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Günter Schönlein
Blog

Tempel in Osian - Teil 1

6/3/2025

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Die Kleinstadt Osian (mitunter auch Osiyan geschrieben), eigentlich erst in jüngerer Zeit ein über seine Ortsgrenzen hinaus gewachsenes Dorf, wird in den Reiseführern meist wegen zwei Tempeln erwähnt. Es macht Sinn, die Texte mehrerer Reisehandbücher zu vergleichen.

Nelles Tour Guide Indien Der Norden bemerkt: "In Osiyan sind sehenswerte Hindu- und Jain Tempel aus dem 8. – 11. Jahrhundert über das heutige Dorf verteilt – meist archäologische Stätten mit schönem Figurenschmuck. Der Sachya-Mata Tempel ist ein lebendiges Heiligtum, das Hindus wie Jainas besuchen" (Zitat: Seite 138).

lonely planet INDIEN (deutsche Ausgabe) vermerkt zu Osian: "Die alte Stadt in der Thar-Wüste, 65 km nördlich von Jodhpur, war zwischen dem 8. und dem 12. Jh. ein wichtiges Handelszentrum, das von Jainisten beherrscht wurde. Diese hinterließen hier fein gearbeitete, gut erhaltene Tempel. Der Sachiya-Mata-Tempel (…) ist ein beeindruckender ummauerter Komplex. Der Mahavira-Tempel (…) birgt das Bildnis des 24.tirthankara, das über 2000 Jahre alt und aus Sand und Milch geformt worden sein soll." (Zitat: Seite 267) 

Das Reise-Taschenbuch RAJASTHAN – DELHI – AGRA von DUMONT beschreibt den Sachiya Mata-Tempel und den Mahavihara-Tempel etwas ausführlicher, versäumt aber nicht näher auf die anderen Tempel einzugehen: "Etwas außerhalb der Ortschaft liegen zwischen der nach Jodhpur führenden Straße und der Eisenbahnlinie Jodhpur-Jaisalmer zwei sogenannte Hari-Hara-Tempel, benannt nach einem Relief mit der gemeinsamen Darstellung von Shiva und Vishnu. Sie bestehen aus einem zentralen Hauptschrein und vier an den Ecken der gemeinsamen Plattform platzierten Nebenschreinen." (Zitat: Seite 199) Näher beschrieben werden der Hari-Hara-Tempel Nr. II, der Hari Hara-Tempel Nr. III und der Vishnu-Tempel Nr. 1

Das REISE KNOW-HOW INDIEN – der Norden schreibt: "Der heute in der Hitze der Wüste Thar vor sich hin dösende Ort war vom 8. – 12. Jh. eine lebhafte Handelsstadt am Kreuzungspunkt wichtiger Karawanenstraßen. Aus jener Zeit haben sich insgesamt 16 sehr schöne Hindu- und Jain-Tempel erhalten. Die ältesten Sakralbauten stehen auf einer erhöhten Terrasse am Ortsrand und sind in der Tradition des Gupta-Baustils konstruiert. Am beeindruckendsten ist ein sehr fein ornamentierter Sonnentempel aus dem 8. Jh. Der in der Nähe befindliche Stufenbrunnen war ursprünglich Teil eines Sommerpalastes, von dem jedoch nur noch bescheidene Ruinen erhalten geblieben sind." (Zitat: Seite 318) Die weiteren Ausführungen beschreiben den Sachiya Mata Tempel und den Mahavira Jain-Tempel. 

Vier Reiseführer – vier Einschätzungen: alle Autoren erwähnen den Sachiya Mata Tempel und den Mahavira Jain Tempel, beide Tempel sollten Touristen besichtigen, doch unbedingt auch den Fokus auf die "16 sehr schöne(n) Hindu- und Jain-Tempel" richten. Die meisten der Hindu-Tempel stehen beidseitig an der südlichen Ortseinfahrt in Sichtweite der R61, nur wenige sind im westlichen Ortsbereich zu finden, darunter auch der Jain-Tempel. Nur einer der "Sakralbauten steh(t)en auf einer erhöhten Terrasse am Ortsrand", gemeint ist der Sachiya Mata Tempel. 

