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Der bei Google-Maps im äußersten Nordosten Kambodschas eingetragene, gleichermaßen unbekannte wie selten besuchte Neak Buos Tempel, kann ohne Einschränkungen neben all den anderen berühmten, großartigen Hinterlassenschaften der Khmer-Baumeister bestehen. Schon die Anfahrt gerät zum Abenteuer. Die ausgefahrenen Naturwege, oftmals nur tiefe Fahrspuren, queren unwegsames Gelände. Bauern mit speziellen Traktoren gelangen auf diesen schmalen Wegen, deren Abzweige und Kreuzungen nur ihnen vertraut sind, von ihren Wohnhäusern zu kleinen Feldern und Wiesen, welche dem bewaldeten hügeligen Gelände abgerungen wurden. Regenfälle verwandeln die Wege zu schwer passierbaren Schlammpisten. Motocross-Fahrer verfielen ob diesem Terrain in enthusiastisches Jubelgeschrei. Von der Anreise mit einem Auto ist abzuraten. Ein gutes Moped wäre das richtige Gefährt. Die Landschaft ist mit Wasser reichlich versorgt, es fließt von den Dangrek-Bergen hinab, die Kambodscha von Thailand abgrenzen. In einem zu Khmer-Zeiten angelegten rechteckigen Wasserbecken (Baray) steht noch immer reichlich Wasser, darin gedeiht Lotos üppig. An diesem Platz oder vorher schon könnte eine faszinierende Wanderung beginnen, denn es muss hier einen Pilgerweg gegeben haben, zumindest muss der Neak Buos Tempel ein religiöses Zentrum gewesen sein, wie sonst erklärt sich das Vorhandensein mehrerer Tempel, die sich aneinanderreihen, von denen einer den Männern (Prasat Kuk Bros), der andere den Frauen (Prasat Kuk Prei) vorbehalten war. Im größeren Maßstab betrachtet liegt der Neak Buos Tempel an der alten Königsstraße, die den Beng Mealea Tempel, den Koh Ker Tempel und das Wat Phu (heute Laos) miteinander verband. Die früheste Datierung erster Tempelbauten in Neak Buos reicht bis ins 7. Jahrhundert zurück, die letzten Umbauten und Hinzufügungen wurden im Auftrag des berühmten Königs und Großbaumeisters Jayavarman VII. im späten 12. Jahrhundert getätigt, folglich ist eine über sechs Jahrhunderte währende Nutzung der Tempelanlage anzunehmen. Die Tempelanlage ist einzigartig. Kein vergleichbarer Tempel in Kambodscha wäre zu nennen. Obgleich die Berge sich erst hinter dem Tempel erheben, könnte der Prasat Neak Buos als Berg-Tempel kategorisiert werden. Das sanft, aber stetig ansteigende Gelände wird durch drei terrassierte Ebenen überwunden. Stufen verbinden die Tempel-Terrassen miteinander. Zunächst kommt nur ein breiter Stufenaufgang in Sicht, vom Tempel ist noch längst nichts zu sehen. Die mächtige Sandsteintreppe fasziniert. Der Zugang von Ebene zu Ebene zum Haupt-Tempel ist als Prozessionsweg gedacht. Massenhaft umherliegende Steine lassen auf einen ehemals vorhandenen Gopuram (Torbau) schließen (Bild 1). Sind die Stufen zur ersten Ebene erklommen, öffnet sich dem Blick eine große Freifläche, auf der rechts nur ein Ziegelschrein im ruinösen Zustand steht (Bild 2). Beidseitig berührt eine hohe Ziegelmauer den zweiten Stufenaufgang. Der Blick von der ersten Ebene vermittelt den Eindruck mächtiger Mauern, tatsächlich sind es seitliche Gebäude, deren äußere Wände von unten gesehen vorerst als Umfassungsmauern der zweiten Ebene wahrgenommen werden. Was von den breiten Bauten, die aus der Nahsicht keine Außenmauern sind, geblieben ist, lässt nicht unbedingt auf sakrale Nutzung schließen, aber so viel ist zu erkennen, ihre Ausmaße und ihre räumliche Aufteilung gleichen sich nicht (Bild 3 & 4). Fragmente von typisch geformten Naga-Balustraden belegen seitliche Geländer an den Stufenaufgängen (Bild 5). Der die Ebenen verbindende mit Laterit-Steinen gepflasterte Mittelweg entspricht der Mittelachse der Tempelanlage (Bild 6). Die lineare Konzeption der Gesamtanlage ist konsequent durchgesetzt, was auf die spiegelgleiche Kongruenz der Anordnung der Schreine und sonstiger Gebäude keineswegs zutrifft. Umgekippte quadratische Pfeiler, Kapitelle und Basen liegen am Boden, das sind Indizien für eine mit vergänglichen Materialien überdachten Galerie (Bild 7 – 9). Das hintere Drittel der zweiten Ebene wird von einem Laterit-Sockel bedeckt, auf