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Ergänzend zu den Betrachtungen der Hitis in Lalitpur, Kantipur & Bhaktapur folgt hier die gesonderte Beschreibung vom Tusha Hiti. Wird in Lalitpur (Patan) das Königliche Bad im Palast erwähnt oder zur Besichtigung empfohlen, ist immer das Tusha Hiti gemeint. Beim Zutritt in den prachtvollen Innenhof (Sundari Chowk) bildet das ovale Becken den Blickfang schlechthin, sofern die wunderbaren Holzschnitzarbeiten an den Pfeilern, Bögen, Türen und Fenstern nicht kurzfristig die Blicke ablenken. Allein schon seine abgeschiedene Lage und die Form des Beckens erheben dieses Hiti zur Besonderheit. Das Hiti war nicht für jedermann gedacht. Nur die Königsfamilie und deren Entourage hatten Zugang in diesen Hof und zum Becken. Hier konnten religiöse Rituale ungestört vollzogen werden. Wir glauben nicht, dass diese Beckenanlage zu Waschungen im Sinne von Körperreinigung gebaut wurde. Es machte wohl wenig Sinn, zum Zwecke eines profanen Bades die Götterreliefs unter Wasser zu setzen. Wer in dieses Becken stieg, war rundum von Göttern umgeben, wer sollte in diesem Ambiente an Körperpflege denken. Wer das Becken betrat, sich dem Ausflussrohr näherte, seine Füße kühlte, vielleicht die Hände, den Kopf mit Wasser benetzte, der blickte unweigerlich auf den Krishna Tempel in Kleinformat, der verstand diese Tätigkeit als sakralen Vorgang. Rituelle Abläufe sind leicht vorstellbar. Alles spricht dafür, das Tusha Hiti als eine heilige Stätte anzusehen Die Bilder 3.1 – 3.5 verdeutlichen unsere Annahme, das Becken als speziellen Tempel zu verstehen. An vielen Hitis in Patan wurden die Wasserausflussrohre in Gestalt von Makaras bevorzugt, hier an der königlichen Brunnenanlage musste das Wasser, wie könnte es anders sein, selbstredend aus einem besonderen Ausfluss sprudeln. Auf dem Rohr thronen Vishnu und Lakshmi, getragen von Garuda, diese Darstellung des göttlichen Trios zählt zu den schönsten vergoldeten Metallskulpturen, die im Palast erhalten blieben. Schaut man genauer hin, finden sich an den Seitenflächen vom Rohr mehrere Wassertiere: deutlich zu erkennen sind Frosch, Schildkröte, Krokodil und Fisch. Die Anwesenheit der Tiere symbolisiert im übertragenen Sinne den allumfassenden Wert des Wassers, nicht nur die Menschen bedürfen dieser göttlichen Gabe, alle Wesen, resp. alle Pflanzen brauchen den Quell des Lebens. Das jetzig vorhandene glänzende Ausflussrohr ist eine gelungene Nachbildung, das Original wird im National Museum präsentiert. In einer Glasvitrine ist die besagte Göttertriade zu sehen, nämlich das Götterpaar und ihr Reittier Garuda. Der Unterschied zwischen Original und der Replik scheint deutlich auf. Viele Betrachter werden der fein gearbeiteten golden strahlenden Nachbildung den Vorzug einräumen, andere schätzen das Original höher ein. Beide Versionen dokumentieren den künstlerisch hohen Stand vormaliger und heutiger Metallbearbeitung (Bilder 3.6.1. – 3.6.3). Es macht wenig Sinn, auch nur ansatzweise den Versuch zu unternehmen, die Götterreliefs auf der Beckeninnenwand vom Tusha Hiti zu beschreiben. Der kunstbegeisterte Autor sieht sich außerstande, verbindliche Auskünfte zu vermitteln. Nähere Informationen liefern mehrere Artikel im Internet. Wer allerdings umfassende Vollständigkeit sucht, der wird auch hier nur bedingt zufrieden gestellt. Sicher existieren Fachbücher, die gehobenen Anforderungen genügen. Die gut gemeinte Empfehlung des Autors lautet, für die intensive Besichtigung der Reliefs genügend Zeit einzuplanen.
Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones
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Siebzehnter Tag: Delhi Alte und neuere Bauten, die wir während vorheriger Aufenthalte in der Hauptstadt Indiens aus zeitlichen oder sonstigen Gründen nicht besucht haben, standen heute auf dem Arbeitsblatt: verheißungsvolle Hinweise, doch die Realität schaute anders aus. Laut Informationen aus Reisebüchern ist die Khirki Masjid eine sehenswerte Moschee. Wohnhäuser und ein massiver Zaun umschließen den Bau. Wir standen vor einer nichteinnehmbaren Festung. Hingegen war die Begumpur Masjid zugänglich, hier stellten sich keine Hindernisse in den Weg. Allein konnten wir die Moschee besichtigen. Die Palastanlage Jahaz Mahal (wörtlich übersetzt Schiffpalast) befindet sich im Stadtteil Mehrauli. Auffallend an diesem von den Herrschern der Lodhi-Dynastie im späten 15. Jahrhundert errichteten Serai, ist der Kontrast zwischen den fragilen Chatris (Türme) und der kompakten Architektur als auch der heute von modernen Wohnbauten umgebene exponierte Standort. Von der im 15. Jahrhundert erbauten Madih Moschee hat sich das ungwöhnliche Kuppeltor und die wunderbare Quiblawand erhalten. Der Dadabari Jain Mandir in Delhi zählt zu den prachtvollsten Jain Tempeln Delhis. Vom angeblich schon im 13. Jahrhundert erbauten Tempel scheint sich wenig erhalten zu haben, denn die Architektur der vorhandenen Bauten und die verwendeten feinsten Materialien hinterlassen den ungetrübten Eindruck von Wohlstand und modernster Bauweise. Zwischen dem Tughlaqabad Fort und dem Ghiyasud-Din Tughlaq Tomb rauscht auf einer Schnellstraße ohne Unterlass lautstark dichter Autoverkehr. Das Ticket für die Festungsruinen berechtigen auch zum Besuch der Grabanlage. Die Besichtigung der weitläufigen Festungsanlagen und der Grabanlage erfordern einige Stunden Zeit. Die Festung entstand parallel zur Stadtgründung im Jahr 1321, Stadt und Festung wurden jedoch schon im Jahr 1327 aufgegeben. Ghazi Malik hatte wenig Glück mit dem Sultanat Delhi und fiel einer vermuteten Intrige zum Opfer. Zeugnisse seiner Bemühungen sind die Ruinen der Festung und sein Grab, welches er zu Lebzeiten erbauen ließ. – WIKIPEDIA informiert: » Ghiyath al-Din Tughluq (Persisch: غیاث الدین تغلق), auch bekannt als Ghazi Malik (غازی ملک), gestorben am 1. Februar 1325), war von 1320 bis 1325 Sultan von Delhi. Er war der erste Sultan der Tughluq-Dynastie des Delhi-Sultanats. Während seiner Herrschaft gründete Ghiyath al-Din Tughluq die Stadt Tughluqabad. Seine Herrschaft endete mit seinem Tod im Jahr 1325, als ein zu seinen Ehren errichteter Pavillon einstürzte.