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Kaum eine mythologische Erscheinung neben den Göttern ist derart präsent wie GARUDA, mit ihm können nur noch Ganesha und Nandi konkurrieren. Gleich in welchen Stadtteilen von Kathmandu, Lalitpur oder Bhaktapur Menschen unterwegs zu ihren Tempeln sind, sie stoßen unweigerlich auf das Reittier Vishnus. Der Mittler zwischen Himmel und Erde genießt in Nepal, wohlbemerkt als Einzelwesen, besonderes Ansehen. Meist findet sich Garuda als Vogel dargestellt, kaum weniger häufig ist Garuda als Betender zu sehen, diese anthropomorphe Erscheinung erfreut sich vor vielen Tempeln und anderen Bauten großer Beliebtheit. Heinrich Zimmer (1890-1943) schrieb: „Der Vogel wird als »Schlangentöter« oder »Nagatöter« (nagantaka, bhujagantaka) oder »Schlangenverzehrer« (pannagasana, nagasana) angerufen. Sein eigentlicher Name ist Garuda, von der Wurzel gri, »herunterschlingen«. Als unbarmherziger Vernichter der Schlangen ist er mit mystischer Macht über die Wirkungen des Giftes erhaben.“ An etlichen Grabkapellen oberhalb der Verbrennungsstätte Pashupatinath am heiligen Fluss Bagmati ist Garuda sowohl in animalischer als auch in anthropomorpher Darstellung zu sehen. Tritt Garuda auf, zeigt er sich entweder als Reittier seines Herrn Vishnu oder als Feind der Nagas, die er vernichtet. Die zwei Garuda-Fotos der Pashupatinath-Grabkapellen zeigen den Unterschied seiner beiden Erscheinungsformen. Berühmt sind die Garuda-Statue und die Reliefs im Changu Narayan Tempel (Bhaktapur). In welchem Jahrhundert die wunderbare Statue gefertigt wurde, lässt sich schwer bestimmen. Viele Autoren zeigen die Statue, manche behaupten sie stamme aus dem 5. Jahrhundert, dann wäre diese gleich alt, wie der Tempel, der laut einer Inschrift im Jahre 464 erbaut wurde. Selbst wenn die Statue erst in jüngerer Zeit gefertigt wurde, wäre das kein Makel. Der knieende, im Gebet versunkene Mensch-Vogel (Vogel-Mensch) ist so wunderbar, dass die Frage nach seinem Alter auf den Lippen erstirbt. Wir blicken auf die vielleicht schönste Statue Garudas im Kathmandu-Tal. Die Menschen lieben und verehren diesen Garuda, täglich werden ihm frische Blumen gebracht. Die Vishnu-Reliefs mit seinem Reittier Garuda stammen aus dem 7. Jahrhundert, das wird verallgemeinernd behauptet, wobei sich diese Aussage sicher nur auf Relief I & II bezieht, bei den Reliefs III & IV wird es sich um später geschaffene Varianten handeln, wobei Relief III auch wieder das ältere und Relief IV die jüngere Tafel zu sein scheint. Auf Vishnu III hat Garuda vier Arme, auf Vishnu IV sogar sechs Arme, auf den anderen Reliefs hat Garuda zwei Arme=zwei Flügel, das ist vermutlich die tradierte Darstellungsvariante, die der Anatomie eines Vogels entspricht. Garuda ist im Changu Narayan Tempel mehrfach präsent, sogar in Holz geschnitten taucht der Vogel auf, hier als nagantaka bzw. nagasana (um nochmals den berühmten Indologen Heinrich Zimmer zu zitieren). Das Motiv ist sehr anschaulich auf den vier Thoranas über den Eingängen geschildert. Es fiele leicht, noch Dutzende anderer Garuda-Reliefs zu zeigen, doch weitere Garuda-Statuen fanden sich nicht, zumindest keine, die sich grundlegend von den hier vorgestellten Darstellungen unterschieden hätten. Das vorrangige Anliegen, einige markante Garuda-Typen in diesen Artikel vorzustellen, scheint mit dem gegebenen Bildmaterial erfüllt.
