung als nicht zutreffend, tatsächlich tritt Ganesha mit fünf Köpfen auf. Über den oberen zwei Ganesha-Köpfen, die als genaue Abbilder des Zentral-Kopfes erscheinen, übrigens nur in Teilansichten wiedergegeben, wölbt sich der neunköpfige Schlangenkönig Naga-Raja (Bild 3.3). Krone, Stirnzeichnung, Augen, Ohren und Nasenansatz sind direkte Entsprechungen vom Zentral-Kopf. Die einem Gott angemessen würdige Ausstattung an Kopf, Hals und Schultern setzt sich im unteren Körperbereich fort. Eine prachtvolle Schürze bedeckt den Unterleib. Ein Gürtel mit Glöckchen reicht fast bis zum Boden. Die Beine und Füße sind schmuckbehängt. Schlangen über den Knöcheln ergänzen die göttliche Ausrüstung (Bild 3.4). Zwei Arme ragen nach vorn, zwei Arme zeigen nach unten, je vier Arme sind seitlich ausgebreitet (Bild 3.5 & Bild 3.6). Die nach unten geneigten Arme mit offenen Händen entsprechen einer Grußgeste: siehe meine Hände sind leer, ich will dir nichts Böses, sei unbesorgt, komm mir entgegen. Der nach vorn angewinkelte rechte Arm hält ein Schreibwerkzeug, meist wird in diesem Fall Ganeshas abgebrochener Stoßzahn erwähnt, hier mit Federn verziert (Bild 3.5). Die vier seitlichen rechten Hände halten (von unten nach oben betrachtet) ein Ritualmesser, die Streitaxt und ein Schwert parat. Eine Hand ist frei, gut möglich, dass ein Ritualgegenstand fehlt (Bild 3.5). Die linke vordere gewölbte Hand birgt vermutlich eine der süßen Kugeln, mit denen sich Ganesha, der bekannte Genießer, zu verwöhnen pflegt. Die untere Seitenhand hält ein Buch (Schriftplatte), die nächste Hand ist leer, deutet aber eine Lehrgeste an, die vorletzte Hand umschließt ein Zepter, die obere Hand hält den Ankus (Elefantenstab) bereit (Bild 3.6). Die folgenden Ganesha-Vollreliefs, ebenfalls in Holz geschnitten, zeigen den Elefantengott in aufrechter entspannter Haltung. Im Relief (Bild 4) fehlt das Reittier, Ganesha steht erdverbunden auf dem Boden. Auf dem Truhen-Relief steht Ganesha auf der Ratte (Bild 5). Die Position vom Ganesha-Relief auf der Truhen-Vorderfront wird im Bild 6 gezeigt. Das Ganesha-Standbild, gegossen in Bronze, zeigt den Gott in Tanzlaune (Bild 7). Sein Reittier, die Ratte, schaut neugierig zu seinem Herrn auf. Gott und Reittier bewegen sich auf einer kleinen Plattform, einem Lotos-Thron, der von Kala geschützt wird. Die liebevoll gestaltete Szene orientiert sich und erinnert an ähnlichen Darstellungen vom tanzenden Gott Shiva. Der Flammenkranz und die Frontansicht der Tanzenden lassen sich schon an indischen Bronzereliefs früherer Jahrhunderte adäquat abgebildet nachweisen. Vater und Sohn verfügen über einige Gemeinsamkeiten, und sei es nur die Liebe zur Musik und zum Tanz, wobei Shiva aus anderen Beweggründen tanzt als sein Sohn es tut. Fotos und Text: Günter Schönlein
Korrektur: Vanessa Jones Zwei leicht zu verwechselnde göttliche Erscheinungen, die beide, so scheint es, zumindest äußerlich im Zusammenhang mit Shiva in Verbindung stehen, finden sich auf Aquarellbildern und beispielsweise auf den Reliefs der Tempel von Khajuraho, gemeint sind Adhikara und Gomukha. Der Buckelstier Nandi dient dem Gott Shiva als Reittier. Von ihm existieren tausende Statuen und Reliefs in allen vorstellbaren Größen, das Tier erfreut sich unglaublicher Popularität. Der weißhäutige Adhikara=Nandi wird anthropomorph dargestellt: eine vierarmige bekleidete Menschengestalt mit Stierkopf. Adhikara schmückt sich mit einer göttlichen Krone, Schmuck um den Hals und an den Armen. Er trägt ein Angavasta (Schultertuch, Stola) und einen Dothi (gewickeltes Beinkleid). Die rechte Hand hält den Parushu (die Axt), die linke Hand hält die Mriga (die Gazelle). Die vordere rechte Hand führt einen langen Stab, der in einem liegenden Nandi (übliche Stier-Darstellung) endet, sein linker Arm und die Hand hängen schlicht nach unten. Dieses Erscheinungsbild wird als Nandikeshwara verehrt bzw. ehrfürchtig Nandideva genannt, Deva meint Gott. Befinden sich auf der Stirn, der Brust und auf den Armen drei horizontale Linien (Tripundra) wird die göttliche Abstammung zusätzlich betont. Gomukha, ein Sanskritbegriff, meint Kuhgesicht. Gomukha ist folglich eine sehr spezielle Erscheinung. Die meisten Reliefs zeigen ihn mit Menschenkörper und dem Kopf einer Kuh. Gomukha wird von den Jain als zwei- oder vierarmiger Yaksha verehrt, der einen Elefanten als Reittier benutzt. Er gilt als Schutzgott (Yaksha) von Rishabhanatha, dem ersten Tirthankara, so sein Rang in der Jain-Kosmologie, also durchaus eine Zentralgestalt im Jain-Pantheon. Die hinteren Hände halten einen Stachel und eine Schlinge. Die vordere Hand hält eine Muschel, die andere Hand zeigt die Varada-Mudra, die Geste der Wunschgewährung. Erstaunlicherweise