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Günter Schönlein
Blog

Candi Kalasan und Candi Sari

1/31/2026

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Außer dem Borobudur, dem Prambanan Tempel und dem Candi Sewu existieren auf Java etliche Tempel mittlerer Größenordnung. Nichts spricht dagegen, diese Tempel zielgerichtet als lohnenswerte Einzelziele anzusteuern oder nach Belieben diese Tempelanlagen zu abwechslungsreichen Tagestouren zu kombinieren. Die Auswahl sollte im Vorfeld der Reise getroffen werden, denn nicht alle Google-Einträge die als Candi=Tempel kenntlich sind, werden in jedem Fall den vielschichtigen Vorstellungen des Publikums gerecht. In Reiseführern empfohlene Ziele erfüllen meist die Erwartungen der Touristen, hier wird wohl nach kulturhistorischen (Schau)Wert und Erreichbarkeit der Tempel klassifiziert. Ahnungslos gewählte abgelegene Ziele könnten sich als Ausgrabungsstätten oder als noch nicht restaurierte Tempelruinen entpuppen. Um Enttäuschungen zu vermeiden, sollte Klarheit über die Beschaffenheit der archäologischen Stätten bestehen.

Das Archaeological Office of Yogyakarta Province hat sich bemüht, die wichtigsten Tempel auf Java entweder mit Schildern zu versehen, die zumindest den offiziellen Namen nennen oder aber sie haben erklärende Tafeln angebracht, welche außer dem Tempelnamen noch historische Fakten und architektonische Besonderheiten hervorkehren. Selbst unbekannte entlegene Tempel, so etwa der Candi Sari, der Candi Pendem und der Candi Lumbung, wurden mit Schildern bzw. Tafeln bedacht. Die lobenswerte Initiative wurde jedoch nicht durchgängig einheitlich und keinesfalls zweisprachig realisiert. Gewiss sind hier noch Verbesserungen möglich. Wahrscheinlich bestimmten die Attraktivität des Zieles und das jeweilige Touristenaufkommen den Vorsatz, nur ein Namensschild oder aber eine zusätzliche Infotafel anzubringen. Oft stehen Touristen vor Informationstafeln in indonesischer Sprache (Bild 2), seltener vor englischsprachigen Tafeln (Bild 1), folglich heißt es, seine Hausaufgaben schon im Vorfeld einer Tempelexkursion zu erledigen.
Bild 1: Candi Kalasan – Informationstafel (englisch)
Bild 2: Candi Sari – Informationstafel (indonesisch)
Bild 2: Candi Sari – Informationstafel (indonesisch)
Nicht zufällig befasst sich dieser Artikel mit dem Candi Kalasan und dem Candi Sari, ein Vergleich bietet sich unmittelbar an. Der buddhistische Tempel Kalasan und das Klostergebäude Candi Sari stehen im Kontext einer größeren (leider verlorenen) Klosteranlage. Die geringe Entfernung der Gebäude zueinander (nur 800m) und die Erwähnung eines Klosters auf einer in Sanskrit verfassten Kalasan-Inschrift veranlasste die Wissenschaftler zur Annahme, dass zwischen beiden Bauten ein Zusammenhang bestehen müsse, obwohl keine belastbaren Funde oder weitere Inschriften diese These untermauern. Besagte Inschrift vermeldet, dass der Kalasan-Tempel im Jahr 778 der Göttin Tara geweiht wurde, somit gilt der Candi Kalasan als ältester buddhistischer Tempel in der Region Yogyakarta. Ehe keine älteren Einweihungsinschriften anderer Tempel entdeckt werden, behält diese Aussage ihre Gültigkeit.