Fügt man den Angaben aus den Reiseführern noch die Informationen aus den WIKIPEDIA-Artikeln https://de.wikipedia.org/wiki/Osian_(Rajasthan) und https://en.wikipedia.org/wiki/Osian hinzu, ergibt sich ein vielschichtiges, dichtes Geflecht von Hinweisen, die nur vor Ort auf Richtigkeit überprüft werden können. Hinweis: der englischsprachige Artikel liefert mehr Detailauskünfte und Fotos als die deutschsprachige Version. 

Die Informationstafel (Bild 1.1) verweist auf viele alte Tempel aus dem 8. bis 12. Jahrhundert in Osiyan, darunter den Sacchiyay Tempel und den Mahavira Jain Tempel, die noch immer für religiöse Zeremonien genutzt werden. Osiyan hat 20 Shiva, Vishnu und Jain Tempel, außerdem 7 Dev Kulikas. Die Bezeichnung Dev Kulika bzw. Devakulika (देवकुलिक) meint kleine Schreine (auch mit Turm), diese können an einer Mauer errichtet sein oder ein Tempelgebäude umgeben. Auf der zweisprachigen Tafel (Bild 1.2) wird der Tempel neben der Straße als Vishnu Temple, Osian deklariert. Auffällig ist außerdem die differierende Schreibweise auf den zwei benachbarten Tafeln: Osiyan – Osian. Eine ausführliche Info-Tafel ist nur an diesem Tempeln vorhanden. Google Maps hat für den Vishnu Tempel (zu sehen im Bild 1.3 links) keinen Namen parat, nennt aber den Nachbar-Tempel Harihara Tempel III (zu sehen im Bild 1.3 rechts).
Bild 1.1 & 1.2: Osian – Hinweistafeln an der Tempelgruppe Vishnu/Harihara Tempel
Bild 1.1 & 1.2: Osian – Hinweistafeln an der Tempelgruppe Vishnu/Harihara Tempel
Die folgenden Ausführungen konzentrieren sich zunächst auf die Tempel am südlichen Ortsrand an der R61. Beginnen wir die Besichtigung östlich der Straße. Unmittelbar neben der Straße fallen zwei Tempel, die etwas versetzt gegenüberstehen, ins Blickfeld (Bild 1.3). An diesen zwei Sakralbauten sind all jene typischen Merkmale vereinigt, durch welche sich alle anderen Osian-Tempel dieser Bauperiode auszeichnen: der rote Sandstein als alleiniges Baumaterial, die auf einem Sockel errichteten Aufbauten, gemeint sind der "zentrale Hauptschrein und die vier an den Ecken der gemeinsamen Plattform platzierten Nebenschreine" und der "schöne Figurenschmuck", der sich an allen Tempel in teilweise sehr gutem Zustand erhalten hat. Deutlich erkennbar sind die Rekonstruktionsmaßnamen, diesbezüglich ergänzen sich die beiden Tempel mehr oder weniger, was dem einem fehlt, kann der andere aufweisen. Klar ersichtlich ist die vereinheitlichte Bauweise: auf dem Sockel (Jagati) ruhen der überdachte Vorbau (Mantapa) und die Vorhalle (Antarala) zum Tempel mit Heiligtum (Garbhagriha), gekennzeichnet durch einen Turm (Shikhara). Der Harihara Tempel III ist der größere von beiden, auf der prächtig geschmückten Plattform standen ursprünglich neben dem Hauptschrein vier kleine Nebenschreine, von denen nur die zwei vorderen teilweise erhalten blieben. 
Bild 1.3: Osian – Vishnu Tempel (links) und Harihara Tempel III (rechts)
Bild 1.3: Osian – Vishnu Tempel (links) und Harihara Tempel III (rechts)
Nicht zu übersehen sind achtzehn separat aufgestellte Säulen/Pfeiler, die vermeintlich den äußeren Tempelbezirk markieren, tatsächlich sind es wohl die an einem Platz gesammelten und vereinigt aufgestellten Stelen verschiedener Sakralbauten, es müssen Einweihungs- bzw. Widmungsstelen der Osian-Tempel sein, (teilweise im Vordergrund von Bild 1.3 und komplett im Bild 1.4 zu sehen ). Die hier vorgestellte Auswahl der Einzelaufnahmen der Stelen bestätigt die differierenden Ausführungen der unterschiedlich hohen, im Querschnitt quadratischen Säulen. Schriftkundige könnten vermutlich jede Stele einem bestimmten Tempel zuordnen. Laien blicken auf ein steinernes Open Air Archiv der Tempel von Osian. Der etwas verwahrloste Aufstellungsort wird der Einmaligkeit dieser Kollektion keinesfalls gerecht.  (Nebenbei erwähnt, die Sachiya Mata-Stele ist an seinem angestammten Platz im Tempel verblieben.)