« Achtzehnter Tag: Delhi Auch am letzten Tag in Delhi besichtigten wir Grabanlagen und Festungsruinen, außerdem einen islamischen Tempelkomplex und den Bahai Tempel. Abdur Rahim ließ das Mausoleum Abdul Rahim Khan I Khanan Tomb und den Garten 1598 für seine Frau Mahbanu errichten, die hier auch tatsächlich begraben wurde. Diese Grabarchitektur gilt als Vorbild für das Grabmal des berühmten Humayun. Die Besichtigung vom Sabz Burj gestaltete sich zum lebensgefährdenden Abenteuer, denn das Grab steht wie auf einer uferlosen Insel ohne Hafen. Fünf Straßen münden in den Sabz Burj Circuit. Kein Gehweg führt um die Verkehrsinsel herum. Ein massiver Zaun mit Stahlspitzen umgibt das Grabmal. Die einzige Tür im Zaun ist verschlossen. Der Zugang ist offensichtlich nicht erwünscht, Besichtigungen von diesem achteckigen Mausoleum aus der frühen Mogulzeit sind wegen seinem ungünstigen Standort nicht vorgesehen. Das Monument ist historisch wertvoll, wurde sogar 2021 restauriert, doch keiner kann es aus der Nähe begutachten. Wir fanden am 2.12.2025 früh am Morgen einen Weg zum und ins Mausoleum. Vermutlich war erst kürzlich durch einen Verkehrsunfall eine Bresche in den Zaun gerissen worden, diese etwa zwei Meter breite Lücke war nur mit Latten und dünnen Draht verhängt. Für waghalsige, neugierige und verrückte Liebhaber von Mogulbauten in Delhi war diese provisorische Absperrung kein unüberwindbares Hindernis. Wir betraten die verbotene Insel und fanden sogar eine offene Tür ins Mausoleum und sahen die wertvolle, leider verblichene golden bemalte Kuppeldecke. Erst im Nachhinein realisierten wir, dass jeder zufällig vorbeikommende Polizist uns hätte verhaften können: Unerlaubtes Betreten historischer Bauwerke der Tatbestand. Deshalb: die Nachahmung dieser Untat wird nicht empfohlen! Der Hazmat Nizamuddin Dargah Komplex kann nur zu Fuß besichtigt werden. Auf schmalen Wegen und dunklen Gängen und durch düstere Höfe gelangen die Menschen zu den heiligen Gräbern, von denen besonders das Grab vom Sufiheiligen Nizamuddin Auliya (1238-1325) gehegt und gepflegt wird. Weitere Gräber, es sollen siebzig sein, befinden sich in der Nähe des Hauptschreins und der Moschee Erst Daheim in Deutschland wurde uns bewusst, wer Jahanara Begum war, weshalb diese Frau in Indien verehrt wird. Sie war die älteste Tochter von Shah Jahan (Großmogul von Indien) und Mumtaz Mahal. Spätestens beim Memorieren dieser Namen ordneten sich die Fakten: für Mumtaz wurde das Taj Mahal gebaut, Jahanara hatte die Jama Masjid in Agra gestiftet und soll auch erheblich Einfluss auf die künstlerische Gestaltung vom Taj Mahal gehabt haben, als erste Hofdame wurde sie von ihrem Vater pekuniär großzügig ausgestattet. Sie war eine begabte Dichterin und als Mäzenin den Künsten am Hofe gewogen. Im Kampf um den Thron unterstützte sie ihren Bruder Dara Shikoh, der aber seinem jüngeren Bruder Aurangzeb unterlag und ermordet wurde. Aurangzeb scheute sich nicht seinem Vater gefangen zu nehmen und ihn auf Lebenszeit einzusperren und Jahanara Begum war sich nicht zu schade, ihren Vater bis zu seinem Tode zu pflegen. Welch eine Frau, welch ein Leben – leider kein selbstgewählter Lebensentwurf, sondern ein fremdbestimmter dem Ringen nach Macht unterworfener Machtkampf. (Die Fakten zum Leben der Jahanara Begum wurden dem WIKIPEDIA-Artikel Jahanara Begum entlehnt.) Weitere Gräber befinden sich in dem geräumigen Marmorbau Chausath Khamba, eine 64-Säulen-Halle, nichts anderes meint der Name Chausath Khamba. Der Flachbau wurde in den Jahren 1623-1624 erbaut, auch vor wenigen Jahren erst restauriert, aber besichtigen kann man die Halle nicht, die scheint den Menschen wenig zu bedeuten, das Gelände um den ungewöhnlichen Pavillon dient als Müllablage. Gleichfalls im ziemlich verwahrlostem Zustand befindet sich das Barakhamba Tomb, das Grab steht in einem straßennahen, umzäunten parkähnlichen Areal, welchem die mangelnde Pflege anzusehen ist. Schlimmer noch als im Dargah Komplex fallen Unordnung und Armut an der Lodhi Road sichtbar ins Auge. Auf dem Mittelstreifen, der die Fahrbahnen trennt, leben notgedrungen, genauer gesagt: hausen umtost vom Autoverkehr obdachlose Menschen. Das Verb wohnen ist für derartige Lebenssituationen unzutreffend. Im Hazmat Nizamuddin Dargah Komplex und an der Lodhi Road wurden wir angebettelt. Wir kauften und verteilten Brot, nicht allen Menschen waren unsere Gaben willkommen, etliche scheinbar arme Bettler baten ausdrücklich um Geld. Hunger, Not und Elend manifestieren sich offenkundig verschiedenartig. Mehrere Festungen aus verschiedenen Jahrhunderten haben in Delhi die Zeiten überdauert, so auch Feroz Sha Kotla, wobei Kotla Festung, auch Zitadelle bedeutet. Feroz Shah Tughlaq ließ die im Vergleich zu anderen gleichartigen Zweckanlagen flächenmäßig kleine Festung im Jahr 1354 erbauen. Alle Mauern und Gebäude können vom heutigen Publikum nur noch als Ruinen begutachtet werden. Das Baoli und die Ashok-Säule wollten wir unbedingt sehen, dafür hatten wir Eintritt bezahlt. Leider sprachen die realen Gegebenheiten dagegen. Die gesamte Anlage wird sauber gehalten, die Hecken und Rasenflächen sind gepflegt, doch ausgerechnet der Stufenbrunnen (Baoli) und die Palastruine, auf der die Ashok-Säule ihren Standort hat, waren verriegelt und verschlossen, also für normales Publikum nicht zugänglich. Wahrscheinlich muss man prominent sein, zu den VIPꞌs dieser Welt zählen, dass man die Hauptattraktionen der Festungsanlage besichtigen darf. Das Baoli konnten wir nur außen umrunden, ohne viel zu sehen, dabei ist diese kreisrunde Brunnenarchitektur in Delhi einmalig. Die Größe der Kaiser-Säule wurde aus der Entfernung ungefähr vorstellbar, doch die eingemeißelten Schriftzüge waren mehr zu ahnen, als wirklich zu sehen. Wenigsten durften wir die Ruinen der Jama Masjid und alle anderen Bauten ungehindert betreten. Der vom iranischen Architekten Fariborz Sabha entworfene und 1986 fertiggestellte für Menschen aller Religionen offene Bahia Tempel zählt zu den meistbesuchten Tempelbauten in Delhi. Mehr als die Außenansicht und die Annäherung an den Lotos-Bau von einer Seite her war uns nicht vergönnt. Für die Besichtigung der riesigen Innenhalle mussten wir das Internet frequentieren. Mit der unbefriedigenden Visite vom Lotos Tempel endete unser Tourprogramm in Delhi. Um Mitternacht fuhren wir zum Airport Delhi und flogen nach Frankfurt. Die Deutsche Bahn brachte uns nach Bremen. Daheim angekommen fielen wir rechtschaffen müde in Tiefschlaf.
Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones Dreizehnter Tag: Fahrt nach Kalinjar Ein colorierter Stich von Colin MacKanzie (1754-1821) aus dem Jahr 1814 weckte den Wunsch nach Kalinjar zu reisen, um dort das Fort zu besichtigen. Mit Elefanten oder Pferden müht sich heutzutage niemand mehr den Berg hinauf. Die im Bild sichtbaren raumgreifenden Wiesenflächen sind inzwischen bebaut, Landschaft hat sich zu dichtbesiedeltem Stadtgebiet verwandelt. Auf die Besichtigung der Stadt Kalinjar können Touristen getrost verzichten. Wer Kalinjar ansteuert, der kommt wegen der Festung. Etwa 7,5km Mauern umspannen das Gelände der Bergfestung Kalinjar, die auf einem rund 400m hohen Felsplateau erbaut wurde. Dank umfänglicher Internet-Informationen konnten wir die Tagestour intensiv vorbereiten. Wir hatten einen sinnvollen Rundkurs festgelegt. Die meisten Sehenswürdigkeiten erreichten wir mit dem Auto, wenige Ziele suchten wir auf schmalen Wegen und grasüberwachsenen Pfaden zu Fuß auf. Sehenswert sind fast alle erhaltenen restaurierten Bauwerke. Fast alle Reisehandbücher erwähnen das Kalinjar Fort und den Neelkanth Tempel, bestenfalls noch einige Bauten auf dem Festungsgelände. Kein Wort verlieren die Autoren über die Dominanz Shivas, die sich in ungezählten sehr speziell gearbeiteten Reliefs auf den Felswänden und in Felsnischen manifestiert. Der Neelkanth Tempel lässt sich als kleiner Höhlentempel beschreiben, dem ein schöner Mandapa vorgebaut wurde, eine raumgreifende faszinierende Architektur, welche sowohl in ihrer Gesamtheit als auch in Einzeldetails fasziniert. Uns gefielen die Kapitelle der oktogonalen Mandapa, auf welchen die schweren Architrave lagern. Das Oktogon wurde vermutlich später aus statischen oder optischen Gründen durch zusätzliche Säulen zum Quadrat umgeformt. Dem englischen Offizier Frederick Charles Maisey (1825-1892), der als Landvermesser in Indien tätig war und auf Grund seiner Tätigkeit auch zeichnen musste, verdanken wir einige wichtige Blätter, die den Zustand bestimmter Details vom Neelkanth Tempel dokumentieren. Sieht man von den skulpturalen Kapitellen und Götterfiguren am Portal vom Neelkanth Tempel ab, haben sich wenige Skulpturen im Kalinjar Fort erhalten, so beispielsweise ein Ganesha-Idol und ein ikonischer Varaha (Vishnu als Eber), der zwischenzeitlich seinen Kopf verloren hat. Noch reizvoller als die Kapitelle fanden wir die rund um den Tempel angeordneten Felsenreliefs, welche fast ausnahmslos die grenzenlose Shiva-Verehrung zum Ausdruck bringen. Auf den Flächen der Felswände breitet sich ein faszinierendes Spektrum mittelalterlicher und spätmittelalterlicher indischer Bildhauerkunst aus. Ruhende Buckelstiere mit einem Lingam auf dem Rücken waren für uns eine Novität. Das Lingam an sich gilt als anikonisches Symbol für Shiva, ganz schlicht gesagt: das Reittier trägt seinen Herrn, besser noch: Nandi und Shiva sind untrennbar zur Einheit verschmolzen. Mukhalingams (Lingam mit Gesicht) sind viele in die Felswände gemeißelt worden, wobei sich zahlreiche Idole gleichen, sich lediglich durch den Gesichtsausdruck unterscheiden. Sahasralingams (Lingam mit vielen Lingams auf der Oberfläche, Sahasra=tausend) existieren im Fort vermutlich nur zwei Stück, eines im Neelkanth Tempel und das hier gezeigte freistehende Exemplar. Das größte Felsenrelief im Fort ist mit einer Höhe von 7,30m das Gajantak Shiva-Relief: ein imposantes Shiva-Bildnis als Kal-Bhairav, welches angeblich im 10. Jahrhundert entstanden sein soll, bezüglich dieser Angabe gehen die Meinungen der Forscher weit auseinander. Manche meinen das Relief könnte im 5. oder 6. Jahrhundert gehauen worden sein, also noch in der späten Gupta-Periode. Der Wirkung der monumentalen achtzehnarmigen Shiva-Figur kann sich wohl kein Betrachter entziehen, auch die schauerliche nur 1,20m hohe Figur an Shivas rechter Seite zieht unwillkürlich die Blicke auf sich, hier verkörpert sich Parvati als schreckenerregende Bhairavi. Ein weiteres Bhairav-Relief im Kalinjar-Fort, darüber sind sich alle Archäologen einig, stammt aus dem 6. Jahrhundert. Das bedeutende Relief befindet sich in unwegsamer Gegend hoch oben auf einer Felswand. Nur wenige Touristen gehen den beschwerlichen, nicht ganz ungefährlichen Weg zu diesem Relief, welches als die die älteste Kal-Bhairav-Darstellung Indiens gilt. Aus rechtlichen Gründen kann leider kein Bild gezeigt werden, doch mehrere Wiedergaben der reliefierten Felsenwand finden sich im Internet. Ein Relief der sieben Muttergöttinnen, registriert unter der Nr. KF 484, muss als ausgesprochen gelungen und gleichzeitig als äußerst selten deklariert werden. Das Relief zeigt die Göttinnen in unglaublicher Ausgelassenheit fröhlich tanzend, solche ungezwungenen Auftritte der sieben Matrikas bilden die Ausnahme. Üblicherweise werden die göttlichen Frauen weniger entfesselt dargestellt, eher in Posen, welche sakralen Ernst vermitteln und ehrfürchtige Achtung hervorrufen. Nicht oft verzichten die Matrikas auf männlichen Beistand, meist stehen ihnen Shiva und Ganesha zur Seite. Wer genau hinschaut, entdeckt am linken Rand den ebenfalls tanzenden Shiva, hier wiederum als Bhairav, zu erkennen am erigierten Glied. Meistens erscheint Shiva neben den Frauen als Veerabhadra. Für Ganesha, Shivas Sohn, der häufig am rechten Bildrand seinen Auftritt hat, schien dem Bildhauer der Platz ausgegangen zu sein. Das angedeutete Schrägdach über den Göttinnen und die Bühne, auf der die sieben Frauen sich zum Reigen versammelt haben, beweisen, dass der Bildhauer sein Relief zumindest als einen Altar, wenn nicht gar als einen kleinen Tempel verstanden hat. Vielleicht ist das Dach, welches, falls jemals vorhanden gewesen, als Schutz gedient hat, abgebrochen. Wie auch immer, ein solches Matrika-Relief sucht im Fort und im weiteren Umfeld von Kalinjar seinesgleichen. Liebhaber der Reliefkunst und von Spolien finden im Umfeld vom Neelkanth Tempel an den Felswänden und Festungsmauern ein reiches Betätigungsfeld, dort gibt es zahllose ortsunveränderliche Kunstwerke in variablen Formaten zu begutachten, wobei leider etliche vorsätzlich beschädigt, d. h. gesichtslos, also unkenntlich gemacht wurden. Bilderstürmerei war auch in Indien zu allen Zeiten an der Tagesordnung. Nicht alle Machthaber und Eroberer pflegten die Toleranz und würdigten die fremden, sprich: die anderen Religionen. Vierzehnter Tag: Fahrt nach Dhubela Fünf sehenswerte Bauwerke rechtfertigen den Besuch der Region Dhubela, die Stadt selbst, nördlich vom Dhubela Lake gelegen, hat keine touristischen Attraktionen zu bieten. Alle architektonisch wichtigen Bauten wurden