fanden sich an einigen Hindu-Tempeln in Khajuraho inmitten von Hindu-Göttern und Hindu-Göttinnen mehrere Gomukha-Figuren. Der hinduistische Götterkanon scheint den Yaksha Gomukha problemlos assimiliert zu haben, steht er doch ungemindert in Größe und Erscheinung auf den jeweiligen Reliefregistern gleichwertig neben und zwischen den bedeutenden Hindu-Göttern. Es ist auffällig, deshalb bemerkenswert, dass die Gomukha-Statuen meist im zweiten (mittleren) Figurenregister zu finden sind, hier scheint ein sakral bedingtes Anordnungsprinzip zu bestehen, wie auch die Gestaltung als Doppelfigur vorgeschrieben gewesen sein muss. Am Vaman Tempel finden sich zwei Gomukhas (Bild 2.1), außerdem ist im mittleren Bildregister ein gut erhaltener vierarmiger Gomukha zu sehen (Bild 3.2). Am Dulhadeo Tempel (Südgruppe Kahjuraho) lassen sich zwei Gomukha-Statuen nachweisen (Bild 4 & 4.1). Im Sockel vom Chitragupta Tempel (Westgruppe Khajuraho) wurden etliche Spolien eingemauert, so auch zwei Gomukhas (Bild 5.1 & 5.2). Der Jain Tempelkomplex im östlichen Bezirk der Stadt Khajuraho besteht aus einem Haupttempel und etlichen kleineren Tempeln, die nach und nach im Umfeld vom großen Zentraltempel erbaut wurden. Am Adinath Tempel befindet sich ein Gomukha als Einzelfigur (Bild 6). Direkt vor dem Zugang zu den Jain-Tempeln wurde ein moderner Rundbau errichtet, darin befindet sich das Jain Tempel Museum. Die Besichtigung lohnt. Gezeigt werden Architekturfragmente, Statuen und Reliefs, die allesamt vom Jain-Komplex stammen. Die Beschriftungen der Objekte fallen sehr karg aus, sind aber zweisprachig. Die einzige Gomukha-Statue ist auch ohne Beschriftung am typischen Kopf erkennbar (Bild 7). Die floralen und figuralen Dekorationen an den Tempeln von Khajuraho wurden während einer Epoche vermutlich jeweils von den gleichen Bildhauern geschaffen, nur so konnte die verblüffende Ähnlichkeit der Göttergestalten und die stilistische Übereinstimmung in dem mehr als zwei Jahrhunderte währenden Schaffensprozess erreicht werden. Konkrete Gliederungskonzepte der Reliefregister und Pilaster der Tempelwände müssen den Erbauern vorgeschwebt haben. Nichts wurde dem Zufall überlassen, nichts durfte den sakralen Anforderungen widersprechen.
Einmal mehr offenbart sich die unvorstellbare Vielfältigkeit der hinduistischen Götterwelt. Nur wer die alten indischen Sanskrit-Texte lesen kann und wissenschaftlich auswertet, erwirbt sich Kenntnisse, die etwas Licht auf die Kategorien der Götter, Halbgötter und sonstiger himmlischer Lebewesen werfen. Bild 1: als Gemeinfrei im Internet gekennzeichnet und zur Verwendung freigegeben Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones Wir wussten, heute würde ein harter Tag bevorstehen, dennoch freuten wir uns auf die Visite der Western Temple Group. Für Reisende der sogenannten alten Schule treten fortan gewisse Behinderungen in Kraft, der technische Fortschritt in allen Lebensbereichen ist unaufhaltsam. Indien setzt mehr und mehr auf online-Buchungen, heißt konkret: der Zutritt in Sehenswürdigkeiten (fast ausnahmslos touristische Ziele) ist nur noch mit online-Ticket möglich, per Smartphone vorzuweisen. Papierausdrucke werden derzeit als Ausnahme akzeptiert. Wie lange noch? Konventionelle Eintrittskarten sind weitestgehend abgeschafft bzw. Restbestände werden noch in kleineren Tempeln und Museen aufgebraucht. Wir wiesen die gültigen Papier-Tickets für die westliche Tempelgruppe vor, die auch anerkannt wurden, jedoch die im Internet ausgewiesenen Öffnungszeiten entsprachen nicht den tatsächlichen Gegebenheiten. Geschrieben stand: Open from sunrice to sunset, das ist eine klare Aussage, die aber für das Wachpersonal keine Gültigkeit hatte. Sie legten den Sonnenaufgang nach ihrem Ermessen bzw. entsprechend ihrer Arbeitszeit fest. Zwei Kontrollpunkte mussten passiert werden, den alten Ticket Counter am Shivsagar Lake und den neuen Ticket Counter in der Nähe vom Nordwestufer des Sees. Die Sonne war längst aufgegangen, leider noch durch Wolken verborgen, immerhin tröstlich das Einsehen des Mannes im Ticket Counter, der uns nach langer Wartezeit in kühler Morgenluft schon 6Uhr35 auf den Weg zum zweiten Kontrollpunkt schickte. Wir wollten die ersten Besucher sein. Der Vorschrift zuwider blickten wir bereits um 6Uhr50 auf den Kandariya Tempel und den Devi Jagadambi Tempel, die beide auf einem gemeinsamen Sockel stehen. Es war uns wichtig, die Tempel allein zu sehen. Für die Begutachtung der zahllosen Reliefs brauchten wir keine lärmenden Menschen in unserer Nähe. Die maßlose überwältigende Fülle visueller Eindrücke der Reliefs auf den Tempelfassaden kann der Kunstliebhaber nur ohne Störung, ohne Ablenkung genießen, aufnehmen und