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Wir wussten, heute würde ein harter Tag bevorstehen, dennoch freuten wir uns auf die Visite der Western Temple Group. Für Reisende der sogenannten alten Schule treten fortan gewisse Behinderungen in Kraft, der technische Fortschritt in allen Lebensbereichen ist unaufhaltsam. Indien setzt mehr und mehr auf online-Buchungen, heißt konkret: der Zutritt in Sehenswürdigkeiten (fast ausnahmslos touristische Ziele) ist nur noch mit online-Ticket möglich, per Smartphone vorzuweisen. Papierausdrucke werden derzeit als Ausnahme akzeptiert. Wie lange noch? Konventionelle Eintrittskarten sind weitestgehend abgeschafft bzw. Restbestände werden noch in kleineren Tempeln und Museen aufgebraucht. Wir wiesen die gültigen Papier-Tickets für die westliche Tempelgruppe vor, die auch anerkannt wurden, jedoch die im Internet ausgewiesenen Öffnungszeiten entsprachen nicht den tatsächlichen Gegebenheiten. Geschrieben stand: Open from sunrice to sunset, das ist eine klare Aussage, die aber für das Wachpersonal keine Gültigkeit hatte. Sie legten den Sonnenaufgang nach ihrem Ermessen bzw. entsprechend ihrer Arbeitszeit fest. Zwei Kontrollpunkte mussten passiert werden, den alten Ticket Counter am Shivsagar Lake und den neuen Ticket Counter in der Nähe vom Nordwestufer des Sees. Die Sonne war längst aufgegangen, leider noch durch Wolken verborgen, immerhin tröstlich das Einsehen des Mannes im Ticket Counter, der uns nach langer Wartezeit in kühler Morgenluft schon 6Uhr35 auf den Weg zum zweiten Kontrollpunkt schickte. Wir wollten die ersten Besucher sein. Der Vorschrift zuwider blickten wir bereits um 6Uhr50 auf den Kandariya Tempel und den Devi Jagadambi Tempel, die beide auf einem gemeinsamen Sockel stehen. Es war uns wichtig, die Tempel allein zu sehen. Für die Begutachtung der zahllosen Reliefs brauchten wir keine lärmenden Menschen in unserer Nähe. Die maßlose überwältigende Fülle visueller Eindrücke der Reliefs auf den Tempelfassaden kann der Kunstliebhaber nur ohne Störung, ohne Ablenkung genießen, aufnehmen und verarbeiten. Selten haben wir derart angestrengt die im Geist gespeicherten mit den realen Bildern verglichen und nach Parallelen gesucht. Trotz der Kühle am Morgen ist uns nicht einen Moment kalt geworden. Der Chitragupta Tempel ist dem Sonnengott Surya geweiht, obwohl Chitragupta ins Umfeld von Yama gehört. Die leider etwas ramponierte, armlose überlebensgroße Statue im Heiligtum zeigt Surya auf seinem Wagen mit sieben Pferden. Dreifach wiedergegeben ist der stehende Surya auf dem Türsturz zum Garbhagriha zu sehen. An den Balkonpaneelen sind mehr als 70 Götteridole gezählt worden. Auf der Südwand der Außenfassade zeigen sich neben anderen Göttern Brahma und Brahmi, außerdem als Besonderheit ein elfköpfiger Vishnu, der sich mit seinen zehn wichtigsten Inkarnationen präsentiert. Viele wahrhaft sehenswerte Spolien sind an den Außenwänden vom Sockel eingemauert, dadurch sind die wertvollen Reliefs gegen Diebstahl gesichert. Dieses Verfahren wurde auch an anderen Tempelsockeln praktiziert. Reliefregister, Götterbilder, Pilaster und verzierte Formteile dekorieren die Sockelwände. Wer aber bemüht sich und schaut alle Sockelwände an, sucht nach seltenen Reliefs? Nur Leute, die sich ein Gesamtbild der Chandella-Reliefkunst verschaffen wollen. Manche dieser Spolien hätten es verdient, in einem Museum präsentiert zu werden, aber offenbar war hier die Überfülle von nicht verwertbaren Reliefmaterial maßgeblich für die feste Montage an