Fotos und Text: Günter Schönlein Mit (VJ) gekennzeichnete Fotos fertigte Vanessa Jones Zitat zu Garuda aus Heinrich Zimmer – Indische Mythen und Symbole Eugen Diederichs Verlag 2. Auflage 1984 (Seite 86) Korrektur: Vanessa Jones
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Häufig stehen an den Eingängen zu Tempeln Tierstatuen, sie haben eine Wächterfunktion, sie behüten die Tempel und verhindern das Eindringen böser Kräfte. Welches Geschöpf auch immer die Tempel bewacht, diese Wesen erfüllen den apotropäischen Schutz der Heiligtümer. An Kraft und Wirkung der Wächtertiere wird fest geglaubt, deshalb sind diese Schutzwesen an großen und kleinen Tempeln nicht zu übersehen. In allen Stadtteilen von Kathmandu, so auch in Lalitpur (Patan), stehen zahlreiche Tempel. Der Vergleich der Tempel drängt sich auf, zwangsläufig öffnet sich auch der Blick auf die vielfältigen Tempelwächter, meist sind es Löwen, die allerdings in Varianten auftreten. Der Fokus dieser Betrachtung wird vorrangig auf Löwen gerichtet sein. Kein Tourist, auch kein Langzeitbesucher wird je alle Tempel und Schreine in Kathmandu aufsuchen, dennoch werden interessierte Touristen genügend Tempellöwen entdecken, um einen Eindruck von ihrer unterschiedlichen Beschaffenheit zu gewinnen. Der Löwe gilt in allen Kulturen als Symbol für Kraft, Stärke, Tapferkeit, Macht und Würde. In der Tierwelt zählt der Löwe als Dominator. Weder in China, Kambodscha, Thailand, Burma, Japan, Indien und Nepal haben jemals Löwen in freier Wildbahn gelebt. Die Bildhauer haben niemals lebende Löwen gesehen, das erklärt teilweise die oftmals unrealistischen Darstellungen vieler Wächterlöwen. Weshalb ausgerechnet Löwen als Schutzwesen vor den Eingängen asiatischer Tempel platziert wurden, kann hier nicht erklärt werden, derlei Ausführungen sprengen den Rahmen dieser Betrachtung. Östlich der in Lalitpur von Nord nach Süd führenden Shankhamul Marg steht der stattliche Kobaha Krishna Mandir. Den steinernen Hindu-Tempel auf dreifachen Sockel bewachen vier Wächtertiere. Neben den Stufen sitzen zwei grimmige Löwen mit aufgerissenem Maul, eine Sockelebene höher sitzen zwei weitere Löwen, denen ist allerdings ein seltsamer Kopf gewachsen, anstelle des zahnreichen Mauls haben sie einen Schnabel, der sehr an einen Greifvogel erinnert, (vielleicht ein entfernter Verwandter von Garuda?). Diese Anordnung von vier Wächtertieren ist ein in Nepal/Kathmandu/Lalitpur häufig wiederkehrendes Wächterensemble, zusätzlich finden sich unter den Basen der Säulen noch kleine Löwen, die aber nicht freistehen, sondern als Halbrelief herausgearbeitet sind. Hinweis: Säulen-Löwen und Eck-Löwen an Sockeln werden im Verlauf des Artikels gesondert vorgestellt. Einhundert Meter westlich vom Bhimsen Mandira hat sich vor einem Tempel in gedrängterem Beieinander ein ähnliches Löwenquartett wie vor dem Kobaha Krishna Mandir versammelt, jeweils ein Löwen-Paar und ein Schnabel-Löwen-Paar halten die Wacht. Die Sitzhaltung der Löwen gleicht sich, die aufrechte Kopfhaltung, die gelockte Mähne, die Krone, der Schmuck und nicht zu vergessen, die Fußkrallen und der auf den Rücken abgelegte Schwanz. Jede Statue ist aus einem Block gehauen. Mag es auch unwissenschaftlich sein und völlig unbeholfen klingen, es ist wohl nicht allzu vermessen, die Schnabellöwen als Garuda-Löwen zu klassifizieren. Der Name dieses kleinen Schreins wird flanierenden Touristen nicht vermittelt, kein Schild verrät, welchem Gott gehuldigt wird. Sind solche