verarbeiten. Selten haben wir derart angestrengt die im Geist gespeicherten mit den realen Bildern verglichen und nach Parallelen gesucht. Trotz der Kühle am Morgen ist uns nicht einen Moment kalt geworden. Der Chitragupta Tempel ist dem Sonnengott Surya geweiht, obwohl Chitragupta ins Umfeld von Yama gehört. Die leider etwas ramponierte, armlose überlebensgroße Statue im Heiligtum zeigt Surya auf seinem Wagen mit sieben Pferden. Dreifach wiedergegeben ist der stehende Surya auf dem Türsturz zum Garbhagriha zu sehen. An den Balkonpaneelen sind mehr als 70 Götteridole gezählt worden. Auf der Südwand der Außenfassade zeigen sich neben anderen Göttern Brahma und Brahmi, außerdem als Besonderheit ein elfköpfiger Vishnu, der sich mit seinen zehn wichtigsten Inkarnationen präsentiert. Viele wahrhaft sehenswerte Spolien sind an den Außenwänden vom Sockel eingemauert, dadurch sind die wertvollen Reliefs gegen Diebstahl gesichert. Dieses Verfahren wurde auch an anderen Tempelsockeln praktiziert. Reliefregister, Götterbilder, Pilaster und verzierte Formteile dekorieren die Sockelwände. Wer aber bemüht sich und schaut alle Sockelwände an, sucht nach seltenen Reliefs? Nur Leute, die sich ein Gesamtbild der Chandella-Reliefkunst verschaffen wollen. Manche dieser Spolien hätten es verdient, in einem Museum präsentiert zu werden, aber offenbar war hier die Überfülle von nicht verwertbaren Reliefmaterial maßgeblich für die feste Montage an den Sockeln. Nach der Besichtigung der geordnet in Reihe stehenden westlichen Tempel (Kandariya, Jagadambi, Chitragupta) begaben wir uns in den südlichen Bereich der westlichen Tempelgruppe, dort stehen der Lakshmi Tempel, der Varaha Tempel und der Lakshmana Tempel. Der kleine Lakshmi Tempel bleibt betreffs Schauwert weit hinter dem Varaha Tempel zurück. Eine offene Säulenhalle birgt die einmalige Varaha-Skulptur. Durch die räumliche Enge der Halle wird das voluminöse Erscheinungsbild dieser kolossalen Götterskulptur erheblich gesteigert. Ein Foto ist ungenügend, um den Varaha (Vishnu als Eber) wiederzugeben. Wir sind mehrfach staunend um den Vishnu herumgegangen, haben dieses Idol von allen Seiten und aus allen möglichen Blickwinkeln begutachtet. Die Begeisterung wuchs mit zunehmender Betrachtungszeit. Fast vollständig ist die Oberfläche der Eber-Skulptur mit Reliefs bedeckt. Kenner werden viele, jedoch niemals alle Götter auf dieser Skulptur identifizieren können. In Büchern wird der Varaha von Khajuraho gezeigt, doch die unmittelbare Nahsicht wirkt berührend, hat es doch den Anschein, als wäre das gesamte hinduistische Götterpantheon auf der Haut des Ebers versammelt. Gezählt wurden 675 (sechshundertfünfundsiebzig) Götterfiguren. Auf den Seitenflächen des Kopfes sind sogar die Neun Planeten (Navagraha) versammelt. Der unbekannte Bildhauer muss Vishnus Reden aus der Bhagavatgita gekannt haben, dort verkündet Vishnu, was er den Menschen sein möchte und zeigt sich Arjuna in allen seinen Formen: »Ich bin das Selbst (…) befindlich im Herzen aller Wesen. Ich bin Anfang, Mitte wie auch Ende der Geschöpfe.« (Übersetzung: Klaus Mylius 1980). Der Lakshmana Tempel (siehe Foto weiter oben) zählt zu den größten Tempelbauten in Khajuraho und gilt als Vorbild für viele Sakralbauten Indiens. Gemeinsam auf einem Sockel stehen vier kleine Tempeln, die den Haupttempel umgeben, ein stilbildendes Baumuster, welches häufig verwirklicht wurde. Das dreiköpfige Kultbild Vaikuntha zeigt die Avatare Vishnus: Mensch, Löwe und Eber, alle weiteren Inkarnationen sind auf dem Rahmenrelief über Ganga und Yamuna rund um Vishnu versammelt. Weitere wertvolle Götterbilder haben sich im Tempel erhalten. Der reichhaltige Schmuck an den Fassaden repräsentiert einmal mehr die großartige Reliefkunst der Chandella-Bildhauer. Im nordöstlichen Bereich der Westlichen Tempelgruppe stehen der Parvati Tempel, der Vishvanatha Tempel, der Nandi-Schrein und der Pratapeshwar Tempel. Im Ensemble aller Tempel der Western Group sticht der Pratapeshwar Tempel als stilistisch unpassender Bau heraus. Alle anderen Tempel hinterlassen einen homogenen Eindruck, wenn auch manchem Bau erhebliche Ergänzungen bei der Restaurierung anzusehen sind, besonders störend ist die farbliche Hervorhebung am Parvati Tempel, der andererseits wirkt, als gehöre er zum Vishvanatha Tempel. Tatsächlich kommt der Verdacht auf, der Parvati Tempel sei ein Turm vom Vishvanatha Tempel, dem ohnehin zwei flankierende Schreine fehlen. Größe und Bauart der Schreine würden diese Annahme bestätigen. Nicht zu verkennen ist die Ähnlichkeit mit dem Lakshmana Tempel, dort aber stehen die vier Begleitschreine um den Haupttempel. Wunderbar erhalten hat sich das Portal vom Parvati Tempel, Schwelle, Pilaster