den Sockeln. Nach der Besichtigung der geordnet in Reihe stehenden westlichen Tempel (Kandariya, Jagadambi, Chitragupta) begaben wir uns in den südlichen Bereich der westlichen Tempelgruppe, dort stehen der Lakshmi Tempel, der Varaha Tempel und der Lakshmana Tempel. Der kleine Lakshmi Tempel bleibt betreffs Schauwert weit hinter dem Varaha Tempel zurück. Eine offene Säulenhalle birgt die einmalige Varaha-Skulptur. Durch die räumliche Enge der Halle wird das voluminöse Erscheinungsbild dieser kolossalen Götterskulptur erheblich gesteigert. Ein Foto ist ungenügend, um den Varaha (Vishnu als Eber) wiederzugeben. Wir sind mehrfach staunend um den Vishnu herumgegangen, haben dieses Idol von allen Seiten und aus allen möglichen Blickwinkeln begutachtet. Die Begeisterung wuchs mit zunehmender Betrachtungszeit. Fast vollständig ist die Oberfläche der Eber-Skulptur mit Reliefs bedeckt. Kenner werden viele, jedoch niemals alle Götter auf dieser Skulptur identifizieren können. In Büchern wird der Varaha von Khajuraho gezeigt, doch die unmittelbare Nahsicht wirkt berührend, hat es doch den Anschein, als wäre das gesamte hinduistische Götterpantheon auf der Haut des Ebers versammelt. Gezählt wurden 675 (sechshundertfünfundsiebzig) Götterfiguren. Auf den Seitenflächen des Kopfes sind sogar die Neun Planeten (Navagraha) versammelt. Der unbekannte Bildhauer muss Vishnus Reden aus der Bhagavatgita gekannt haben, dort verkündet Vishnu, was er den Menschen sein möchte und zeigt sich Arjuna in allen seinen Formen: »Ich bin das Selbst (…) befindlich im Herzen aller Wesen. Ich bin Anfang, Mitte wie auch Ende der Geschöpfe.« (Übersetzung: Klaus Mylius 1980). Der Lakshmana Tempel (siehe Foto weiter oben) zählt zu den größten Tempelbauten in Khajuraho und gilt als Vorbild für viele Sakralbauten Indiens. Gemeinsam auf einem Sockel stehen vier kleine Tempeln, die den Haupttempel umgeben, ein stilbildendes Baumuster, welches häufig verwirklicht wurde. Das dreiköpfige Kultbild Vaikuntha zeigt die Avatare Vishnus: Mensch, Löwe und Eber, alle weiteren Inkarnationen sind auf dem Rahmenrelief über Ganga und Yamuna rund um Vishnu versammelt. Weitere wertvolle Götterbilder haben sich im Tempel erhalten. Der reichhaltige Schmuck an den Fassaden repräsentiert einmal mehr die großartige Reliefkunst der Chandella-Bildhauer. Im nordöstlichen Bereich der Westlichen Tempelgruppe stehen der Parvati Tempel, der Vishvanatha Tempel, der Nandi-Schrein und der Pratapeshwar Tempel. Im Ensemble aller Tempel der Western Group sticht der Pratapeshwar Tempel als stilistisch unpassender Bau heraus. Alle anderen Tempel hinterlassen einen homogenen Eindruck, wenn auch manchem Bau erhebliche Ergänzungen bei der Restaurierung anzusehen sind, besonders störend ist die farbliche Hervorhebung am Parvati Tempel, der andererseits wirkt, als gehöre er zum Vishvanatha Tempel. Tatsächlich kommt der Verdacht auf, der Parvati Tempel sei ein Turm vom Vishvanatha Tempel, dem ohnehin zwei flankierende Schreine fehlen. Größe und Bauart der Schreine würden diese Annahme bestätigen. Nicht zu verkennen ist die Ähnlichkeit mit dem Lakshmana Tempel, dort aber stehen die vier Begleitschreine um den Haupttempel. Wunderbar erhalten hat sich das Portal vom Parvati Tempel, Schwelle, Pilaster und Lintel sind Musterbeispiele großartiger Reliefkunst. Aufmerksamen Betrachtern fallen die erotischen Szenen in den drei oberen Registern der Pfeiler auf. Sexuelle Praktiken finden sich an den Khajuraho Tempeln üblicherweise an den Fassaden in nicht