unbenannten Tempel und Schreine verschlossen und keine Einsicht möglich, endet an solchen Plätzen die korrekte Buchführung. In diesem Fall konnte der Name Harisankar Mandir ermittelt werden, wenn auch für diese Betrachtung die Kennzeichnung der Schreine keine erstrangige Rolle spielt, sondern vorrangig die Erfassung der verschiedenen Löwen und ihre Typisierung. Die mannshohen Löwen am Eingang vom Rudravarna Mahavira sitzen aufrechter als die Löwen der beiden bislang vorgestellten Typen: die Köpfe sind markanter ausgeprägt, Ohren, Augenbrauen, Nasen- und Barthaare treten stärker hervor. Der Schmuck um Hals und Brust variiert, der Prunk ist etwas zurückgenommen, sie tragen keine Krone. Wichtig: hier halten ein männliches (links) und ein weibliches Tier (rechts) Wache, das deutliche Unterscheidungsmerkmal sind die Brustpartien der Löwen. Diese Löwen scheinen aus mehreren Steinschichten gefertigt zu sein. Das innere Tor vom Rudravarna Mahaviha flankieren zwei ganz andere Löwen. Diese Wächtertiere tragen auf dem Rücken ein Relief mit der Darstellung einer Gottheit. Weiter als bisher gesehen, reißen die Löwen ihr Maul auf, sie brüllen und zeigen starke Eckzähne, die Zunge ist andeutungsweise zu sehen. Man betrachte auch die feinen Übergänge von der Schulterpartie über die Mähne bis hin zum Reliefschild, das ist meisterhaft. Die handwerkliche Gestaltung dieser Löwen ist weitaus kunstvoller, als die anderen bislang gezeigten Löwen, die häufig zu finden sind und allesamt einem Grundmuster entsprechen, offenbar hatten die Werkstätten Musterstatuen zur Ansicht und nur die Größe musste den Bauten (den Sockeln) angepasst werden. – Wissenschaftler könnten ihren Blick auf die Inschriften an den Rändern der Löwensockel fokussieren. Vielleicht sind das Herstellungsjahr, die Werkstatt und eine Widmung zu lesen. Touristen muss der Rudarvarna Mahavihar empfohlen werden, er ist einer der schönsten Tempel in Lalitput. Im Innenhof stehen mehrere sehenswerte Metallskulpturen, unter ihnen auch eine europäische Löwenstatue. In Nebenstraßen und Innenhöfen gibt es ungezählte namenlose kleine Heiligtümer zu entdecken. Der Mut, Schritte ins Abseits zu wagen, wird belohnt, weder beißen die Löwen, noch die Menschen, sofern anwesend. Die gedrungenen Körper, die kürzeren Vorderläufe und die tiefere Sitzhaltung vermitteln ein anderes Erscheinungsbild als die bisher vorgestellten aufrecht sitzenden Löwen. Wer den Rato Machindranath Tempel besichtigt, wird einerseits enttäuscht und andererseits begeistert sein. Der für das Kathmandu-Tal typische Pagodenstil zeichnet diesen wunderbar restaurierten, leider nicht zugänglichen Tempel aus. Ein blauer Gitterkäfig verhindert die Besichtigung, immerhin sind die Gitterstäbe so weit auseinander, dass die visuelle Begutachtung aus der Distanz ohne Schwierigkeiten rundum möglich ist. Zwei bemalte Löwen (männlich und weiblich) bewachen die Stufen zum Eingang. Es muss vorgegeben sein, dass die Löwinnen immer rechts ihren Platz haben. Bemalte Löwen wirken völlig anders, als Löwen in ausschließlich steinern farbloser Erscheinung. Sind dann auch noch die Köpfe/das Gesicht sonderlich geformt und die Kronen extrem stilisiert, muss hier ein völlig eigenständiger Löwen-Typ registriert werden. Unabhängig vom Typ sind also bemalte und nicht bemalte Wächterlöwen zu unterscheiden, siehe auch die bemalten Löwen vom Kutusingha Vihar. Zum Machindranath Tempel, der auf Fundamenten einer früheren Tempelanlage 1673 erbaut wurde, kommen Hindus und