und Lintel sind Musterbeispiele großartiger Reliefkunst. Aufmerksamen Betrachtern fallen die erotischen Szenen in den drei oberen Registern der Pfeiler auf. Sexuelle Praktiken finden sich an den Khajuraho Tempeln üblicherweise an den Fassaden in nicht erreichbarer Griffhöhe angebracht, die Augen müssen sich nach oben richten, um die legendären Reliefs zu sehen. Als originale Bauteile können außer dem Portal nur noch der Sockel, eine Nische und eine Löwenfigur über dem Portal und die Amalakas nebst Kalascha, die den Shikhara bekrönen, registriert werden. Der Nordost-Schrein, ebenfalls weiß getüncht, verfügt quantitativ über die geringste Menge historischer Bauteile, was erheblich zu seiner Unansehnlichkeit beträgt. Über den Verbleib der zwei fehlenden Begleitschreine am Vishvanatha Tempel konnten keine Informationen ermittelt werden. Das Portal vom Südwest-Schrein gleicht im Aufbau und der Reliefgliederung dem Portal vom Parvati Tempel, zeigt über den Wächterfiguren auch nackte Paar-Darstellungen, doch die Bildaussagen blenden vordergründig dezidierte Sexualpraktiken aus, denn bei den unbekleideten Paaren handelt es sich um Mithuna-Paare (Himmlische Liebespaare). Eindeutig sexuell konnotiert sind die Reliefregister im oberen Bereich der Fassaden vom Zentraltempel. Über die Bedeutung der Sex-Reliefs streiten sich die Wissenschaftler, es existieren verschiedene Auslegungen. Es genügt den Pratapeshwar Tempel von außen gesehen zu haben und sein Vorhandensein zur Kenntnis zu nehmen. Der zwischen 1784 und 1854 erbaute Tempel, genauere Daten sind nicht bekannt, ist von einem Lintel abgesehen leergeräumt. Wächter scheinen den schattigen Innenraum als Pausenplatz zu nutzen. Schräg gegenüber, durch Zaun und Straße separiert, steht der architektonische Gegenpart: der Kenotaph Samdhi of Raja Pratap Singh of Chhatarpur (Pratap Singh Chhatri). Im Vergleich dieser zwei Bauten erschließt sich der stilistische Zusammenhang, beide Bauwerke sind wohl auf Initiaven von Pratap Singh errichtet worden, sowohl Tempel und Kenotaph entsprechen dem Bundeli-Stil. Auf dem Gebiet des ehemaligen Staates Chhatarpur haben sich zahlreiche Baudenkmale aus dieser Zeit erhalten, die leider oder noch immer am Rand touristischer Wahrnehmung tangieren. Khajuraho profitiert von den Tempeln der Chandella-Ära. Jährlich besichtigen tausende in- und ausländische Gäste die Tempelgruppen und die Einzeltempel. Erstaunlicherweise stauen sich im Archäologischen Museum Khajuraho keine Besucherströme. Am Nachmittag konnten wir mehrere Stunden ungestört die Kunstobjekte bewundern und ohne Behinderungen fotografieren. Das 2015 neu erbaute Archäologische Museum Khajuraho bewahrt und präsentiert die am Anfang des 20. Jahrhunderts von W. E. Jardine (britischer Beamter) zusammengetragene Sammlung, die vormals im nicht mehr zugänglichen Jardine Museum gezeigt wurde. Im neuen Museum stehen vorrangig Objekte zur Ansicht, die aus den Tempelanlagen von Khajuraho stammen. Zu sehen sind alle wichtigen hinduistischen Gottheiten, viele in mehrfachen Varianten, außerdem eine beträchtliche Anzahl jainistischer Kunstwerke und wenige buddhistische Skulpturen. Drei Mutter/Kind-Skulpturen fallen besonders auf, zwei der Skulpturen gleichen sich: beide Mütter liegend, den Kopf mit dem linken Arm gestützt, jeweils einen Schlangenschutzschild hinter dem Kopf, beide ihr Kind an der Brust. Die harmlose Bezeichnung Mutter und Kind entkräftet die Assoziation hier auf eine Göttin (Matrika) zu blicken, wiederum Reliefbänder belegen, dass hier eindeutig hinduistische Muttergöttinnen abgebildet sind. Die Schlange als Unterlage ist im Bild links als Schlangenbett zu erkennen, im Bild rechts ist die Schlange nur unter der Brust sichtbar, es muss zwangsläufig auf Ananda (Weltenschlange), folglich auf Vishnu, sprich: Lakshmi geschlossen werden. Die Mutter der versehrteren Skulptur (Bild rechts) trägt die typische hohe zylindrische Vishnu-Krone, außerdem ist im unteren Reliefband das Muschelhorn sehr prägnant herausgestellt, hier als Vishnu-Attribut zu bewerten. Die sehr ähnlichen Mutter/Kind-Skulpturen wurden als liegende Bildwerke gefertigt und sind in der waagerechten Position zu betrachten, während die dritte Mutter/Kind-Skulptur (obwohl liegend auf dem Boden abgestellt) ursprünglich als Nischenbildwerk senkrecht in einer Fassade gestanden haben muss, der Beweis für diese Behauptung ist das auf einer kleinen Sockelplatte stehende Kind. Hinter dem Kopf der weiblichen Figur ist ein Schlangenschild sichtbar, vielleicht ist hier eine Nagini oder eine Surasundari, wenn nicht gar Maheshvari gemeint. Saptamatrika-Reliefs sind in Indien öfters zu sehen, die sieben Muttergöttinnen werden meist von Veerabhadra (Shiva) und