erreichbarer Griffhöhe angebracht, die Augen müssen sich nach oben richten, um die legendären Reliefs zu sehen. Als originale Bauteile können außer dem Portal nur noch der Sockel, eine Nische und eine Löwenfigur über dem Portal und die Amalakas nebst Kalascha, die den Shikhara bekrönen, registriert werden. Der Nordost-Schrein, ebenfalls weiß getüncht, verfügt quantitativ über die geringste Menge historischer Bauteile, was erheblich zu seiner Unansehnlichkeit beträgt. Über den Verbleib der zwei fehlenden Begleitschreine am Vishvanatha Tempel konnten keine Informationen ermittelt werden. Das Portal vom Südwest-Schrein gleicht im Aufbau und der Reliefgliederung dem Portal vom Parvati Tempel, zeigt über den Wächterfiguren auch nackte Paar-Darstellungen, doch die Bildaussagen blenden vordergründig dezidierte Sexualpraktiken aus, denn bei den unbekleideten Paaren handelt es sich um Mithuna-Paare (Himmlische Liebespaare). Eindeutig sexuell konnotiert sind die Reliefregister im oberen Bereich der Fassaden vom Zentraltempel. Über die Bedeutung der Sex-Reliefs streiten sich die Wissenschaftler, es existieren verschiedene Auslegungen. Es genügt den Pratapeshwar Tempel von außen gesehen zu haben und sein Vorhandensein zur Kenntnis zu nehmen. Der zwischen 1784 und 1854 erbaute Tempel, genauere Daten sind nicht bekannt, ist von einem Lintel abgesehen leergeräumt. Wächter scheinen den schattigen Innenraum als Pausenplatz zu nutzen. Schräg gegenüber, durch Zaun und Straße separiert, steht der architektonische Gegenpart: der Kenotaph Samdhi of Raja Pratap Singh of Chhatarpur (Pratap Singh Chhatri). Im Vergleich dieser zwei Bauten erschließt sich der stilistische Zusammenhang, beide Bauwerke sind wohl auf Initiaven von Pratap Singh errichtet worden, sowohl Tempel und Kenotaph entsprechen dem Bundeli-Stil. Auf dem Gebiet des ehemaligen Staates Chhatarpur haben sich zahlreiche Baudenkmale aus dieser Zeit erhalten, die leider oder noch immer am Rand touristischer Wahrnehmung tangieren. Khajuraho profitiert von den Tempeln der Chandella-Ära. Jährlich besichtigen tausende in- und ausländische Gäste die Tempelgruppen und die Einzeltempel. Erstaunlicherweise stauen sich im Archäologischen Museum Khajuraho keine Besucherströme. Am Nachmittag konnten wir mehrere Stunden ungestört die Kunstobjekte bewundern und ohne Behinderungen fotografieren. Das 2015 neu erbaute Archäologische Museum Khajuraho bewahrt und präsentiert die am Anfang des 20. Jahrhunderts von W. E. Jardine (britischer Beamter) zusammengetragene Sammlung, die vormals im nicht mehr zugänglichen Jardine Museum gezeigt wurde. Im neuen Museum stehen vorrangig Objekte zur Ansicht, die aus den Tempelanlagen von Khajuraho stammen. Zu sehen sind alle wichtigen hinduistischen Gottheiten, viele in mehrfachen Varianten, außerdem eine beträchtliche Anzahl jainistischer Kunstwerke und wenige buddhistische Skulpturen. Drei Mutter/Kind-Skulpturen fallen besonders auf, zwei der Skulpturen gleichen sich: beide Mütter liegend, den Kopf mit dem linken Arm gestützt, jeweils einen Schlangenschutzschild hinter dem Kopf, beide ihr Kind an der Brust. Die harmlose Bezeichnung Mutter und Kind entkräftet die Assoziation hier auf eine Göttin (Matrika) zu blicken, wiederum Reliefbänder belegen, dass hier eindeutig hinduistische Muttergöttinnen abgebildet sind. Die Schlange als Unterlage ist im Bild links als Schlangenbett zu erkennen, im Bild rechts ist die Schlange nur unter der Brust sichtbar, es muss zwangsläufig auf Ananda (Weltenschlange), folglich auf