Meinung des Autors: Stelen sind unwiederbringliche Artefakte, die gehören in ein Museum, zumindest geschützt untergebracht. Für ein Informationszentrum "Die Pratihara-Dynastie und ihre Tempel in Osian" wäre das interessierte Publikum dankbar. An nicht genutzten Flächen in Tempelnähe mangelt es nicht. Hier besteht noch Nachholbedarf bzw. archäologisches Erweiterungspotential. Diese Zukunftsvision bleibt vorerst lediglich die Wunschvorstellung eines begeisterten Enthusiasten, welche allerdings der Bedeutung der Osian-Tempel entspräche. Zufällig ist ein Tempel im Hintergrund über der siebenten Stele gut zu erkennen, es handelt sich um den Harihara Tempel II (Bild 1.4).
Bild 1.4: Osian – Stelen im Außenbereich vom Vishnu Tempel
Bild 1.4: Osian – Stelen im Außenbereich vom Vishnu Tempel
Bild 1.4.1 – 1.4.6: Tempelstelen
Bild 1.4.1 – 1.4.6: Tempelstelen
Die Außenansichten der Tempel Vishnu und Harihara (Bild 1.5 & 1.6) lassen die Unterschiede zwischen historischer und ergänzter Bausubstanz deutlich aufscheinen. Schmerzliche Fehlstellen machen die Verluste kenntlich. Nach eingehender Außenvisite der Tempel (inklusive der Stelen-Sammlung) muss die Innenbegutachtung erfolgen, hier sollte der Blick nicht nur auf die Wände, Pfeiler, Säulen und auf die Portale, sondern auch nach oben auf die Deckendekorationen gerichtet werden. Wer sich intensiv dem Reliefschmuck widmet, der hat genügend zu tun, denn die Vielfalt der Götterbilder ist schlichtweg überwältigend, andererseits sind Wiederholungen der Motive schnell feststellbar. Es finden sich an einigen Tempeln in Osian mehrfach ganze Reliefreihen, die Episoden aus dem Leben Krishnas in fortlaufender Reihenfolge zeigen, was nicht heißt, dass sich diese Bilderreihen ausschließlich an Krishna geweihten Tempeln nachweisen lassen, wie eben auch Shiva-Reliefs an Vishnu-Tempeln zu finden sind und widmungsfremde Götterreliefs an den Harihara-Tempeln nicht auszuschließen sind. Im Grunde sind alle maßgeblichen Hindu-Gottheiten an allen Tempeln als Einzeldarstellungen vorhanden. Die Tempelnamen scheinen recht willkürlich, wenn nicht zufällig gewählt worden, denn jeder der Tempel könnte auch als Harihara Tempel, als Krishna Tempel oder als Vishnu Tempel, sogar als Shiva Tempel durchgehen. Eindeutig festlegen ließen sich die Benennungen nur, wenn in den Garbhagriha die Idole der Anbetung noch vorhanden wären oder Inschriften Auskünfte gäben. Die Dominanz einzelner Gottheiten bestimmte vielleicht die Namensgebung der jeweiligen Tempel. Gleich ob Hindus oder kunstinteressierte Touristen, die Besucher werden zunächst von den filigranen Reliefarbeiten in den Vorräumen zu der meist kahl belassenen Cella geblendet. Hier gilt es wirklich, den Blick systematisch wandern zu lassen. Die herrlich dekorierten Säulen, die Türrahmen, die Decken erfordern jeweils Einzelbetrachtung. Es lohnt sich wirklich eine Säule von allen Seiten anzuschauen, ein Relief aus mehreren Blickwinkeln anzusehen. Erst im Detail erschließt sich die thematische Geschlossenheit aller Dekorationen. 
Bild 1.5 & 1.6: Osian – Vishnu Tempel und Harihara Tempel III
Bild 1.5 & 1.6: Osian – Vishnu Tempel und Harihara Tempel III
Bild 1.7 – 1.9: Osian – Vishnu Tempel
Bild 1.7 – 1.9: Osian – Vishnu Tempel
Eine spezielle Besonderheit in den Osian-Tempeln sind die mehrfachen Abbildungen der Navagraha, sprich: der neun Planeten bzw. im übertragenen Sinn der neun Planetenreiche (Himmelsregionen). In der traditionellen hinduistischen Astrologie (Jyotisha) sind im Gegensatz zur griechischen Astrologie die Planetengötter männlich, wir blicken folglich auf personifizierte männliche Himmelsgestalten, deren Reihung einem vorgegebenen Darstellungskodex entspricht: Surya (Sonne), Chandra (Mond), Mangala (Mars), Budha (Merkur), Brihaspati (Jupiter), Shukra (Venus), Shani (Saturn), Rahu (aufsteigender Mondknoten) und Ketu (absteigender Mondknoten). Diese Angaben wurden sinngemäß dem WIKIPEDIA-Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Navagraha entlehnt.