Ganesha (Shivas Sohn) begleitet bzw. behütet. Oft werden die Matrikas sitzend (mit ihren Reittieren zu Füßen) dargestellt, seltener stehend mit Kindern. Allein schon die hier gezeigte Darstellung der sieben stehenden Frauen erhebt das durchbrochene filigrane Relief zur Besonderheit. Die dritte Göttin (von links gezählt) trägt eine Schlangenkrone und den Dreizack, ist also eindeutig als Maheshvari zu identifizieren, in diesem Sinne könnte die Göttin Nr. 1594 (siehe Bild oben) auch als Maheshvari durchgehen. Selten, aus unserer Sicht ein Unikat, ist der ungewöhnliche Lintel (Türsturz) Objekt Nr. 1363. Leider fehlt die linke Reliefpartie, die aber sicher der rechten Tempelnische geglichen hat, als Verlust sind auch Teile der Navagraha (untere Figurenreihe) und Saptamatrika (obere Figurenreihe) zu beklagen. Links fehlen Veerabhadra (Shiva) und einer der Planeten. Diese Figurenformation Saptamatrikas stehend hinter den sitzenden Navagrahas ist betreffs der künstlerischen Gestaltung gelungen. Sehr erhaben und absolut göttlich, trotz Gesichtlosigkeit wirkt Vishnu auf Garuda, das göttliche Gespann bildet die hervorstechende Zentralfigurengruppe auf dem Lintel, welch wunderschöner Garuda, wie erst muss Vishnu ausgeschaut haben. (Die Bezeichnung Navagraha-Saptamatrika-Vishnu/Garuda hat der Autor geprägt.) Viele Kunstwerke aus der reichen Sammlung des Archäologischen Museums Khajuraho bleiben uns in Erinnerung, können aber auch jederzeit per Foto aufgerufen werden, denn fast alle Objekte der Sammlung haben wir fotografiert. Es kann nur empfohlen werden, das Museum unbedingt aufzusuchen. Die eingehende Besichtigung der Museumssammlung ergänzt die Eindrücke, die an und in den Tempeln von Khajuraho gesammelt wurden.
Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones Fünfter Tag: Pashupatinath, Bodnath und mehrere Tempelanlagen Für den heutigen Tag hatten wir ein umfangreiches Programm erstellt. Frühmorgens fuhren wir zu den bevorzugten Verbrennungsplätzen am heiligen Bagmati-Fluss, das Ziel ist als Pashupatinath bekannt. Der 18.11.2026 muss für die Nepalesen ein besonderer Tag gewesen sein. Ein religiöses Fest stand an. Was gefeiert werden sollte, erschloss sich dem außenstehenden Beobachter nicht. Schon um 7Uhr waren viele Menschen auf beiden Seiten vom Fluss unterwegs. Die Kremation einer Frau wurde vorbereitet, das schien aber nicht der Anlass für die ungewöhnliche Massenansammlung zu sein. Alle hatten zu tun, jeder schien intensiv beschäftigt. Schaumstoffmatten und Kissen wurden ausgelegt, Planen und Sonnenschirme aufgespannt, Brot und Getränke feilgeboten, die Menschen stellten sich auf einen langen Tag ein. Es lag mehr in der noch kühlen, leicht rauchgeschwängerten Morgenluft als nur Palavern und Musik aus Lautsprechern. Die Atmosphäre war erwartungsvoll positiv geladen. Auch wir harrten mit gemessenem Abstand den Dingen die kommen würden. Die Vorbereitungen, zu welchem Fest auch immer, währten lange, entsprachen nicht unseren Plänen, weshalb wir die Besichtigung der heiligen Stätte fortsetzten. Den Haupttempel dürfen nur Hindus betreten und das Interesse an der Verbrennung der alten Frau hielt sich unsererseits in Grenzen, so dass wir unerwartet schnell die für Touristen zugänglichen Bauten und Kunstschätze gesehen hatten, alsbald erklommen wir den Hügel am Ostufer, begutachteten die vielfach baugleichen Gräber auf den Terrassen, weiter oben einen Friedhof, wendeten uns mehrfach um, blickten hinunter zum Fluss, doch keinerlei Anzeichen deuteten auf den Beginn des Festes hin. Uns mitten in den vermutlichen Trubel eines religiösen Festes zu mischen, war nicht beabsichtigt, wir hatten ohnehin genug gesehen: einen lebensgroßen Vishnu, einen wunderbar geschnittenen Buddha (leider mit Zebrastreifen) und das berühmte, schräg stehende riesige Lingam, außerdem alte und neuere Holzfenster, addieren wir noch die stille Atmosphäre auf dem bewaldeten Friedhof hinzu, so konnten wir zufrieden sein. Mehr war diesem Ort am frühen Morgen nicht abzugewinnen. Am riesigen Stupa von Bodnath waren viele Menschen zu erwarten. Buddhisten würden wie eh und je im Uhrzeigersinn den Stupa umrunden, die sogenannte Kora (Pradakhshina) vollziehen, was auch wir beabsichtigten. Mehrere tibetische Klöster und Schulen wurden im Laufe von Jahrzehnten an der Peripherie des Heiligtums erbaut, Wohn- und Geschäftshäuser ergänzen das Bauensemble um den heiligen Ort. Restaurants bieten tibetische Speisen an, Pilger und Gäste sollen sich heimisch fühlen. Das Areal von Bodnath hat sich seit 1959 zur tibetischen Enklave etabliert. Flüchtlinge aus Tibet siedeln bevorzugt in der Nähe der Stupa. In dem relativ kleinem Staat Nepal fanden tausende Tibeter Zuflucht und versuchen