dem ein symmetrisch angelegter Torbau seinen Standort hat (Bild 10). Durch diesen kreuzförmigen Torbau mit Nebenbauten erfolgt der Zugang zur dritten Tempelebene. Der monumental angelegte Torbau, dessen auffällig hoher, im Vergleich zu anderen Tempeln überhoher Eingang wirkt monumental, fast überdimensioniert, verheißt aber andererseits Großes und steigert die Spannung. Proportional entspricht der Grad der Zerstörung den Ausmaßen der Toranlage. Die Gopuram-Ruine lässt noch immer die großartige Konzeption dieses Eingangs ahnen. Zwei Bauten aus Laterit, deren Zweck nicht mehr bestimmt werden kann, verbreitern den Torbau und schaffen eine Sichtverblendung zur zentralen Ebene (Bild 10 – 12). Die Säulen der erhaltenen Fenster entsprechen den Fenstersäulen vom Prasat Thom in Koh Ker. Die ebenfalls runden Fenstersäulen vom Gopuram der dritten Ebene unterscheiden sich in der Aufteilung der Ringsegmente, solche Säulen finden sich beispielsweise im Banteay Srei Tempel (Bild 13 & 14). Gesammelte Indizien solcher Art sind hilfreich zur zeitlichen Einordnung von Tempelanlagen bzw. einzelner Bauten, zu denen keine Inschriften überliefert sind. Ebenfalls im desaströsem Zustand befindet sich der Gopuram, welcher auf die zentrale Tempelebene führt. Von den Fenstern und Türrahmen abgesehen, für die Sandstein Verwendung fand, wurden die Mauern vom Torgebäude aus Lateritsteinen gefügt (Bild 15). Das quadratische Areal, auf dem sich der Haupttempel und mehrere Schreine erheben, wird vollständig von einer hohen Lateritmauer eingefasst, die jeweils seitlich an den Gopuram stößt, sich mit den Mauern vom Tor verbindet, wodurch der Mauerring geschlossen wird. In diesem Areal stehen neunzehn Bauten, wovon der Zentral-Prasat unmittelbar ins Auge fällt. Der Zugang vom Gopuram zum Haupttempel ist unverstellt, doch neben und hinter dem hohen Ziegelturm stehen kleinere Schreine. Südlich und nördlich vom Hauptweg (der Mittelachse) wurden weitere kleine Tempelbauten errichtet, bei der Anordnung dieser Bauten wurden jegliche symmetrischen Vorstellungen missachtet. Ein schmaler, sehr langer Tempelbau im äußersten Nord-West-Bereich fällt aus dem gewohnten Rahmen üblicher Tempelbauwerke. Der Schauwert der Bauwerke auf der letzten Tempelebene übertrifft in summa alle Bauwerke auf den vorher besichtigten Ebenen. Erstmals haben wir bedauert, über keine moderne Technik verfügen zu können. Die Stellung der Bauten auf der zentralen Tempelebene hätten wir gern mit einer Luftaufnahme (Quadrokopter) fototechnisch dokumentiert. Es braucht geraume Zeit, ehe sich die Augen an das ungeordnete Nebeneinander der verschiedenen Tempelbauten gewöhnt und die markanten Tempel erkannt haben. Zu unterscheiden sind Lateritbauten, desweiteren Ziegelbauten und Sandsteinbauten, außerdem Ziegelbauten, die auf einem hochgezogenen Lateritunterbau ruhen. Diese selten angewandte bautechnische Besonderheit findet sich auch am Haupttempel realisiert. Ein massiver Unterbau aus Laterit reicht bis in die Höhe der Pilaster. Darauf ruhen vier aus Ziegelsteinen gemauerte Turmsegmente, die durch üppige Gesimse voneinander getrennt bzw. verbunden sind (Bild 16.1 – 16.3). Deutlich zu erkennen sind die in sich gewölbten, bildfreien vom Flammenkranz gerahmten, auf massiven Pilastern lagernden Ziegel-Tympana, nur am Nord-Tympanum hat sich die ursprüngliche Mauerstruktur erhalten (Bild 16.4). Derartig geformte bildfreie Giebel finden sich auch in den nördlichen Tempelgruppen von Sambor Prei Kuk, dort sind allerdings die Ziegelschreine weniger hoch gebaut. Weniger gut als die Außenfassaden hat sich der Eingangsbereich vom Zentralturm erhalten. Bedauerlich ist die mutwillige Zerstörung von dem Lintel, der mit seiner Übergröße als Unikat registriert werden muss. Das in situ verbliebene Teilstück vom Türsturz lässt die ehemalige Pracht und handwerklich perfekte und künstlerisch hochwertige Ausführung ahnen. Der noch teilweise vorhandene Elefant verweist auf den Gott Indra. Im oberen Bereich sind zwischen floralen Ranken kleine göttliche Gestalten positioniert, die allesamt geköpft wurden wie auch der gesamte