Nicht zu übersehen ist Rahu, der ist als mächtiger Kopf abgebildet, Rahu ist der 8. Planetengott (von links gezählt) oder der vorletzte in der Reihe (von rechts gesehen), seine auffällige Erscheinung ist schlechthin das eindeutige Erkennungsmerkmal zur Identifikation einer vollständigen Navagraha-Darstellung (außer bei der Londoner Navagraha-Gruppe). Das British Museum London präsentiert im Eingangsbereich eine Planetengruppe (Navagraha) aus Konark (Bild 1.14). Ein Navagraha-Relief aus Rajasthan (Chittorgarh), entstanden während der Pratihara-Periode, kann im National Museum New Delhi besichtigt werden (Bild 1.15 & 1.15.1). Es scheint bemerkenswert, dass wir Navagraha-Reliefs bislang nur in Nord-Indien, respektive in Rajasthan, entdeckt haben. In Süd-Indien werden die Jyotisha-Lehren für religiöse Praktiken verwendet, doch fanden die Navagraha in den uns bekannten Tempeln in Karnataka und Tamil Nadu im Rahmen der Reliefdekorationen keinen sichtbaren Niederschlag.
Bild 1.10 & 1.11: Osian Vishnu Tempel, Vorraum zur Cella – Lintel und Gegenseite v. Kuppelrelief
Bild 1.10 & 1.11: Osian Vishnu Tempel, Vorraum zur Cella – Lintel und Gegenseite v. Kuppelrelief
Bild 1.12: Osian Vishnu Tempel – Navagraha (Detailaufnahme der Planetengötter 3-9)
Bild 1.12: Osian Vishnu Tempel – Navagraha (Detailaufnahme der Planetengötter 3-9)
Bild 1.13: Osian Harihara Tempel III – Navagraha (oberes Reliefband)
Bild 1.13: Osian Harihara Tempel III – Navagraha (oberes Reliefband)
Bild 1.14: British Museum London – Navagraha aus Konark (Sonnen/Surya-Tempel)
Bild 1.14: British Museum London – Navagraha aus Konark (Sonnen/Surya-Tempel)
 ↓ Bild 1.15: National Museum Delhi – Navagraha aus Chittorgarh, Pratihara-Periode 8. Jh. ↓
↓ Bild 1.15: National Museum Delhi – Navagraha aus Chittorgarh, Pratihara-Periode 8. Jh. ↓
Surya  –  Chandra  –  Mangala  –  Budha  –  Brihaspati  –  Shukra  –  Shani  –  Rahu  –  Ketu
Surya – Chandra – Mangala – Budha – Brihaspati – Shukra – Shani – Rahu – Ketu
Bild 1.16 – 1.18: Vishnu/Harihara III Tempel – Kuppelrelief – Säule – Kuppelrelief