gemäß ihren Traditionen und Gewohnheiten zu leben. Das 36m hohe Bauwerk wurde im 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung erbaut, verlor im Mittelalter an rituellen Wert, erst in neuerer Zeit wurde die sakrale Bedeutung der Stupa wieder erkannt. Ältere Fotos zeigen noch das ländliche Ambiente des vormaligen Dorfes Bodnath, welches heute als Stadtteil zu Kathmandu zählt. Jedes Jahr zum buddhistischen Neujahrsfest wird der Stupa mit weißer Farbe getüncht und die safrangelben Bögen auf dem Kubus erneuert. Vor dreißig Jahren war der Stupa noch nicht aufwendig mit Blumenschmuck dekoriert, ein chinesischer Sponsor wollte sich offenbar positives Karma verschaffen. Den Gläubigen genügen die Gebetsmühlen und die im Himmel flatternden Gebetsfahnen. Wir empfanden die Blumenpräsentationen übertrieben, sogar überflüssig, zu dieser heiligen Stätte pilgern die Menschen auch ohne leuchtende Blumenparade und Bäume in großen Töpfen. In Kathmandu stehen hunderte Tempel, doch nur wenige sind für Touristen interessant. Nicht-Hindus schätzen nach flüchtiger Begutachtung die meisten Tempel als baugleiche Wiederholungen ein, wir hatten eine Vorauswahl getroffen, die unseren kulturhistorisch-religiösen Erwartungen gerecht werden könnte. Der am Bagmati-Fluss erbaute Shiva geweihte Gokarneshwar Tempel zählt zu den ältesten Tempeln im Kathmandu-Tal. Die sehr gepflegte Tempelanlage hinterlässt auf Grund seiner vielgestaltigen Reliefsammlung auch bei Kunstliebhabern einen nachhaltigen Eindruck, keine der bekannten hinduistischen Gottheiten fehlt. Nicht minder kommen die Freunde hinduistischer Tempelarchitektur auf ihre Kosten. Der dreigeschossige Hauptschrein und die Nebenschreine ergeben ein harmonisches Gesamtbild. Der von einem uralten Baum vereinnahmte brüchige Ziegelschrein gibt ein lebendiges, sehr anschauliches Abbild der unwiderruflichen Tatsache vom Werden und Vergehen aller Dinge und allen Lebens, wer will, erkennt hier das göttlich-natürliche Schöpfungsprinzip. Die Auswahl von acht Reliefs dokumentiert die Vielfalt der im Gokarneshwar Tempel aufgestellten Götteridole, wobei einige der Reliefs auf Grund ihrer Volumina eher als Statuen zu bewerten sind. Leider finden westliche Besucher keine Hinweise zu den Götterbildern. Menschen, die betreffs hinduistischer Götterwelt über mangelnde oder ungenügende Vorkenntnisse verfügen, blicken auf rätselhafte Kunstwerke und werden bestenfalls die handwerkliche Ausführung rühmen. Ähnliches wäre zu den Schnitzarbeiten am Tempel auszuführen, auch hier machen sich grundlegende Kenntnisse bezahlt. Den Schnitzereien ist das Alter anzusehen, allerdings sind auch Verluststellen zu bedauern. In unmittelbarer Nachbarschaft einer Schule auf dem Pausenhof steht der Dhumrabarahi Tempel, dieser von einem Baum überwucherte unscheinbare Schrein wäre die Besichtigung kaum Wert, stünde nicht im Sanktum eine lebensgroße seltene Statue aus schwarzem Stein. Die Varaha Statue – Vishnu als Eber – sucht in Kathmandu seinesgleichen. Vishnu erscheint anthropomorph mit Eberkopf und Menschenkörper, Vishnu=Varaha hebt die Erde in der Gestalt der Bhudevi aus den Tiefen des Weltozeans. Über das Alter der Statue streiten sich die Sachkundigen, die meisten Expertisen nehmen die Liccavi-Periode als Entstehungszeit an. Die Wurzeln des Baumes sprengen die Mauern vom Schrein, bedrängen aber die Statue nicht, das wird als Wunder verstanden. In einem Vishnu geweihten Tempel darf sein Reittier Garuda nicht fehlen und warum sollte Ganesha, ein Sohn Shivas, nicht zugegen sein. In unmittelbarer Nähe, nur wenige Meter abwärts am Hang zur Straße hin, steht noch ein Schrein, der Shree Chandreshvar Mahadev Mandir, dort trafen wir den schlüsselgewaltigen Menschen, der auf freundliche Nachfrage den Varahi Tempel öffnete. In Kathmandu ragen die Spitzen mehrerer älterer Stupas gen Himmel, diese wurden in gemessenem Abstand den Haupthimmelsrichtungen folgend um den Stupa von Bodnath, weshalb diese einzeln stehenden Bauten als Ashoka Stupa Nord, Ost, Süd und West kenntlich sind. Innerhalb buddhistischer Tempelanlagen versteht sich die Existenz zahlreicher Stupas und Votivstupas von selbst, zusätzlich wurden im Laufe der Jahrhunderte auf kleinen Plätzen, an Straßenkreuzungen, zwischen Wohnhäusern und in Höfen hunderte, im gesamten Kathmandu-Tal wahrscheinlich tausende kleinere namenlose Stupas gebaut, die alle ihre Berechtigung haben, denn jeder gläubige Nepalese wird seinen Stupa haben, den er täglich zum Gebet aufsucht. Öffentliche Wasserbrunnen oder Briefkästen sind jedenfalls nachweislich weitaus weniger in der Stadt vorhanden, lediglich Mopeds übertreffen die Stupas zahlenmäßig. Morgens hatten wir den Bodnath Stupa umrundet, am Nachmittag