Der erste Blick auf den Kalasan-Tempel fasziniert: ein Solitär in flacher Landschaft, Bäume und Häuser umgeben den gleichmäßig geschichteten vierseitigen Bau großräumig. Auf einem flachen Sockel, der den polygonalen Grundriss des Tempels (regelmäßiges Zwölfeck) vorgibt oder nochmals wiederholt, erhebt sich der massive Turm mit vier Vorbauten, dessen östlicher als Eingang funktioniert.
Bild 1.1 & 1.2: Candi Kalasan in zwei Ansichten (Ost und West)
Bild 1.1 & 1.2: Candi Kalasan in zwei Ansichten (Ost und West)
Opulente Reliefs und elegant geformte Gesimse bilden den schmerzlichen Kontrast zu eingestürzten Mauern der Vorbauten und leeren Nischen der Außenwände. Es ist schwerlich vorstellbar, welche Wirkung der fertige, mit allen Statuen und vollständigen Reliefflächen versehene Tempel einst hinterließ. Die Bilder 1.3 – 1.10 versuchen Eindrücke ehemaliger dekorativer Pracht wiederzugeben.

In den offenen Mauernischen standen Götterstatuen. Die nicht begehbaren Räume wirken wie kleine Tempel, weil die hohen Öffnungen der Nischen Toren nachempfunden sind. Säulen tragen geschwungene Türstürze, die Formgebung der Stürze orientiert sich eindeutig an indischer Provenienz (Bild 1.3).
Bild 1.3: Candi Kalasan – leere Mauernischen
Bild 1.3: Candi Kalasan – leere Mauernischen
Erst Nahansichten einzelner Flächen der Fassaden vermitteln den inhaltlichen Bilderreichtum und die detaillierte Feinarbeit der Reliefs (Bild 1.4 – 1.6). Kala, der Herrscher über die Vergänglichkeit, dominiert die Kudu-Bögen, welche als Makaras enden. Kala zur Seite stehen göttliche Helfer. Über/hinter Kala ragt ein himmlischer Palast (Svarga, Svargaloka) empor (Bild 1.5 & 1.6). Die Paläste stehen in der himmlischen Hauptstadt Amaravati, die paradiesische Stadt erhebt sich weit über dem Berg Meru. Das Tor zur Stadt wird vom Elefant Airavata bewacht, der wiederum ist das Reittier Indras. Nicht nur die architektonischen Formen und Bauelemente sind indischen Mustern geschuldet, auch die Reliefs greifen die überlieferten Legenden der indischen Mythen auf, allen voran die der Ramayana und der Mahabharata.
Bild 1.4 – 1.6: Candi Kalasan – Türsturz mit Kala und Svargaloka
Bild 1.4 – 1.6: Candi Kalasan – Türsturz mit Kala und Svargaloka
Übergroß, fast ins Riesenhafte gesteigert, beherrscht eine prägnante Kala-Erscheinung das Tor zum Tempel (Bild 1.9). Der Torvorbau (Mandapa) mit dem weit nach oben gezogenem Kala-Giebel gerät unwillkürlich zum Blickfang, doch auch weitere Vorzüge zeichnen den Schmuck der Mandapa aus. Zu beachten sind die göttlichen Figuren rund um Kalas Haupt, die Löwen neben Kala, die wiederum nach unten verlaufenden Blumenkanten, welche in prächtige Makaras übergehen. Der unglaublich gediegen geschwungene und herrlich geschmückte Türsturz (ebenfalls in Kudu-Form) nimmt nochmals, wenngleich nur floral Kalas Gestalt auf. Der Sturz lagert auf Yaksha-Kapitellen und oktogonalen Säulen. Unter dem Türsturz befindet sich, tief eingerückt, ein Buddha-Relief: Buddha in Meditation. Neben dem Eingang befinden sich Hochreliefs, dargestellt sind wahrscheinlich Dvarapalas (Tempelhüter), alles zu sehen auf den Bildern 1.7 – 1.10). Äußerst beeindruckende Makara-Skulpturen schmücken die Sockelzugänge (Bild 1.11 & 1.12).
Bild 1.7 – 1.9: Candi Kalasan – Ostfassade (Eingang)
Bild 1.7 – 1.9: Candi Kalasan – Ostfassade (Eingang)
Bild 1.10: Candi Kalasan – Eingang
Bild 1.10: Candi Kalasan – Eingang
Bild 1.11 & 1.12: Candi Kalasan – Makaras
Bild 1.11 & 1.12: Candi Kalasan – Makaras
Im Jahr 1840 notiert ein gewisser H. N. Sieburg den Candi Sari als nicht zerstörtes Gebäude gesehen zu haben. Wer auch immer Herr Sieburg gewesen sein mag, die jüngere Überlieferung weiß nur von einem maroden Bau zu berichten, der auf Veranlassung der niederländischen Kolonialherren in den Jahren 1929/1930 restauriert wurde. 