Bild 1.16 – 1.18: Vishnu/Harihara III Tempel – Kuppelrelief – Säule – Kuppelrelief
Die Außenfassaden der Tempel sind im unteren Bereich mit verschiedenen Götterreliefs und im oberen Bereich mit Reliefbändern bedeckt, welche markante Szenen aus dem Leben Krishnas zeigen. Bei der Aufteilung bzw. der Positionierung einzelner Gottheiten ist eine sich wiederholende Anordnung zu erkennen, das wird beim Vergleich der hier vorgestellten Südfassaden augenfällig (Bild 1.19 & 1.21). 
Bild 1.19 & 1.20: Osian Vishnu Tempel – Südfassade mit Vishnureliefs & Vishnu Vamana
Bild 1.19 & 1.20: Osian Vishnu Tempel – Südfassade mit Vishnureliefs & Vishnu Vamana
Bild 1.21 & 1.22: Osian Harihara Tempel III – Südfassade & Zentralrelief Harihara
Bild 1.21 & 1.22: Osian Harihara Tempel III – Südfassade & Zentralrelief Harihara
Vom Doppel-Tempel Vishnu/Harihara III zum Harihara Tempel II braucht es nur wenige Schritte in südöstlicher Richtung. Der Harihara Tempel II versteckt sich in einem dichten Gehölz, von einem Wald zu sprechen, wäre übertrieben, zu klein ist die bewachsene Fläche, welche den Tempel umgibt. Den einzig geebneten Weg zum Tempel zu benutzen, wird sich mancher Besucher scheuen, doch es ist die kürzeste Verbindung. Alle Umwege, die keine Wege sind, führen durch hinterlistiges dorniges Gestrüpp (Bild 2.2). Die folgenden Ausrufesätze sind als Achtungs- und Warnsignale zu verstehen: Berührungsängste mit Hinterlassenschaften der modernen Zeit sind zu überwinden! Ekel darf nicht aufkommen! Flachatmung ist zu empfehlen! Müll und Tempel, ein Widerspruch in sich, leider Realität! Diese Ausführungen sind als Zustandsbericht vom 2.12.2024 (dem Besichtigungstag) zu lesen, es könnte sich inzwischen etwas getan haben . . . mit einer geringen Spur Optimismus bleibt die schwache Hoffnung, dass zukünftige Touristen solchen Zumutungen nicht ausgesetzt werden. – Ist endlich die stinkende, zum Glück trockene raschelnde Müllfurt widerwillig überwunden (Bild 2.1), öffnet sich der Blick auf einen gut restaurierten, wirklich sehenswerten Tempel aus der Pratihara-Periode (Bild 2.3 & 2.4).