liefen wir andächtig um den erheblich kleineren Charumati Stupa, der architektonisch dem großen Stupa entspricht, aber ohne monumentale Sockelplattform auskommt, sein Kubus lagert auf Bodenniveau, deshalb ist hier nur eine äußere Kora möglich. Mehrere kleine Votivstupas (durchaus älterer Herkunft) säumen den Kora-Weg. Den Stupa ließ Charumati, eine Tochter des Kaisers Ashoka, im 3. Jahrhundert v. Chr. erbauen, so behauptet es die Legende und auch WIKIPEDIA liefert diese Auskunft. Sechster Tag: Swayambunath, National Museum of Nepal und Ichangu Narayan Tempel Morgens waren rund um den Hügel, welchen die Swayambunath Stupa krönt, viele Pilger auf den Straßen unterwegs, die sich aber auf geheimnisvolle Weise verliefen, so dass von anfänglichen Massenandrang weniger zu spüren war, der, je höher wir stiegen, stetig abnahm. Der berühmte Wallfahrtsort ist wahrscheinlich zu jeder Tageszeit gut besucht. Dreihundertfünfundsechzig Stufen müssen bewältigt werden, um das dicht bebaute Plateau zu betreten. Der Blickfang ist der bekannte rund 2500 Jahre alte Stupa. Diese Jahresangabe bezieht sich gewiss nur auf die ursprüngliche, eventuell mit groben Steinen umrahmte verfestigte Erdaufschüttung, eine Bauweise, die den frühesten Stupas im alten Indien und auf Sri Lanka entsprach. Ursprüngliche Grabhügel, die Reliquien verehrter Gurus enthielten, wuchsen im Laufe vieler Jahrhunderte zu von Menschenhand geschaffenen größeren, höheren und prachtvolleren Stupas. Auf dem Swayambunath-Plateau treffen buddhistische auf hinduistische Pilger, mitten drin Kleinhändler, die auf kauflustige Touristen hoffen, trotz der Vermischung verschiedener Interessen herrschte am Morgen eine entspannt friedliche Atmosphäre. Schlussendlich kommen die meisten Menschen herauf, um Buddha und der Göttin Hariti die gebührenden Referenzen zu erweisen. Nach dem Abstieg suchten wir mehrere unscheinbare Haus- und Hofheiligtümer auf, wir brauchten Abstand vom Trubel, benötigten eine Verschnaufpause, ehe wir das nahe gelegene National Museum of Nepal ansteuerten. Ohne Google Maps hätten wir die kleinen zwischen Häusern versteckten Familienschreine nicht gefunden, auf der Suche erschlossen sich nebenbei die Wohnverhältnisse der Menschen in Kathmandu. Der Schritt in die Moderne ist zu spüren. Alle Haushalte verfügen über Stromanschluss, doch die Wasserversorgung funktioniert noch nicht flächendeckend. Noch müssen die Menschen Wasser von öffentlichen Brunnen in die Häuser tragen, primitive Behelfslösungen mit Schläuchen oder frei verlegte Plastikrohre ersparen das Wassertragen. Trotz alltäglicher Schwierigkeiten scheint der Glaube der Menschen an die Götter und das Vertrauen auf deren Beistand ungebrochen. Jedem halbwegs alten Stein, jedem Relief wird Bedeutung beigemessen, nichts der historischen Hinterlassenschaften wird missachtet. Alles wird bewahrt, nichts ist wertlos, überall werden Blumen und Blüten als Opfergaben gebracht, das geschieht schon morgens, ehe das Tagwerk beginnt. Die Sammlungen vom National Museum of Nepal sind reichhaltig bestückt und sehr gut sortiert. Wir waren mehrere Stunden ernsthaft beschäftigt: anschauen, lesen, fotografieren, zwei Schritte weiter, anschauen, lesen, nochmals hinschauen, fotografieren, bloß nichts übersehen, hundertfache Wiederholungen der gleichen systematisierten Bewegungen, die Ausstellungsäle (leider nicht klimatisiert) und die Themen der Sammlungen wechseln. Erstaunlicherweise begegneten uns im Museum wenige ausländischen Touristen in den erstklassigen Kollektionen. Erfreulich und gleichzeitig seltsam komisch empfanden wir den Besuch dreier Schulklassen, die durch eine Sonderausstellung im Sinne des Wortes getrieben, regelrecht gejagt wurden. Die Schüler liefen nicht gemächlich, sondern eiligen Schrittes im Gänsemarsch an den Kunstwerken vorbei. Wir staunten, denn außer dem Rücken ihres Vordermannes haben die Schüler nichts gesehen und die Lehrer unternahmen nichts, um das Durchlauftempo zu verlangsamen. Dabei hätten die Lehrkräfte erklären können, hier werden erstmals Kunstwerke gezeigt, die unrechtmäßig außer Landes gebracht und endlich aus internationalen Sammlungen nach Nepal zurückgeführt wurden und hoffentlich in die vorhandenen Sammlungen integriert werden. – Die Sonderausstellung A TEMPORARY EXHIBITION OF THE REPATRIADED OBJECTS zeigt und dokumentiert außer sehenswerten Kunstwerken auch die unbedachte Sorglosigkeit mit der namhafte amerikanische und europäische Museen nepalesische Kunstschätze über Jahrzehnte hin präsentiert haben. Inzwischen wird weltweit Provenienzforschung betrieben. Bei berechtigten Ansprüchen werden die Kunstobjekte in die jeweiligen Länder oder an die privaten Eigentümer zurückgegeben, doch jede