rund um den Dhubela See erbaut. Inmitten herrlicher Landschaft ließ der Maharaja Chhatrasal im 17. Jahrhundert seine Residenzbauten errichten, dabei handelt es sich vorwiegend um Festungsanlagen, Paläste und Kenotaphe, die allesamt den speziellen Bundelkhand-Stil, kombiniert mit dem Mogul-Stil in sich vereinen. Die Bundelkhand-Stilistik hatte längst mit den Tempelbauten von Khajuraho ihren Höhepunkt erreicht, noch ehe Chhatrasal seine Residenz am See bezog und fortan verteidigen musste. Als Anregung für eine Besichtigungstour folgen hier Fotos der schönsten Hinterlassenschaften vom Maharaja Chhatrasal: Grab des Maharaja Chhatrasal, Grab der Maharani Kamplati, Maheba Gate, Maharaja Chhatrasal Palast und Hridaysha Ka Mahal. Fünfzehnter Tag: Fahrt nach Mahoba Die Jain Cave Thirtankars, der Sun Temple und der Khakhra Math Temple waren der Hauptanlass für die Fahrt nach Mahoba, eine Stadt, die unsere Fahrer außer zu einem Krankenhausaufenthalt noch nie ansteuern musste. Westliche Touristen würden hier nicht aufkreuzen, so seine feste Überzeugung, die sich bewahrheitete. Er war mehr als skeptisch, ob tatsächlich alle von uns avisierten Ziele per Auto erreichbar wären, weil sie sich nicht unmittelbar im Stadtzentrum befänden. Seine Sorgen waren umsonst, gemeinsam fanden wir alle ausgewählten Objekte. In Mahoba (Bundesstaat Uttar Pradesh, Region Bundelkhand) sind im Jahr 2011 bei einer Volkszählung 95216 Einwohner erfasst worden, diese Zahl dürfte inzwischen erheblich angestiegen sein. Die Bezeichnung Jain Cave Thirtankars verheißt eine Höhle, dem ist nicht so, mehrere Wände schroff geschichteter Felsen wurden als Bildfläche für die Darstellung der 24 Tirthankaras genutzt. Dieser besondere Tempel ist ebenso unvergleichlich, wie auch die Landschaft unvergesslichen Eindruck hinterlässt. Wer den Begriff Höhle weit fasst, der kann die von Menschenhand geschaffenen, in die Granitfelsen getriebenen, nach außen hin, offenen Räume als Höhlen anerkennen. Beide Höhlenräume sind von der ASI gesichert, der untere kleinere Raum ist vergittert, der obere Raum wurde gegen Verwitterung überdacht. Neben den Jain-Idolen sind Dvarapalas und Apsaras zu sehen. Inschriften verraten, dass die Reliefs im 12. Jahrhundert entstanden. Frühmorgens konnten wir allein, nur begleitet von einer friedlichen Hündin, die faszinierende Atmosphäre an diesem heiligen Ort auf uns wirken lassen. Sachlicher formuliert, der Zufall wollte es, dass wir eine von Google Maps ausgewiesene archäologische Stätte gefunden und den mit Granitsteinen bedeckten Hügel und einige Reliefs bei gutem Wetter besichtigt haben. Sechzehnter Tag: Khajuraho – Delhi Heute waren wir schon sehr früh unterwegs. Noch vor dem Frühstück spazierten wir durch dörflich erhalten gebliebene Ortsteile von Khajuraho, stießen auf Tempel, die nur von Anwohnern aufgesucht werden, jedoch für Touristen von geringem Interesse sind. Unsere Absicht lautete, das Alltagsleben der Menschen, vorwiegend Bauern und Viehzüchter, wenigstens bruchstückhaft kennenzulernen, dazu schien uns der frühe Morgen die passende Zeit zu sein. Chhatrasal ist überall präsent. Mitten auf einer wichtigen Kreuzung sitzt der Maharaja hoch zu Ross und mitten in der Stadt stießen und stoßen wir auch am letzten Tag erneut auf Mülldeponien, dabei wirbt Khajuraho voll Verantwortung und Zuversicht mit dem Slogan KHAJURAHO GREEN CITY – CLEAN CITY
Am Nachmittag flogen wir erheblich verspätet nach Delhi. Dort blieb uns nur noch Zeit zum Dinner. Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones Wir wussten, heute würde ein harter Tag bevorstehen, dennoch freuten wir uns auf die Visite der Western Temple Group. Für Reisende der sogenannten alten Schule treten fortan gewisse Behinderungen in Kraft, der technische Fortschritt in allen Lebensbereichen ist unaufhaltsam. Indien setzt mehr und mehr auf online-Buchungen, heißt konkret: der Zutritt in Sehenswürdigkeiten (fast ausnahmslos touristische Ziele) ist nur noch mit online-Ticket möglich, per Smartphone vorzuweisen. Papierausdrucke werden derzeit als Ausnahme akzeptiert. Wie lange noch? Konventionelle Eintrittskarten sind weitestgehend abgeschafft bzw. Restbestände werden noch in kleineren Tempeln und Museen aufgebraucht. Wir wiesen die gültigen Papier-Tickets für die westliche Tempelgruppe vor, die auch anerkannt wurden, jedoch die im Internet ausgewiesenen Öffnungszeiten entsprachen nicht den tatsächlichen Gegebenheiten. Geschrieben stand: Open from sunrice to sunset, das ist eine klare Aussage, die aber für das Wachpersonal keine Gültigkeit hatte. Sie legten den Sonnenaufgang nach ihrem Ermessen bzw. entsprechend ihrer Arbeitszeit fest. Zwei Kontrollpunkte mussten passiert werden, den alten Ticket Counter am Shivsagar Lake und den neuen Ticket Counter in der Nähe vom Nordwestufer des Sees. Die Sonne war längst aufgegangen, leider noch durch Wolken verborgen, immerhin tröstlich das Einsehen des Mannes im Ticket Counter, der uns nach langer Wartezeit in kühler Morgenluft schon 6Uhr35 auf den Weg zum zweiten Kontrollpunkt schickte. Wir wollten die ersten Besucher sein. Der Vorschrift zuwider blickten wir bereits um 6Uhr50 auf den Kandariya Tempel und den Devi Jagadambi Tempel, die beide auf einem gemeinsamen Sockel stehen. Es war uns wichtig, die Tempel allein zu sehen. Für die Begutachtung der zahllosen Reliefs brauchten wir keine lärmenden Menschen in unserer Nähe. Die maßlose überwältigende Fülle visueller Eindrücke der Reliefs auf den Tempelfassaden kann der Kunstliebhaber nur ohne Störung, ohne Ablenkung genießen, aufnehmen und verarbeiten. Selten haben wir derart angestrengt die im Geist gespeicherten mit den realen Bildern verglichen und nach Parallelen gesucht. Trotz der Kühle am Morgen ist uns nicht einen Moment kalt geworden. Der Chitragupta Tempel ist dem Sonnengott Surya geweiht, obwohl Chitragupta ins Umfeld von Yama gehört. Die leider etwas ramponierte, armlose überlebensgroße Statue im Heiligtum zeigt Surya auf seinem Wagen mit sieben Pferden. Dreifach wiedergegeben ist der stehende Surya auf dem Türsturz zum Garbhagriha zu sehen. An den Balkonpaneelen sind mehr als 70 Götteridole gezählt worden. Auf der Südwand der Außenfassade zeigen sich neben anderen Göttern Brahma und Brahmi, außerdem als Besonderheit ein elfköpfiger Vishnu, der sich mit seinen zehn wichtigsten Inkarnationen präsentiert. Viele wahrhaft sehenswerte Spolien sind an den Außenwänden vom Sockel eingemauert, dadurch sind die wertvollen Reliefs gegen Diebstahl gesichert. Dieses Verfahren wurde auch an anderen Tempelsockeln praktiziert. Reliefregister, Götterbilder, Pilaster und verzierte