Vom Nordwest-Nebenschrein abgesehen sind der Zentral-Schrein und die drei anderen Nebenschreine erhalten. Die vormals fünf Schreine (1+4) standen und stehen als Quincunx (Würfel-Fünf) auf dem Sockel. Der Eingang vom Hauptschrein ist westlich ausgerichtet, die östlichen (hinteren) Schreine zeigen ebenfalls in Richtung West, die vorderen (westlichen) Schreine sind mit der Eingangsöffnung einander zugewandt. Die Gläubigen konnten beim Betreten vom Podest in alle Schreine problemlos Einsicht haben und Zugang finden. Es scheint sehr weit hergeholt, aber der berühmteste Quincunx-Tempel steht in Kambodscha, gedacht ist an den bekannten Angkor Wat Tempel.
Bild 2.1 & 2.2: Osian – Wege zum Harihara Tempel II
Bild 2.1 & 2.2: Osian – Wege zum Harihara Tempel II
Bild 2.3 & 2.4: Osian – Harihara Tempel II Gesamt-und Teilansicht von West
Bild 2.3 & 2.4: Osian – Harihara Tempel II Gesamt-und Teilansicht von West
Die Dominanz der Götter Harihara, Narasimha und Vamana auf den Fassaden vom Harihara II Tempel (Bilder 2.5-2.7) sollte den Blick auf alle weiteren Götterreliefs weder trüben noch verhindern. Es macht Sinn, jede Fassade aller Schreine zu begutachten, weil sich durch die Gesamtsicht der Reliefs das vielfältige Spektrum der hinduistischen Götterphalanx in aller Bandbreite herauskristallisiert und gleichzeitig die thematische Verwandschaft zu den anderen Osian-Tempeln deutlich wird. Ähnliches gilt für die Reliefbänder im oberen Fassadenbereich, welche bekannte und wenige bekannte Legenden aus dem Leben Krishnas zeigen, seine Heldentaten sind dem Volk vertraut (Bild 2.9 & 2.10). Bleibt noch zu vermerken, dass auch in diesem Tempel auf die steinerne Gegenwärtigkeit der anthropomorph dargestellten Navagraha (Neun Planeten) nicht verzichtet wurde (Bild 2.8). Der Vergleich mit den Navagraha-Reliefs im Vishnu- und Harihara III Tempel bietet sich an.
Bild 2.5 – 2.7: Osian Harihara Tempel II: Harihara – Vishnu Narasimha – Vishnu Vamana
Bild 2.5 – 2.7: Osian Harihara Tempel II: Harihara – Vishnu Narasimha – Vishnu Vamana
Bild 2.8: Osian Harihara Tempel II: Vishnu-Türsturz, darüber Tempelreliefs & Navagraha
Bild 2.8: Osian Harihara Tempel II: Vishnu-Türsturz, darüber Tempelreliefs & Navagraha
Bild 2.9 & 2.10: Osian Harihara Tempel II: oberer Fassadenbereich mit Krishna-Legendenfries
Bild 2.9 & 2.10: Osian Harihara Tempel II: oberer Fassadenbereich mit Krishna-Legendenfries
Wenige Schritte außerhalb der Harihara II - Bewaldung befindet sich östlich eine Tempelruine (Annahme des Autors, zu überprüfen auf Google Maps Street View). Nordöstlich vom Harihara III Tempel steht der ohne Schwierigkeiten zugängliche Old Shivji Ki Deri Rameshwar Mahadev, diesen Tempel haben wir ahnungslos übergangen, weil wir nur im gleißenden Sonnenlicht weiß getünchte Mauern sahen, darin einen modernen Hindu-Tempel erkannten. Tatsächlich ist es ein alter Shiva-Tempel, der wahrscheinlich seit alters her für religiöse Handlungen genutzt wird.

Der kurze Rückweg zur Straße führt unvermeidlich durch die Müllablage. In Richtung Norden öffnet sich der Blick: zu sehen ist der das Stadtbild dominierende Sachiya-Mata-Tempel.
Kurzer Rückweg zur Hauptstraße
Kurzer Rückweg zur Hauptstraße
 Osian – Sachiya-Mata-Tempel
Osian – Sachiya-Mata-Tempel
Im Teil II werden die Osian-Tempel westlich der Hauptstraße beschrieben und mit Fotos vorgestellt.

Fotos und Text: Günter Schönlein
Korrektur: Vanessa Jones
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    Autor Günter Schönlein

    Auf meinen bisher acht Reisen nach Kambodscha habe ich viele Khmer-Tempel photographisch dokumentiert. Mit Pheaks Hilfe suchte ich auch viele schwer zu findende entlegene Tempel auf. In diesem Blog möchte ich meine dabei erworbenen Eindrücke und Kenntnisse gerne anderen Kambodscha-Liebhabern als Anregungen zur Vor- oder Nachbereitung ihrer Reise zur Verfügung stellen.


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