Das zweigeschossige, auf hohem Sockel gelagerte Gebäude wurde in einer vermuteten architektonischen Grundform wiederhergestellt, historische Fotoplatten könnten wertvolle Anhaltspunkte geliefert haben. Die an den Außenwänden verbliebenen Reliefs geben Kunde von der Pracht einstiger Fassadendekorationen. Der Mandapa an der Ostfassade ist komplett verloren, erhalten haben sich die Reliefs auf bzw. über den Fensterstürzen und die Figurenreliefs neben den Fenstern des Bauwerks, welches aus wissenschaftlicher Sicht nicht als Tempel, sondern als Wohngebäude für Mönche genutzt wurde, was keineswegs sakralen Schmuck außen, als auch im Innenbereich ausschließt. 

Beeindruckend ist die Dachgestaltung, welche entweder einer Erhöhung der oberen Wohnebene geschuldet oder aber als ausgebautes Dachgeschoss konzipiert war. 
Bild 2.1: Candi Sari – Ost-Fassade
Bild 2.1: Candi Sari – Ost-Fassade
Bild 2.2 & 2.3: Candi Sari – Südostansicht und Südwestansicht
Bild 2.2 & 2.3: Candi Sari – Südostansicht und Südwestansicht
Die Bilder 2.4 – 2.6 zeigen einen Ausschnitt vom oberen Fassadenbereich. Auf gestaffelten Gesimsen, welche die Fassaden etagenweise gliedern, ruhen Reliefsäulen, die Figurennischen und das Fenster einrahmen. Fensterbank und Fenstersturz ragen weit heraus. Neben einem quadratischen Fenster ist jeweils eine Figur platziert: ein Vidyadhara (männlich) und eine Vidyadhari (weiblich), das sind halbgöttliche Wesen, die im Raum zwischen Himmel und Erde leben und zu Shivas Gefolgschaft gezählt werden. Hohe Figurennischen neben dem Fenster ragen vom Gesims bis zum Fenstersturz hinauf. Weibliche Gottheiten (Tribhanga) stehen zwischen Säulen, über ihnen ein Girlanden-Sturz. Tribhanga (auch Tribungha) meint eine dreifach gebogene Körperhaltung, diese Art der Menschendarstellung ist der indischen Reliefkunst entlehnt und lässt sich rund 2000 Jahre zurückverfolgen.
Bild 2.4: Candi Sari
Bild 2.4: Candi Sari
Bild 2.5 & 2.6: Candi Sari
Bild 2.5 & 2.6: Candi Sari
Alle Innenräume des Candi Sari sind nur über den einzigen ostseitigen Eingang zugänglich (Bild 2.1). Im Gegensatz zu dunklen Sakralräumen (Garbhagriha) vieler Tempel, oftmals ohne Fenster, sind die Innenräume vom Candi Sari lichtdurchflutet (Bild 2.7 – 2.9). Fenster an allen vier Gebäudeseiten ermöglichen Lichteinfall und garantieren Belüftung der Räume. In den umlaufenden oberen Gesimsen sind noch die Vierkantlöcher zu sehen, in denen Deckenbalken steckten. Holz ist weniger langlebig als Stein, weshalb sich von der Deckenkonstruktion nichts erhalten hat. Die wunderbar verzierten Außenwände vom Candi Sari stehen im Kontrast zu den fast schmucklosen Wänden der Innenräume. 