Formteile dekorieren die Sockelwände. Wer aber bemüht sich und schaut alle Sockelwände an, sucht nach seltenen Reliefs? Nur Leute, die sich ein Gesamtbild der Chandella-Reliefkunst verschaffen wollen. Manche dieser Spolien hätten es verdient, in einem Museum präsentiert zu werden, aber offenbar war hier die Überfülle von nicht verwertbaren Reliefmaterial maßgeblich für die feste Montage an den Sockeln. Nach der Besichtigung der geordnet in Reihe stehenden westlichen Tempel (Kandariya, Jagadambi, Chitragupta) begaben wir uns in den südlichen Bereich der westlichen Tempelgruppe, dort stehen der Lakshmi Tempel, der Varaha Tempel und der Lakshmana Tempel. Der kleine Lakshmi Tempel bleibt betreffs Schauwert weit hinter dem Varaha Tempel zurück. Eine offene Säulenhalle birgt die einmalige Varaha-Skulptur. Durch die räumliche Enge der Halle wird das voluminöse Erscheinungsbild dieser kolossalen Götterskulptur erheblich gesteigert. Ein Foto ist ungenügend, um den Varaha (Vishnu als Eber) wiederzugeben. Wir sind mehrfach staunend um den Vishnu herumgegangen, haben dieses Idol von allen Seiten und aus allen möglichen Blickwinkeln begutachtet. Die Begeisterung wuchs mit zunehmender Betrachtungszeit. Fast vollständig ist die Oberfläche der Eber-Skulptur mit Reliefs bedeckt. Kenner werden viele, jedoch niemals alle Götter auf dieser Skulptur identifizieren können. In Büchern wird der Varaha von Khajuraho gezeigt, doch die unmittelbare Nahsicht wirkt berührend, hat es doch den Anschein, als wäre das gesamte hinduistische Götterpantheon auf der Haut des Ebers versammelt. Gezählt wurden 675 (sechshundertfünfundsiebzig) Götterfiguren. Auf den Seitenflächen des Kopfes sind sogar die Neun Planeten (Navagraha) versammelt. Der unbekannte Bildhauer muss Vishnus Reden aus der Bhagavatgita gekannt haben, dort verkündet Vishnu, was er den Menschen sein möchte und zeigt sich Arjuna in allen seinen Formen: »Ich bin das Selbst (…) befindlich im Herzen aller Wesen. Ich bin Anfang, Mitte wie auch Ende der Geschöpfe.« (Übersetzung: Klaus Mylius 1980). Der Lakshmana Tempel (siehe Foto weiter oben) zählt zu den größten Tempelbauten in Khajuraho und gilt als Vorbild für viele Sakralbauten Indiens. Gemeinsam auf einem Sockel stehen vier kleine Tempeln, die den Haupttempel umgeben, ein stilbildendes Baumuster, welches häufig verwirklicht wurde. Das dreiköpfige Kultbild Vaikuntha zeigt die Avatare Vishnus: Mensch, Löwe und Eber, alle weiteren Inkarnationen sind auf dem Rahmenrelief über Ganga und Yamuna rund um Vishnu versammelt. Weitere wertvolle Götterbilder haben sich im Tempel erhalten. Der reichhaltige Schmuck an den Fassaden repräsentiert einmal mehr die großartige Reliefkunst der Chandella-Bildhauer. Im nordöstlichen Bereich der Westlichen Tempelgruppe stehen der Parvati Tempel, der Vishvanatha Tempel, der Nandi-Schrein und der Pratapeshwar Tempel. Im Ensemble aller Tempel der Western Group sticht der Pratapeshwar Tempel als stilistisch unpassender Bau heraus. Alle anderen Tempel hinterlassen einen homogenen Eindruck, wenn auch manchem Bau erhebliche Ergänzungen bei der Restaurierung anzusehen sind, besonders störend ist die farbliche Hervorhebung am Parvati Tempel, der andererseits wirkt, als gehöre er zum Vishvanatha Tempel. Tatsächlich kommt der Verdacht auf, der Parvati Tempel sei ein Turm vom Vishvanatha Tempel, dem ohnehin zwei flankierende Schreine fehlen. Größe und Bauart der Schreine würden diese Annahme bestätigen. Nicht zu verkennen ist die Ähnlichkeit mit dem Lakshmana Tempel, dort aber stehen die vier Begleitschreine um den Haupttempel. Wunderbar erhalten hat sich das Portal vom Parvati Tempel, Schwelle, Pilaster und Lintel sind Musterbeispiele großartiger Reliefkunst. Aufmerksamen Betrachtern fallen die erotischen Szenen in den drei oberen Registern der Pfeiler auf. Sexuelle Praktiken finden sich an den Khajuraho Tempeln üblicherweise an den Fassaden in nicht erreichbarer Griffhöhe angebracht, die Augen müssen sich nach oben richten, um die legendären Reliefs zu sehen. Als originale Bauteile können außer dem Portal nur noch der Sockel, eine Nische und eine Löwenfigur über dem Portal und die Amalakas nebst Kalascha, die den Shikhara bekrönen, registriert werden. Der Nordost-Schrein, ebenfalls weiß getüncht, verfügt quantitativ über die geringste Menge historischer Bauteile, was erheblich zu seiner Unansehnlichkeit beträgt. Über den Verbleib der zwei fehlenden Begleitschreine am Vishvanatha Tempel konnten keine Informationen ermittelt werden. Das Portal vom Südwest-Schrein gleicht im Aufbau und der Reliefgliederung dem Portal vom Parvati Tempel, zeigt über den Wächterfiguren auch nackte Paar-Darstellungen, doch die Bildaussagen blenden vordergründig dezidierte Sexualpraktiken aus, denn bei den unbekleideten Paaren handelt es sich um Mithuna-Paare (Himmlische Liebespaare). Eindeutig sexuell konnotiert sind die Reliefregister im oberen Bereich der Fassaden vom Zentraltempel. Über die Bedeutung der Sex-Reliefs streiten sich die Wissenschaftler, es existieren verschiedene Auslegungen. Es genügt den Pratapeshwar Tempel von außen gesehen zu haben und sein Vorhandensein zur Kenntnis zu nehmen. Der zwischen 1784 und 1854 erbaute Tempel, genauere Daten sind nicht bekannt, ist von einem Lintel abgesehen leergeräumt. Wächter scheinen den schattigen Innenraum als Pausenplatz zu nutzen. Schräg gegenüber, durch Zaun und Straße separiert, steht der architektonische Gegenpart: der Kenotaph Samdhi of Raja Pratap Singh of Chhatarpur (Pratap Singh Chhatri). Im Vergleich dieser zwei Bauten erschließt sich der stilistische Zusammenhang, beide Bauwerke sind wohl auf Initiaven von Pratap Singh errichtet worden, sowohl Tempel und Kenotaph entsprechen dem Bundeli-Stil. Auf dem Gebiet des ehemaligen Staates Chhatarpur haben sich zahlreiche Baudenkmale aus dieser Zeit erhalten, die leider oder noch immer am Rand touristischer Wahrnehmung tangieren. Khajuraho profitiert von den Tempeln der Chandella-Ära. Jährlich besichtigen tausende in- und ausländische Gäste die Tempelgruppen und die Einzeltempel. Erstaunlicherweise stauen sich im Archäologischen Museum Khajuraho keine Besucherströme. Am Nachmittag konnten wir mehrere Stunden ungestört die Kunstobjekte bewundern und ohne Behinderungen fotografieren. Das 2015 neu erbaute Archäologische Museum Khajuraho bewahrt und präsentiert die am Anfang des 20. Jahrhunderts von W. E. Jardine (britischer Beamter) zusammengetragene Sammlung, die vormals im nicht mehr zugänglichen Jardine Museum gezeigt wurde. Im neuen Museum stehen vorrangig Objekte zur Ansicht, die aus den Tempelanlagen von