Buddhisten. Vielleicht wird der Tempel für Feiern bestimmter Rituale zeitweise geöffnet. Auf dem Darbar Square (Palastbezirk Lalitpur) gibt es viel zu sehen. Ohne weiteres kann man dort einen Tag unterwegs sein. Es ist nicht nur der Gesamteindruck der Staunen hervorruft, besonders die Vielfalt der Tempel und deren Einzelbegutachtung fasziniert. Dort stehen auch zwei Krishna Tempel, sie sind leicht auseinander zu halten, sofern man die Namen richtig auswertet: Chyasym Deval Krishna Tempel und Krishna Mandir. Baustilistisch unterscheiden sich die erwähnten Krishna Tempel. Der Chyasym Deval Krishna Tempel ist ein oktogonaler Bau und hat nur zwei Wächterlöwen, der Krishna Mandir präsentiert sich in quadratischer Bauform und vier Löwen halten Wache, zwei von ihnen sind Garuda-Löwen, sofern die Klassifizierung erlaubt ist, auch sie treten als Paar in Erscheinung. Die Löwengruppe am Krishna Mandir (Darbar Square) unterscheidet sich von den eingangs gezeigten Löwen vom Kobaha Krishna Mandir und vom Harishankar Mandir nur unwesentlich, selbst die Kronen gleichen sich, nur der Hals- und Brustschmuck differiert. Die kleinen Löwen am Sockel, jeweils unter den Säulen, müssen als obligatorisches Accessoire vorgeschrieben sein, sie sind an beiden genannten Krishna Tempeln vorhanden. Auch die monumentalen Palastlöwen (Darbar Square) treten als Paar in Erscheinung, deutlich ist die Löwin kenntlich. Beachtenswert sind die verschieden geschmückten Fußfesseln an drei Beinen. Reste einer ehemaligen Fassung (Bemalung) sind zu ahnen, falls die Tönungen nicht der natürlichen Verwitterung anzulasten sind. Dieses Löwenpaar erinnert an die Löwen am Eingang zum Rudravarna Mahavira. Die Palastlöwen hinterlassen den Eindruck, als seien sie aus mehreren Steinschichten gefügt und nicht aus einem Steinblock gehauen. Anmerkung: in Myanmar wurden und werden Löwenstatuen gemauert, verputzt, in Form gebracht und schlussendlich bemalt. Welche Fertigungsverfahren in Nepal bevorzugt oder ausschließlich angewendet wurden, vermag der kunstinteressierte Laie nicht verbindlich behaupten, hierzu müssten wissenschaftliche Spezialbetrachtungen zu Rate gezogen werden. Die folgenden sechs unbenannten Bildbeispiele repräsentieren stellvertretend die Vielfalt der Sockel-Löwen und Pfeiler-Löwen, die an fast allen Tempeln zu finden sind. Diese speziellen Löwen ragen aus den jeweiligen Wandpartien deutlich heraus, sind nicht mehr als Reliefs einzuordnen, folglich muss von Statuen gesprochen und diese als Kleinplastiken betrachtet werden. Auch diese im Maßstab und in der Form veränderten Löwen existieren in männlichen (Bild I & III) und weiblichen Varianten (Bild IV, V & VI), sogar als Garuda-Löwe (Bild II). Zu erwähnen sind noch Löwenkopfvarianten an Holzeinfassungen über Tempeleingängen, an holzgeschnitzen Umrahmungen unter den Dächern und an den Enden von Dachbalken. Diese katzenartig wirkenden Löwenköpfe wurden und werden in mehreren Grundvarianten gefertigt. Nicht zu übersehen sind Elefanten als Wächtertiere neben den Stufen und Eingängen, das aber ist schon wieder ein gesondertes Thema, welches hier nur informativ als Randnotiz angeschlagen wird. Jeder aufmerksame Besucher wird in Lalitpur noch weiteren Wächterlöwen begegnen, was bei der Vielzahl der Tempel einer leichten Übung entspricht. Die hier vorgestellten Löwen erheben nicht den Anspruch, die schönsten Exemplare in Lalitpur zu sein, sie sind lediglich maßgebliche Beispiele, welche das Thema genügend repräsentieren.
Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones Nur wenige Meter nördlich vom Swotha Square (Lalitpur) stehen zwischen modernen Wohnhäusern östlich der Shankhamul Marg zwei kleine Pagoden, es sind unscheinbare Tempel, von denen in Kathmandu (resp. im Kathmandu-Tal) nicht hunderte, sondern tausende gezählt wurden. Solche Schreine entsprechen dem Bedarf der Bevölkerung, sie spiegeln gleichzeitig das religiöse Empfinden der Menschen. Mopeds und Motorräder haben in Kathmandu das Fahrrad und die Riksha als Beförderungsmittel abgelöst. Motorisierte Zweiräder beziffern einen gewissen Grad von Wohlstand. Fußgänger und gleich viele Fahrzeuge bewegen sich nicht immer gefahrlos durch die Straßen und besetzen jeden freien Platz. Eine Parkordnung scheint weder geschrieben noch beschlossen zu sein. Tempel ohne rundherum abgestellte Fahrzeuge gibt es nicht. Fotografen geraten in Nöte. Zweiräder geraten zwangsläufig in jedes Bild. Die moderne Zeit hat in den letzten drei Jahrzehnten das Stadtbild von Kathmandu extrem verändert, diese Aussage trifft auf alle Stadtteile zu. Noch in den frühen neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts existierten tausende Rikshas, heute fährt jeder zweite Mensch ein Moped. Das vormals dörfliche Milieu wich dem Fortschritt, nicht zum Vorteil für die Bewohner und das Klima. Jede Zeitepoche bejubelt oder beklagt ihre Errungenschaften. Nichts bleibt gleich, alles verändert sich. Noch geben die zwei kleinen annähernd baugleichen Tempel im Hof trotz der geordnet aufgestellten Blecharmada ein malerisches, fast noch pittoreskes Bild ab. Der hintere, etwas niedrigere Schrein muss der ältere von beiden sein, der muss das Erdbeben von 2015 schadlos überstanden haben, während der vordere Tempel ein Wiederaufbau, wenn nicht gar ein Neubau sein muss. Die Namen beider Tempel waren nicht zu erfahren, allerdings lassen sich an den Reliefs im Sanktum und den Dekorationen an den Außenwänden unverbindliche Schlüsse ziehen, welchem Gott, welcher Göttin die Schreine geweiht sind. Trotz der verschwommenen Sachlage ordnen sich die Sakralbauten, so unscheinbar und unwesentlich sie auch sein mögen, als Architekturzeugnisse der Stadt Kathmandu in die wahrscheinlich ungeschriebene Auflistung der namenlosen Pagodentempel ein. In beiden Tempeln werden hinduistische Götter verehrt. Im hinteren Tempel steht ein Relief der Heiligen Familie zur Anbetung: Uma-Maheshvara, also Parvati-Shiva, dazu die Kinder Ganesha und Kumara und natürlich der Buckelstier Nandi, Shivas Reittier, der gehört zur Familie. Die Ziegeldächer und die Holzkonstruktionen der Dachgeschosse lassen sich an niedrigen Tempeln leicht erkennen. Zwanzig Streben stützen das untere, zwölf Streben das obere Dach. Inwieweit die Dachetagen begehbar sind und welchen Zweck sie gerecht