rechte untere Lintelbereich bis zur völligen Unkenntlichkeit beschädigt wurde. Vermutlich hatte hier (selbstredend auch auf der linken Seite vom Türsturz) ein Makara, eventuell mit Reiter, seinen Platz. Mehrere Bruchstücke vom Lintel, die durch gewaltsame Zugriffe entstanden, liegen am Boden umher bzw. wurden auf einen Mauervorsprung gestellt (Bild 16.6 & 16.7). Der übergroße Lintel maß geschätzt 2,20m in der Länge, 70-75cm in der Höhe und hat eine Dicke von 30-35cm. Der wuchtige Türsturz wurde mit brachialer Gewalt aus der Mauerverankerung gerissen, woraufhin er herabstürzte und zerbrach (Bild 16.8 & 16.9). Der kunsthistorische Wert der wunderbar geschnittenen Türschwelle ist den Dieben offenbar entgangen (Bild 16.10 & 16.11). Ähnlich schöne Schwellen, die gewiss zur Niederwerfung vor Eintritt in die Tempel gedient haben mögen, sind z.B. noch am Preah Ko Tempel im Roluos-Gebiet vorhanden. Einige künstlerisch außergewöhnliche Details der neunzehn Tembelbauten auf der Zentralebene müssen in Folge noch vorgestellt werden. Im südlichen Bereich steht ein Ziegel-Schrein mit äußerst eigenwilliger Kombination aus tradierter runder segmentierter Säule, auf der ein Lintelfragment ruht, welches stilistisch schwer einzuordnen ist. Kein weiterer vergleichbarer Türsturz mit solchem Dekor hat sich im Neak Buos Tempel erhalten, auch sind dem Autor im Angkor-Gebiet keine ähnlichen Lintels je vor Augen geraten (Bild 17.1 – 17.3). Im nördlichen Bereich steht ein massiver Sandstein-Schrein, dessen drei Lintel nur in einem Zwischenzustand überliefert sind. Vermutlich sind alle drei Türstürze von einem Bildhauer begonnen und nicht vollendet worden. Auf einem der Stürze hebt sich das Gottesbild andeutungsweise hervor, hier ist an Shiva oder an Yama zu denken. Die Frage, ob der kleine Tempel je zu Ende gebaut wurde, hat durchaus seine Berechtigung (Bild 18.1 – 18.4). Bedauernswerterweise hat sich vom sakralen Inventar des Tempels nichts erhalten. Keine Yoni, kein Lingam, keine Statue vorhanden, alle Tempelbauten sind ausgeräumt. Durch ein archäologisch geschultes Team müsste im Neak Buos Tempel die dringend notwendige Grundsanierung und endlich die wissenschaftliche Aufarbeitung erfolgen. Auch wäre es nötig, die Zufahrt/Zugangswege passierbar zu präparieren, derlei Maßnahmen täten der Popularität dieser Tempelanlage gut, denn das Schattendasein entspricht keinesfalls der Wertigkeit dieser Tempelanlage.
Mit der Vorstellung einen außergewöhnlichen Tempel aufzufinden, dringen bislang nur Enthusiasten in das entlegene Gebiet vor, die Unentwegten werden, erreichen sie ihr Ziel, gewiss nicht enttäuscht sein. Kompass und Kartenkenntnisse sind vonnöten. Man baue nicht auf Google Maps, denn die Internetverbindung in dieser Gegend schwächelt oder fällt völlig aus. Mit etwas Glück kommt zufällig ein Bauer daher und gibt Auskunft, auf welchen Wegen der Tempel trockenen Fußes erreichbar ist. Hinweis 1: Die Besichtigung vom Neak Buos Tempel erfolgte am 4.12.2023, alle Fotos geben den Zustand der Tempelanlage dieses Tages wieder. Hinweis 2: Eine historische Grundrisszeichnung vom Neak Buos Tempel, die aus rechtlichen Gründen hier nicht gezeigt werden kann, finden Interessenten auf der Foto-Webseite flickr.com. Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones
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Autor Günter Schönlein
Auf meinen bisher acht Reisen nach Kambodscha habe ich viele Khmer-Tempel photographisch dokumentiert. Mit Pheaks Hilfe suchte ich auch viele schwer zu findende entlegene Tempel auf. In diesem Blog möchte ich meine dabei erworbenen Eindrücke und Kenntnisse gerne anderen Kambodscha-Liebhabern als Anregungen zur Vor- oder Nachbereitung ihrer Reise zur Verfügung stellen. sortiert nach Themen:
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Der Blog enthält sowohl Erlebnis-Reiseberichte als auch reine Orts- und Tempel-Beschreibungen, siehe Kategorien "Persönliches" und "Sachliches" in der Liste von Tags oben, sowie eingestreute Beiträge zu anderen Reiseländern und Themen.
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