Khajuraho stammen. Zu sehen sind alle wichtigen hinduistischen Gottheiten, viele in mehrfachen Varianten, außerdem eine beträchtliche Anzahl jainistischer Kunstwerke und wenige buddhistische Skulpturen. Drei Mutter/Kind-Skulpturen fallen besonders auf, zwei der Skulpturen gleichen sich: beide Mütter liegend, den Kopf mit dem linken Arm gestützt, jeweils einen Schlangenschutzschild hinter dem Kopf, beide ihr Kind an der Brust. Die harmlose Bezeichnung Mutter und Kind entkräftet die Assoziation hier auf eine Göttin (Matrika) zu blicken, wiederum Reliefbänder belegen, dass hier eindeutig hinduistische Muttergöttinnen abgebildet sind. Die Schlange als Unterlage ist im Bild links als Schlangenbett zu erkennen, im Bild rechts ist die Schlange nur unter der Brust sichtbar, es muss zwangsläufig auf Ananda (Weltenschlange), folglich auf Vishnu, sprich: Lakshmi geschlossen werden. Die Mutter der versehrteren Skulptur (Bild rechts) trägt die typische hohe zylindrische Vishnu-Krone, außerdem ist im unteren Reliefband das Muschelhorn sehr prägnant herausgestellt, hier als Vishnu-Attribut zu bewerten. Die sehr ähnlichen Mutter/Kind-Skulpturen wurden als liegende Bildwerke gefertigt und sind in der waagerechten Position zu betrachten, während die dritte Mutter/Kind-Skulptur (obwohl liegend auf dem Boden abgestellt) ursprünglich als Nischenbildwerk senkrecht in einer Fassade gestanden haben muss, der Beweis für diese Behauptung ist das auf einer kleinen Sockelplatte stehende Kind. Hinter dem Kopf der weiblichen Figur ist ein Schlangenschild sichtbar, vielleicht ist hier eine Nagini oder eine Surasundari, wenn nicht gar Maheshvari gemeint. Saptamatrika-Reliefs sind in Indien öfters zu sehen, die sieben Muttergöttinnen werden meist von Veerabhadra (Shiva) und Ganesha (Shivas Sohn) begleitet bzw. behütet. Oft werden die Matrikas sitzend (mit ihren Reittieren zu Füßen) dargestellt, seltener stehend mit Kindern. Allein schon die hier gezeigte Darstellung der sieben stehenden Frauen erhebt das durchbrochene filigrane Relief zur Besonderheit. Die dritte Göttin (von links gezählt) trägt eine Schlangenkrone und den Dreizack, ist also eindeutig als Maheshvari zu identifizieren, in diesem Sinne könnte die Göttin Nr. 1594 (siehe Bild oben) auch als Maheshvari durchgehen. Selten, aus unserer Sicht ein Unikat, ist der ungewöhnliche Lintel (Türsturz) Objekt Nr. 1363. Leider fehlt die linke Reliefpartie, die aber sicher der rechten Tempelnische geglichen hat, als Verlust sind auch Teile der Navagraha (untere Figurenreihe) und Saptamatrika (obere Figurenreihe) zu beklagen. Links fehlen Veerabhadra (Shiva) und einer der Planeten. Diese Figurenformation Saptamatrikas stehend hinter den sitzenden Navagrahas ist betreffs der künstlerischen Gestaltung gelungen. Sehr erhaben und absolut göttlich, trotz Gesichtlosigkeit wirkt Vishnu auf Garuda, das göttliche Gespann bildet die hervorstechende Zentralfigurengruppe auf dem Lintel, welch wunderschöner Garuda, wie erst muss Vishnu ausgeschaut haben. (Die Bezeichnung Navagraha-Saptamatrika-Vishnu/Garuda hat der Autor geprägt.) Viele Kunstwerke aus der reichen Sammlung des Archäologischen Museums Khajuraho bleiben uns in Erinnerung, können aber auch jederzeit per Foto aufgerufen werden, denn fast alle Objekte der Sammlung haben wir fotografiert. Es kann nur empfohlen werden, das Museum unbedingt aufzusuchen. Die eingehende Besichtigung der Museumssammlung ergänzt die Eindrücke, die an und in den Tempeln von Khajuraho gesammelt wurden.
Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones Zehnter Tag: Delhi Nach ereignisreichen Tagen in Nepal flogen wir nach Indien. Vom Indira Gandhi International Airport fuhren wir direkt zum National Museum in Delhi. Wir kennen das Museum, doch jeder Besuch bringt neben spannenden Sonderausstellungen stets auch neue Erkenntnisse. Die Begeisterung reißt nicht ab. Bewahrt und gezeigt werden seltene Statuen und Reliefs, die in den Tempelanlagen den ständigen Belastungen der Besucher und den Witterungseinflüssen nicht standgehalten hätten oder gar verschwunden wären. Kein Wunder, dass wir uns in den verschiedenen Abteilungen des Hauses heimisch fühlen, finden wir doch ordentlich nach Epochen und Regionen sortiert außerordentliche Kunstwerke, die wir bei den Visiten vieler Tempel vermisst haben. Museumskollektionen sind in jedem Fall sinnreiche Ergänzungen zu den Eindrücken, welche bei Besichtigungen vieler religiöser Stätten gesammelt werden. Es wäre einfach, hier dutzende Bilder von Statuen und Reliefs vorzustellen, doch es wäre auch billig, hier mit Quantität Aufmerksamkeit zu suchen. Berühmte Kunstwerke sind in einschlägigen Büchern und Internet-Foren ausführlich besprochen, deshalb wird hier eine persönlich geprägte Auswahl weniger populärer Exponate gezeigt. In der Gefolgschaft von Shiva treten häufig Ganas in Erscheinung. Kein anderer als der Sohn Shivas, Ganesha (Gana-Pati), rekrutiert und befiehlt die Auftritte der liebenswürdigen, einfalls- und wandlungsreichen, zu Schabernack neigenden und sogar musikalischen dickbauchigen halbgöttlichen Wesen. Oftmals wird die Darstellung der Ganas einzig und allein auf ihre Zwergengestalt reduziert, dabei haben sie im Umfeld von Shiva eine berechtigte Existenz resp. Aufgaben wahrzunehmen. Aufmerksame Betrachter finden auf vielen Shiva-Reliefs auch Ganas, wobei sie vielmals völlig eigenständig ohne Shiva und ohne Ganesha gezeigt werden, so beispielsweise an etlichen Tempeln in Badami. Man kann diese lustigen Gesellen nur mögen. Buddha-Statuen verschiedener Epochen sind stets ein Blickfang, sie sind Westlern vertraute Idole einer asiatischen Religion. Weltweit zeigen viele Museen buddhistische Kunst, Objekte aus allen Epochen und Ländern, doch einen Buddha aus dem Königreich Kushan findet man nicht in jeder Sammlung. Der Begriff Somaskanda bezeichnet die gemeinsame Präsentation von Shiva, seiner Frau Parvati und den Sohn Skanda als Kind. Darstellungen des göttlichen Paares Shiva und Parvati (Uma-Maheshvara) wurden häufiger in Stein gehauen als Somaskanda-Idole. Die Pallava-Dynastie beherrschte mehrere Jahrhunderte hindurch weite Deccan-Regionen. Skanda wurde später zum Kriegsgott erhoben und wird in Süd-Indien als Murugan verehrt. Der Naga, die Nagi sind Schlangen, die in den mythologischen altindischen Überlieferungen dominant sind und als göttliche Wesen verehrt werden. Zeremonien feiern kultisch die Nagas, welche sowohl einzeln als auch paarweise in Erscheinung treten. Besonders reizvoll anzuschauen sind Nagas in vermenschlichter Form. Legendär ist der Nagaraja, der König der Schlangen, noch bekannter