werden, ist nicht bekannt. Die Frontseiten kleiner Pagodentempel sind oftmals gleichartig gestaltet. Über dem Eingang steht leicht nach vorn gekippt der Thorana, üblicherweise halbrund geschnitten, meist wird auf diesem Giebelfeld die Gottheit, dem der Tempel gewidmet ist, abgebildet. Falls die Tür nicht gerade verschlossen ist, fällt Tageslicht auf das Relief bzw. die Statue im Innern. Neben dem Türrahmen befinden sich beidseitig weitere Götterreliefs, hier am Shiva Tempel sind es Göttinnen, genauer gesagt, Erscheinungen der Durga, nämlich als Mahisasuramardini: Durga tötet den Büffeldämon. Durga gilt als kriegerische Verkörperung der Parvati. Der hintere Tempel ist Shiva geweiht, im vorderen Tempel wird Vishnu angebetet. Die Klassifizierung der Götter ist richtig, die von den Einheimischen verwendeten Tempelnamen lauten wahrscheinlich anders. Die Namen Shiva- und Vishnu Tempel wurden zur besseren Unterscheidung willkürlich gewählt. Der Vishnu Tempel wird an den vorderen Dachstützen als solcher kenntlich, außerdem ist das Relief im Sanktum eindeutig als Vishnu zu identifizieren. Die von Ziegelsteinen eingefasste hölzerne Fassade macht durch die Verbindung von geraden, Viertelkreisen und sehr geschwungenen kurvigen Formelementen durchaus großen Eindruck, obwohl der Tempel von gerade mal rund 4x4m Grundfläche klein zu nennen ist. Der wunderbar geschnittene, mit Rosettenmuster besetzte Türrahmen, die vorstehenden Pfeiler mit den ausladenden Kapitellen, die fast über die gesamte Fassade ausgeweitete Querverlängerung wiederum mit Rosetten versehen, das Gottesbild über dem Eingang, (Thorana nicht vorhanden), die schräg verlaufenden, die Viertelkreis rahmenden Makara-Bilder beidseitig der Tür, das alles ist ein Zeugnis bewundernswerter nepalesischer Schnitzkunst. Das etwas verkleinerte Schnitzensemble wiederholt sich an der Frontseite vom Dachgeschoss, als gäbe es dort in der Höhe einen zweiten Zugang zum Tempel. Die Götterreliefs an der Eingangsseite sind mit Ausnahme von einem Viertelkreis nur schwer oder nicht zu deuten. Im linken Viertelkreis ist der vierarmige Vishnu dargestellt, traut man den Attributen ist rechts im Viertelkreis Shiva zu sehen. Beide Götter sitzen auf einem Lotos-Thron. Die Nahsicht auf das Schnitzwerk zeigt unübersehbar die Vergänglichkeit des sensiblen Materials, andererseits erstaunt die Belastbarkeit, denen die Streben und Balken ausgesetzt sind. Wer einen Tag lang in Lalitpur (Patan) nicht nur am Darbar Square zu Fuß unterwegs ist, der wird auf etliche solcher Pagodentempel stoßen. Diese nicht zu benennenden Eindrücke fügen sich ins Gesamtbild, sie ergänzen die in Reisehandbüchern oder von Agenturen empfohlenen Besichtigungsrundgänge. Es lohnt sich, mit offenen Augen zwanglos und ohne bestimmtes Ziel durch Lalitpur zu flanieren.