Vishnu, sprich: Lakshmi geschlossen werden. Die Mutter der versehrteren Skulptur (Bild rechts) trägt die typische hohe zylindrische Vishnu-Krone, außerdem ist im unteren Reliefband das Muschelhorn sehr prägnant herausgestellt, hier als Vishnu-Attribut zu bewerten. Die sehr ähnlichen Mutter/Kind-Skulpturen wurden als liegende Bildwerke gefertigt und sind in der waagerechten Position zu betrachten, während die dritte Mutter/Kind-Skulptur (obwohl liegend auf dem Boden abgestellt) ursprünglich als Nischenbildwerk senkrecht in einer Fassade gestanden haben muss, der Beweis für diese Behauptung ist das auf einer kleinen Sockelplatte stehende Kind. Hinter dem Kopf der weiblichen Figur ist ein Schlangenschild sichtbar, vielleicht ist hier eine Nagini oder eine Surasundari, wenn nicht gar Maheshvari gemeint. Saptamatrika-Reliefs sind in Indien öfters zu sehen, die sieben Muttergöttinnen werden meist von Veerabhadra (Shiva) und Ganesha (Shivas Sohn) begleitet bzw. behütet. Oft werden die Matrikas sitzend (mit ihren Reittieren zu Füßen) dargestellt, seltener stehend mit Kindern. Allein schon die hier gezeigte Darstellung der sieben stehenden Frauen erhebt das durchbrochene filigrane Relief zur Besonderheit. Die dritte Göttin (von links gezählt) trägt eine Schlangenkrone und den Dreizack, ist also eindeutig als Maheshvari zu identifizieren, in diesem Sinne könnte die Göttin Nr. 1594 (siehe Bild oben) auch als Maheshvari durchgehen. Selten, aus unserer Sicht ein Unikat, ist der ungewöhnliche Lintel (Türsturz) Objekt Nr. 1363. Leider fehlt die linke Reliefpartie, die aber sicher der rechten Tempelnische geglichen hat, als Verlust sind auch Teile der Navagraha (untere Figurenreihe) und Saptamatrika (obere Figurenreihe) zu beklagen. Links fehlen Veerabhadra (Shiva) und einer der Planeten. Diese Figurenformation Saptamatrikas stehend hinter den sitzenden Navagrahas ist betreffs der künstlerischen Gestaltung gelungen. Sehr erhaben und absolut göttlich, trotz Gesichtlosigkeit wirkt Vishnu auf Garuda, das göttliche Gespann bildet die hervorstechende Zentralfigurengruppe auf dem Lintel, welch wunderschöner Garuda, wie erst muss Vishnu ausgeschaut haben. (Die Bezeichnung Navagraha-Saptamatrika-Vishnu/Garuda hat der Autor geprägt.) Viele Kunstwerke aus der reichen Sammlung des Archäologischen Museums Khajuraho bleiben uns in Erinnerung, können aber auch jederzeit per Foto aufgerufen werden, denn fast alle Objekte der Sammlung haben wir fotografiert. Es kann nur empfohlen werden, das Museum unbedingt aufzusuchen. Die eingehende Besichtigung der Museumssammlung ergänzt die Eindrücke, die an und in den Tempeln von Khajuraho gesammelt wurden.
Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones
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Autor Günter SchönleinAuf meinen bisher acht Reisen nach Kambodscha habe ich viele Khmer-Tempel photographisch dokumentiert. Mit Pheaks Hilfe suchte ich auch viele schwer zu findende entlegene Tempel auf. In diesem Blog möchte ich meine dabei erworbenen Eindrücke und Kenntnisse gerne anderen Kambodscha-Liebhabern als Anregungen zur Vor- oder Nachbereitung ihrer Reise zur Verfügung stellen. sortiert nach Themen:
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Der Blog enthält sowohl Erlebnis-Reiseberichte als auch reine Orts- und Tempel-Beschreibungen, siehe Kategorien "Persönliches" und "Sachliches" in der Liste von Tags oben, sowie eingestreute Beiträge zu anderen Reiseländern und Themen.
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