ist die Weltenschlange Ananta (Shesha), Vasuki ist ebenfalls ein Schlangenkönig und Shiva-Verehrer. Auch im Buddhismus gelangte ein Schlangenkönig zu Ruhm und Ehre: Mucalinda beschirmte den Buddha während seiner Meditationen. In der Region von Xinjiang (China) befindet sich die archäologische Ausgrabungsstätte Sorchuk. Dort haben sich Ruinen buddhistischer Tempelanlagen erhalten. Erste wissenschaftliche Grabungen in Sorchuk führten deutsche Forscher zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch. Im National Museum Delhi werden in einer Vitrine kleinteilige Fundstücke aus dem schwer zugänglichen Gebiet an der ehemaligen Seidenstraße präsentiert. Dakshinamurti meint immer Shiva, der sich in einer besonders friedvollen Version zeigt: Shiva als Guru, der die Yoga-Praktiken, die daraus resultierenden Weisheiten durch Schweigen vermittelt. Der nach Süden, in Richtung Todesgott Yama blickende, unter einem Banyan-Baum sitzende meditierende Shiva ist ein Beispiel göttlicher Abgeklärtheit, die zur Erkenntnis, zum endunglosen Wissen führt. Ein Bein Shivas ruht auf dem Dämon Apsamara, der Ignoranz und Dummheit verkörpert. Später besiegt Shiva als Nataraja (König des Tanzes) den Dämon endgültig, der Gott tanzt auf dem Rücken des liegenden Dämons. Chola-Bronzen aus Tamil Nadu sorgten für die weltweite Verbreitung des Nataraja-Mythos. Shiva-Idole existieren in vielfältigen Varianten. 108 Namen werden Shiva zugesprochen, sie alle meinen streng fixierte Aspekte seiner Erscheinungen. Der nicht näher bezeichnete stehende Shiva wurde in Aihole geborgen, einem kleinen Dorf mit zahlreichen Tempeln, dort herrschten im 6. Jahrhundert die Western Chalukya. Eine Ausnahme bildet der im 5. Jahrhundert entstandene vierarmige Shiva Vamana aus Maharashtra. Vamana ist eine der zehn bekannten Vishnu-Emanationen. Vishnu als Zwerg ist den Hindus vertraut, doch Shiva als Zwerg (sprich: Vamana) gilt als seltene Erscheinung. In keiner Museumssammlung haben wir noch einen anderen Shiva-Vamana gesehen. Dieser Shiva-Statue muss Seltenheitswert und unter Vorbehalt Einmaligkeit bescheinigt werden. Einen Sikh-Tempel hatten wir auf früheren Reisen noch nicht betreten. Am Nachmittag stand der Gurdwara Bangla Sahib Tempel auf dem Programm, einer der bedeutendsten Sikh-Tempel in Delhi. Vielleicht wurde ausgerechnet heute ein wichtiges Ritual zelebriert, wie auch immer, über mangelnden Menschenandrang konnten wir uns nicht beklagen. Gedränge schon im Eingangsbereich, noch mehr Menschen im Tempel. Alle hörten gespannt auf die lauten rigorosen Worte des Predigers. Kein Gedränge herrschte auf dem Wazipur Tomb Complex, wir waren am späten Nachmittag die einzigen Besucher in dem parkähnlichen Gelände. Erhalten sind fünf Gräber, zwei Ruinen ehemaliger Moscheen und ein Stufenbrunnen aus der Lodhi Ära. Hierher kommen Menschen, die schon andere Hinterlassenschaften der Lodhi-Dynastie gesehen haben und sich eine vollständige Übersicht der Lodhi-Bauten in Delhi verschaffen wollen. Elfter Tag: Khajuraho Khajuraho in der Region Bundelkhand im Bundesstaat Madhya Pradesh ist bekannt für seine Tempel, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. Delhi liegt ungefähr 650km nordwestlich entfernt. Flugzeit eine Stunde. Kein Smog in der ländlichen Region. Zufriedenes Aufatmen. Die kleine Stadt wirbt mit dem Slogan: Green City – Clean City, welch ein Anspruch, welch eine Herausforderung. Unterkunft für zehn Tage hatten wir in einem Hotel an der Hauptstraße direkt in der Stadtmitte gewählt, so konnten wir viele Objekte unserer Wahl zu Fuß erreichen. Gleich am Nachmittag machten wir uns auf zu nahen Zielen. Wie immer hatten wir alle Aktionen generalstabsmäßig geplant. Kein Tag, keine Stunde sollte ungenutzt verstreichen. Keine fünf Minuten vom Hotel entfernt, mitten in der Stadt überragt der Raja-Palast von Pratap Singh Geschäfte, Restaurants und Wohnhäuser. Das Samdhi of Raja Pratap Singh of Chhatarpur, auch als Pratap Singh Chhatri bekannte Bauwerk ist ein imposantes Gebäude und als Beispiel für die Bundelkhand-Architektur (Bundeli-Stil) hinterlässt es zumindest äußerlich einen positiven Gesamteindruck. Angeblich soll die Asche des Herrschers im Kernbereich der Grabanlage aufbewahrt sein. Im November 2025 war keine Innenbesichtigung möglich, wahrscheinlich ist die Visite generell nicht vorgesehen. Intensive Begutachtungen sind ohnehin zu vermeiden, hierdurch gerät nämlich der mangelhafte Erhaltungszustand ans Licht. Pratap Singh regierte von 1816-1854, während dieser Periode oder später muss der Bau hochgezogen worden sein. Unklar bleibt, ob er selbst oder erst sein Sohn das Mausoleum erbaut hat. Unweit entfernt vom Kenotaph, fast gegenüber, stehen schon die ersten Tempel, die wir allesamt auf unserer Liste geführt haben. Der im 9. oder 10.Jahrhundert erbaute Matangeshvara Tempel ist für jedermann frei zugänglich und wird von den Hindus wegen seinem kolossalen Lingam (2,5m hoch und 1,1m Durchmesser) aufgesucht. Der Lakshmana Tempel steht unmittelbar daneben, ist aber durch einen Metallzaun separiert, denn er zählt zur westlichen Tempelgruppe. Für die Tempel der Westgruppe wird Eintritt verlangt, denn dieser Tempelkomplex wird museal vermarktet. Heute genügte uns der Blick zum Tempel über bzw. durch den Zaun. Ein längerer Spaziergang führte uns zum etwas abseits gelegenen Chausath Yogini Tempel, der ältesten Tempelanlage in Khajuraho. Zu diesem ungewöhnlichen Tempel kommen nur wenige Touristen, der Schauwert wird von der Allgemeinheit als gering veranschlagt, dabei gibt es in Khajuraho keinen auch nur annähernd ähnlichen Tempel zu sehen. Tatsächlich kann Indien mit tausenden Shiva-Tempeln, aber nur mit wenigen Yogini-Tempeln aufwarten. Vierundsechzig der im Viereck angeordneten Zellen waren jeweils einer Yogini gewidmet. Obgleich die Anlage eher als Ruine, nicht als guterhaltener Tempel zu bewerten ist, lohnt die Besichtigung. Zwölfter Tag: Khajuraho Heute waren wir von 7 – 17Uhr unterwegs, haben Tempel besichtigt, die üblicherweise als die östliche Tempelgruppe bezeichnet werden, um das Tagesprogramm abzurunden haben wir noch einzelne in der Nähe befindliche unbekanntere Tempel aufgesucht. Ostwärts in Richtung Ortsausgang steht an der Jain Temple Rd der Hanuman Tempel, den überdachten, mit Maschendraht eingefassten Schrein einen Tempel zu nennen, ist fast schon vermessen. Wie auch immer, sehenswert ist die übermannsgroße Hanuman-Statue, ihr gelten die Aufmerksamkeiten der Hindus, die schon am frühen Morgen zum Gebet kommen. Der Brahma Tempel steht auf einem Sockel, der das befestigte Ufer unterbricht. Dem Tempel ist der Wiederaufbau