Rückführungsmaßnahme erfordert Bedacht. Es macht wenig Sinn, unwiederbringliche Schätze der Weltkultur in Länder zu geben, die sich permanent im Kriegszustand befinden. Am Nachmittag fuhren wir noch zum Ichangu Narayan Tempel und danach zum Ashoka Stupa West. Dieser Narayan Tempel ist einer von vier Vishnu-Tempeln, die an vier markanten Eckpunkten vom Tal gebaut wurden. Der in hügeliger Waldlandschaft errichtete Tempel hinterließ den Eindruck völliger Abgeschiedenheit. Trotz naher Wohnhäuser war kein Mensch zugegen. Kein Pilger, kein Tempeldiener, keine Aufsichtsperson trat auf den Plan. Wir genossen die Stille, die Sonnenwärme und blickten in Ruhe auf die wunderbare, unsere Meinnung nach seltene Vishnu-Statue, denn üblicherweise, zumindest in Nepal, wird Vishnu auf der Weltenschlange Ananta liegend als voluminöses Flachrelief dargestellt (als prominentes Beispiel: Budhanilkantha). Einen fast sitzenden Vishnu in diesem Format (annähernd lebensgroß) hatten wir zuvor noch nirgends in Kathmandu gesehen und bei dieser außergewöhnlichen Einzelentdeckung sollte es auch bei allen weiteren Exkursionen betreffs Vishnu bleiben. Den Ichangu Narayan Tempel suchen Kunstliebhaber auf, die den besonderen Vishnu sehen wollen. Wissenschaftler ordnen diese Statue der späten Malla-Periode zu, genaue Daten zur Entstehung sind nicht bekannt. Die vorbildlich restaurierte Tempelanlage bietet ansonsten wenig Sehenswertes, doch Pilgern einen stillen Ort zum Gebet. Auf dem Weg zum Hotel in Lalitpur stießen wir am späten Nachmittag auf einen von Wohnhäusern umgebenen Stupa, der mit seiner kompakten Form völlig anders wirkt, als der Grashügel vom Ashoka Stupa West. Buddhas Augen sind in Kathmandu allgegenwärtig. Fotos und Text: Günter Schönlein
Korrektur: Vanessa Jones |
Autor Günter SchönleinAuf meinen bisher acht Reisen nach Kambodscha habe ich viele Khmer-Tempel photographisch dokumentiert. Mit Pheaks Hilfe suchte ich auch viele schwer zu findende entlegene Tempel auf. In diesem Blog möchte ich meine dabei erworbenen Eindrücke und Kenntnisse gerne anderen Kambodscha-Liebhabern als Anregungen zur Vor- oder Nachbereitung ihrer Reise zur Verfügung stellen. sortiert nach Themen:
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Der Blog enthält sowohl Erlebnis-Reiseberichte als auch reine Orts- und Tempel-Beschreibungen, siehe Kategorien "Persönliches" und "Sachliches" in der Liste von Tags oben, sowie eingestreute Beiträge zu anderen Reiseländern und Themen.
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Buddhapada Ungewöhnliche Reliefs Seltene Götter-Reliefss Sugriva und Valin Prasat Kansaeng TK 2 bei Beng Mealea Prasat Chrei Prasat Kong Phluk Toab Chey Thom / Toan Chey Tauch Ta En Tempel Pram Tempel (Trapeang Chhun) Prasat Kuk Troap Pram Tempel Koh Ker Sambor Prei Kuk (Teil 1) Sambor Prei Kuk (Teil 2) Fliegende Paläste Kbal Spean Bauernhäuser Preah Phnom Tempel Kat Kdei Tempel und mehr Baset Tempel Prasat Cheang Thom Prasat Rorng Ramong Götterstatuen im Angkor Wat Spuren der Intoleranz Unbekannte Tempel in Siem Reap 2 Yoni & Lingam Banteay Srei (Tempel ohne Namen) Kok Singh Tempel Prasat Ta Tnur Ergänzung: Baset Tempel Prasat Prei Prasat Bay Kaek Tempel Prasat Kongbong Alter Weg nach Roluos Neuentdeckungen in Roluos 1 Neuentdeckungen in Roluos 2 Neuentdeckungen in Roluos 3 Neuentdeckungen in Roluos 4 Neuentdeckungen in Roluos 5 Bilderbogen 2 als 200ster Artikel Phnom Chisor Trotz Corona in Kambodscha 1 Trotz Corona in Kambodscha 2 Trotz Corona in Kambodscha 3 Trotz Corona in Kambodscha 4 Bayon Tempel Spezial 1 Bayon Tempel Spezial 2 Prasat Top West Spezial Angkor Wat Spezial 2022 - Teil 1 Angkor Wat Spezial 2022 - Teil 2 Angkor Wat Spezial 2022 - Teil 3 Hayagriva Indrajit Krishna & Kaliya Vishnu allgegenwartig Die verlorene Sammlung (The Lost Collection) Srah Srang Yeay Pow Tempel Ta Prohm (Tonle Bati) Tempel Prasat Neang Khmau Phnom Bayang Tempel Phnom Bayang Nebentempel Prei Tempel Spezial Banteay Prei Spezial Krol Ko Spezial Prasat Tonle Snguot Phnom Da Angkor Borei Museum Prei Khmeng Stil Kala Preah Norodom Sihanouk Museum Krol Romeas & Kral Romeas Preah Khan versus Banteay Kdei Frömmigkeit versus Glaube Khmer Halsschmuck Spean Toap & Prasat Prohm Kal Dachlandschaften in Angkor Eindrücke vom Tag Bilderbögen Zentral-Vietnam Da Nang Marmorberge Da Nang Da Nang Halbinsel Son Tra Da Nang Museum Cham Sculpture Cham-Skulpturen: Vishnu & Shiva Cham Tempel in Vietnam Thap Phu Dien Thap Bang An Thap Khuong My Thap Chien Dan Thap Chien Dan - Museum Thap Dong Duong My Son (Teil 1) My Son (Teil 2) My Son (Teil 3) My Son (Teil 4) My Son (Teil 5) Cham Phong Lee Makaras der Cham Kala in Vietnam Hue - 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