Fotos und Text: Günter Schönlein Korrektur: Vanessa Jones Den Swotha Square sollte man gesehen haben, sofern der Blick auf Tempelarchitektur und Alltagsleben gerichtet wird. An diesem in die Länge gezogenen Platz in Lalitpur lassen sich die fast unglaublichen Leistungen der Wiederaufbauarbeiten nach dem Erdbeben 2015 erkennen und gleichzeitig drei schöne, aber grundverschiedene Tempel besichtigen. Fotos aus den Jahren 2016 und 2017 zeigen im Grunde die Komplettzerstörung der Tempel und der sonstigen Bausubstanz. Der Vergleich älterer Fotos mit dem aktuellen Zustand im Jahr 2025 ist ohne Übertreibung beeindruckend. Gleich von welcher Richtung der Platz betreten wird, die drei Tempel bilden trotz unterschiedlicher Bauart ein in sich geschlossenes Ensemble. Die Shankhamul Marg, eine Hauptstraße, streift den Platz von Nord nach Süd. Im Nordbereich vom Platz stehen sich der Swotha Krishna Mandir und der Swotha Narayan Mandir gegenüber, südlich vom Krishna Tempel westlich der Straße steht der Radha Krishna Mandir. Die Fläche, welche den Platz als solchen ausmacht, befindet sich westlich der Shankhamul-Durchgangsstraße, östlich grenzen Wohn- und Geschäftshäuser bis an den Straßenrand. Touristen werden zunächst das Wirrwarr der elektrischen Leitungen bemängeln, ehe sie sich den Tempelbauten widmen. Das dichte, recht abenteuerliche Geflecht der Kabel beeinträchtigt die Gesamtansicht der einzelnen Sakralbauten erheblich. Zum Trost oder zur Besänftigung lassen sich derlei Veränderungen unter Fortschritt verbuchen, doch Elektriker und Fotografen verfluchen solchen Kabelsalat. Der Wiederaufbau vom Radha Krishna Mandir wurde nach mehreren misslungenen Versuchen erst im Jahr 2022 vollendet. Der quadratische Tempel ruht auf einem dreistufigen Sockel. Drei von Dach zu Dach kleiner werdende Dächer zeigen das Erscheinungsbild typischer Pagodentempel im Kathmandu-Tal. Laut historischen Aufzeichnungen soll der Tempel im Jahr 1668 erbaut worden sein. In den neunziger Jahren wurden die Original-Statuen von Radha und Krishna gestohlen und auch die duplizierten Ersatzstatuen sind wenige Jahre danach wiederum entwendet worden. Der neue Tempelbau bleibt geschlossen, religiöse Zeremonien finden nicht mehr statt. Restauriert bzw. wiederaufgebaut wurde eine Pagode, die keinen sakralen Zweck erfüllt, bestenfalls dem Swotha Platz den Anschein vormaliger Pracht verleiht. Das Aussehen der rund 15m hohen Pagode fasziniert den Flaneur. Aufmerksame Betrachter erkennen einige der Originaldachstreben. An den verschiedenen Holzarten/Holzfarben wird der Umfang der Restaurierungen deutlich. Wer Gefallen an Tempelarchitektur und Holzschnitzerei findet, wird sich hier länger aufhalten. Zu sehen sind die Empfindlichkeit des Materials und gleichzeitig die unterschiedlichen Fähigkeiten der Schnitzer, aber auch die Nichtwiederholbarkeit der Originalschnitzereien, andererseits erstaunt die Tragfähigkeit und Belastbarkeit von Holz. Der aus Sandstein gebaute Krishna Mandir wirkt trotz seiner schlanken Säulen wuchtig, zu diesem Eindruck trägt auch die später aufgesetzte atypische Kuppel erheblich bei, derlei Kuppeln sind Anleihen aus der Mogularchitektur. Zwanzig oktogonale Säulen ergeben einen Arkadenumgang, in welchen der Tempelinnenbau (Garbhagriha) seinen Platz hat. Drei Wände mit Scheintüren verdunkeln das verschlossene Heiligtum. Die Scheintüren sind von wunderbar gearbeiteten Garuda-Makara-Bögen überwölbt. Ein näherer Blick (siehe Detailaufnahme) offeriert die hervorragende Steinmetzkunst: der mit vier Armen ausgestattete Garuda klammert mit seinen Fußkrallen den Naga (links) und die Nagini (rechts). Zwei Arme sind seine Flügel, die zwei weiteren (vorderen) Arme halten einen Opferkrug. Alles am Narayan Mandir scheint klein geraten zu sein, alles was zum Tempel gehört steht nah beieinander, ohne dass der Eindruck von Enge hervorgerufen wird, alles wirkt harmonisch und vornehm. Der Tempel wurde in eine Gasse zwischen Wohnhäusern gebaut. Fast schon auf der Straße lädt Garuda die Menschen zur Andacht (im Bild ganz links). Vor dem Mandir begrenzt linkerhand ein offener Altar mit einem Ganesha-Relief den Tempelbezirk (im Bild weiter links zur Mitte hin), davor am Boden ein Naga-Stein. Unmittelbar rechts vor dem Mandir der Glockenbalken und rechts vom Mandir direkt am Straßenrand wurde eine Halle errichtet (im Bild rechts). Solche Hallen dienen als Unterstand bei schlechtem Wetter, als Schattenplatz, als Treffpunkt, als Versammlungshalle, meist wurden die baustilistisch ähnlichen Gebäude in der Nähe von Tempeln oder an wichtigen Kreuzungen gebaut. Zwei Blechfahnen flankieren, ein Sonnenschirm schützt die verehrte Garuda-Statue. Sie ist unserer bescheidenen Ansicht nach eine der schönsten in Kathmandu. Selten wurde der vermenschlichte andächtig betende Garuda derart überzeugend und glaubwürdig in Stein gemeißelt. Ganesha mit zwölf Armen ist nicht allzu häufig zu sehen, noch seltener finden sich in den Stadteilen von Kathmandu Nagakals, also Schlangensteine, solche Reliefs sind eher die Ausnahme. In Lalitpur fanden wir nur dieses im Boden eingelassene Exemplar. Der Anfahrschutz aus Edelstahl spricht für die Wertschätzung dieses Nagakal. Vielleicht hat ein Pilger aus Indien dieses Relief mitgebracht? Der Narayan Mandir muss in der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert erbaut worden sein. Die Bauelemente müssen wertvoll sein, weshalb sonst müssen die Holzarbeiten mit massiven Rund- und Flachstählen gesichert werden. Auf der herrlich geschnitzten Thorana mit dem unvermeidlichen Garuda und den Dachstreben sind verschiedene Avatare Vishnus dargestellt: Narayan=Vishnu mit acht Armen, Vishnu als Narasimha, Vishna als Eber und Vishnu als Hayagriva (siehe, Dachstreben I & II). Aus den kleinen ins Mauerwerk integrierten Fenster schauen jeweil grimmige Gesichter heraus, wir meinen Yama zu erkennen. Eine Zutat der Neuzeit, die Smartphonenutzern zugute kommt, ist der im geschmackvollen Holzrahmen eingefasste QR-Code. Ein Accessoire, welches zukünftig bestimmt weitere Tempel schmücken wird. Die Vyalas und Löwenköpfe an den Balkenenden verjagen die bösen Kräfte, solche apotropäischen Schutzwesen sind an vielen Tempeln angebracht. Welchen Zweck der großflächige Spiegel über dem Tempeleingang erfüllt, blieb unklar. Der Swotha Platz war einst belebt und ist heutzutage wieder belebt. Menschen wohnen am Platz, Souvenir-Läden, Tee-Geschäfte, Cafestuben und kleine Restaurants sind in die Erdgeschosse der Häuser eingezogen. Noch das kleinste Heiligtum, zum Beispiel ein ehemaliger, jetzt abgenutzter Lingam wird täglich mit Blumenschmuck bedacht. Einzig die Brunnenanlage und das Jahru (Wasserzapfstelle) sind beim Aufbau nicht wieder aktiviert worden, sie stehen als Relikte vergangener Zeiten und erinnern an die vormalige Wasserversorgung am Swotha Square. Fotos und Text: Günter Schönlein
Korrektur: Vanessa Jones |
Autor Günter Schönlein
Auf meinen bisher acht Reisen nach Kambodscha habe ich viele Khmer-Tempel photographisch dokumentiert. Mit Pheaks Hilfe suchte ich auch viele schwer zu findende entlegene Tempel auf. In diesem Blog möchte ich meine dabei erworbenen Eindrücke und Kenntnisse gerne anderen Kambodscha-Liebhabern als Anregungen zur Vor- oder Nachbereitung ihrer Reise zur Verfügung stellen. sortiert nach Themen:
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