anzusehen, deutlich heben sich die originalen Steine von den neuen Ergänzungen ab. Der Eingangsbereich und einige relieffierte Steine künden von ehemaliger prächtiger Ausstattung. Ein besonderer Reiz geht vom Chaturmukha Lingam aus, einen solchen gibt es in Khajuraho nur hier: vier Gesichter Shivas zieren den Lingam-Stumpf, Shiva blickt in die vier Himmelsrichtungen, im übertragenen Sinn überschaut der Gott die Welt. Leider ist das wunderbare Lingam nur ein Bruchstück, welches auf eine improvisierte Yoni gestellt wurde. Den Sturz vom Eingang ziert ein Idol von Vishnu auf Garuda, weder innen, noch außen findet sich eine Spur vom Tempelnahmensgeber Brahma. Eigentlich müsste der Brahma Tempel Shiva Tempel heißen, die Einheimischen meinten, die vier Gesichter stellen Brahma dar. Einen großartigen Eindruck hinterlässt der Vamana Tempel. Der massive und hohe Sockel verstärkt das monumentale Erscheinungsbild dieses Tempels. Shikhara (Turm) und Tempel fügen sich harmonisch aneinander. Der Tempelbau gliedert sich in Antarala, Mandapa und Mukhamandapa. Im Sanctum Sanctorum (Garbhagriha) befindet sich eine schöne Vamana-Statue: Vishnu als Vamana (Zwerg). Vom Khakhra Math Tempel konnte nur wenig wieder aufgebaut bzw. gerettet werden. Der Betrachter muss die vormalige Schönheit mehr ahnen, als er in situ sehen kann. An den Säulen einer ehemals prächtigen Kapelle fallen verschiedene Yaksha-Kapitelle auf. Der Javari Tempel ist ein ebensolcher eindrucksvoller Bau wie der Vamana Tempel, beide Tempel stehen sich in Nord-Süd-Richtung fast gegenüber, auch wurden beide auf hohem Sockel erbaut. Der Vergleich der Bauzeiten ermöglicht die Annahme, die Tempel wären nacheinander erbaut worden: zuerst der Vamana Tempel (1050-1075), danach der Javari Tempel (1075-1100). Der Javari Tempel glänzt mit einem prachtvollerem Shikhara und einer wunderbaren Makara-Thorana. Dem Shiva-Idol im Heiligtum fehlt leider sein Kopf, doch der Rahmen der Statue ist gleichermaßen prächtig gestaltet wie auch der Eingang zum Garbhagriha. Der Lintel (Türsturz) zeigt die Neun Planeten, ein in Indien stereotyp wiederkehrendes Reliefmotiv, welches in zwei Grundvarianten vorzufinden ist, entweder die Planeten sind als stehende Figuren (Ausnahme: Rahu) oder aber nur als Köpfe dargestellt, auf anthropomorphe Wiedergaben der Figuren verzichten beide Reliefvarianten nicht. Es lohnt sich wirklich, das Figurenwerk sowohl innen als auch außen näher in Augenschein zu nehmen. Die wichtigsten Götter und Göttinnen sind ohne Schwierigkeit zu erkennen. Der Ghantai Tempel (auch: Ghanti Tempel) ist leider nur noch als Ruine erhalten. Eine offene Halle, (Mandapa) zeugt von einem vormaligen Jain Tempel, der um 995 erbaut worden sein soll. Besonders fallen die Säulen mit den wundervollen Glockenketten ins Blickfeld, Forscher meinen, es seien die schönsten Glockenkettensäulen in Indien, welche in dieser Zeit entstanden. Gleich am Eingang zum Jain Tempel Komplex werden zwei wichtige Reliefs präsentiert, zum einen Navagraha (die Neun Planeten) zum anderen Die sechzehn Träume der Mutter der Tirthankaras. Auf dem Gelände vom Jain Tempel Komplex stehen historische neben neuen Tempelbauten, je nach Bedarf und finanziellen Möglichkeiten wurde über die Jahrhunderte hinweg das Tempelensemble erweitert. Der Besucher kann leicht zwischen alter und neuer Bausubstanz unterscheiden. Für die Besichtigung der Jain Tempel braucht es Zeit, zumal der heutzutage rituell genutzte Bereich auch zugänglich ist, zusätzlich wartet noch das Sahu Shanti Prasad Jain Art Museum auf Gäste. Das westlich vor dem Jain-Komplex erbaute liebevoll eingerichtete Museum war die Überraschung schlechthin. Für den unglaublich bescheidenen Eintrittspreis von 25 Rupien (25 Eurocent) gibt es im Verhältnis viel zu bewundern. Der Shiva geweihte Duladeo Tempel ist nach dem Stand der Forschung der letzte von den Chandella in Khajuraho erbaute Tempel, die Datierung ist ins Jahr 1130 veranschlagt, wobei die Bauzeit durchaus zwischen den Jahren 1100 und 1150 anzusiedeln ist. Im Garbhagriha wird ein mit 1000 Mini-Lingas verzierter Lingam angebetet. Geht man vom Grundriss und den erhaltenen Fundamentresten aus, ist der Bijamandal der größte Tempel in Khajuraho. Imposant sind allein schon die Höhe vom Fundament und die ornamentale und figurale Vielfalt der Reliefbänder, die das Fundament rundum bedecken. Der Bau soll nicht fertiggestellt worden sein. Viele Argumente sprechen gegen diese Feststellung. Welcher Baumeister errichtet einen Sockel, lässt diesen rundum excellent verzieren, ohne vorher wenigstens den Rohbau fertigzustellen? Außerdem die unzähligen bearbeiteten Steine (Formstücke, Amalakas, Säulen- und Pilasterfragmente), die im Umfeld des Tempels (von den Archäologen sortiert) am Boden lagern, ganz zu schweigen von den noch im Boden lagernden Steinen, belegen, dass hier ein fertiger Tempel gestanden haben muss. Zieht man noch die bei Ausgrabungen gefundenen Götterstatuen, allesamt hinduistischer Provenienz, in Betracht, verstärkt sich die Beweislage zugunsten einer zu Ende gebauten Tempelanlage. Hier hat die Forschung noch große Aufgaben vor sich. Majestätisch und erhaben ragt der um 1100 erbaute Chaturbhuj Tempel mit seiner hohen Mandapa und dem Shikhara gen Himmel. Nachmittags wird die schöne, fast drei Meter große Vishnu-Statue von der Sonne angestrahlt. Abschließend fuhren wir noch zum etwas abseits stehenden Lalguan Mahadeva Tempel. Auf einem großflächigen Sockel steht ein einziger schlichter Tempelbau. Es wird die Bauzeit um 900 angenommen, somit wäre es neben dem Chausath Yogini Tempel einer der ältesten Tempel in Kahjuraho. Elf Tempel haben wir heute besichtigt, das war ein langes, anstrengendes, doch abwechslungsreiches Tagesprogrammn. Morgen steht die Western Temple Group auf dem Plan.
Fotos und Text Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones |
Autor Günter SchönleinAuf meinen bisher acht Reisen nach Kambodscha habe ich viele Khmer-Tempel photographisch dokumentiert. Mit Pheaks Hilfe suchte ich auch viele schwer zu findende entlegene Tempel auf. In diesem Blog möchte ich meine dabei erworbenen Eindrücke und Kenntnisse gerne anderen Kambodscha-Liebhabern als Anregungen zur Vor- oder Nachbereitung ihrer Reise zur Verfügung stellen. sortiert nach Themen:
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Der Blog enthält sowohl Erlebnis-Reiseberichte als auch reine Orts- und Tempel-Beschreibungen, siehe Kategorien "Persönliches" und "Sachliches" in der Liste von Tags oben, sowie eingestreute Beiträge zu anderen Reiseländern und Themen.
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