In zwei von Makara-Kala-Bögen umrahmten Mauernischen könnten Statuen gestanden haben oder Ritualgegenstände aufbewahrt worden sein (Bild 2.10). Makara und Kala als Schutzwesen sind an bzw. in buddhistischen und hinduistischen Tempelanlagen gleichermaßen anwesend (Bild 2.11 & 2.12). Die Makara-Reliefs vom Candi Sari (Bild 2.10) gleichen den Makara-Skulpturen der Aufgänge vom Candi Kalasan (Bild 1.11 & 1.12), sie entstammen einer Spezies. 

Mit dicken Backen, einer menschlichen Nase und eng neben der Nase vorstehenden Augen sind Kala-Gesichter auf Java kenntlich (Bild 2.12). Zwei Kala-Typen stehen zum Vergleich: Kala am Candi Kalasan (Bild 1.9) und Kala am Candi Sari (Bild 2.10 & 2.12). Anders in Kambodscha, dort stellten die Khmer-Bildhauer Kala meist mit aufgerissenem Breitmaul dar.
Bild 2.7 – 2.9: Candi Sari – Innenansichten
Bild 2.7 – 2.9: Candi Sari – Innenansichten
Bild 2.10: Candi Sari – Makarabogen mit Kala
Bild 2.10: Candi Sari – Makarabogen mit Kala
Bild 2.11 & 2.12: Candi Sari – Makara & Kala
Bild 2.11 & 2.12: Candi Sari – Makara & Kala
Der Candi Sari (um weiter den offiziellen Namen zu benutzen), ein Wohnbau für Mönche, hat im Großraum Yogyakarta kein Pendant, sowohl die buddhistischen als auch die hinduistischen Tempel auf Java heben sich architektonisch vom Candi Sari deutlich ab (Bildvergleich 2.13 & 2.14). 
Bild 2.13 & 2.14: Vergleich Candi Sari und Candi Kalasan
Bild 2.13 & 2.14: Vergleich Candi Sari und Candi Kalasan
Zum muslimischen Glauben bekennen sich 85% der Bevölkerung Indonesiens, 10% sind Christen, die restlichen 5% teilen sich Hindus, Buddhisten und sonstige Religionsgruppen. Im Gegensatz zu anderen asiatischen und südostasiatischen Ländern zählen die buddhistisch orientierten Menschen zu den Minderheiten im Land, trotz der zahlenmäßigen Unterlegenheit können die Buddhisten ungehindert ihre Glaubensrituale ausüben. Bemerkenswert auffällig ist die sorgfältige Pflege der historischen Tempelanlagen, die gewiss nicht staatlich verordnet ist. Den Menschen scheinen das Bewahren der Hinterlassenschaften und das Gedächtnis an die Vorfahren schlichtweg Herzensangelegenheit zu sein. 

Fotos und Text: Günter Schönlein
Korrektur: Vanessa Jones
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Candi Sambisari

1/25/2026

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Nordöstlich von Yogyakarta, nördlich vom Airport und westlich der Tempel Candi Sari und Candi Kalasan liegt der CANDI SAMBISARI. Beim Anflug auf Yogyakarta ist dieser Tempel nicht zu übersehen.  Die flächenmäßige Ausbreitung der Tempelanlage steht in keinem Verhältnis zum Haupt-Tempel. Nähert man sich dem Tempel, meint man von den oberen Rängen herab in ein Stadion zu blicken. Von einem befestigten und bepflanzten Erdwall umgeben, unter dem normalen Bodenniveau in einem Rechteck-Areal, von zwei hohen Mauern eingefasst, erheben sich der Tempel und drei Schreine (Bild 1).
Bild 1: Candi Sambisari – Südwestansicht
Bild 1: Candi Sambisari – Südwestansicht
Drei rudimentär erhaltene Schreine sind dem Tempel vorgelagert, ursprünglich könnten es fünf oder mehr gewesen sein. Im Verhältnis zu den auf niedrigen Sockeln gebauten Schreinen ruht der Tempel auf einem majestätischen, deutlich höheren quadratischen Sockel. Der recht klein wirkende Tempel ist von einer schön gestalteten Sockelmauer umgeben, somit umfassen insgesamt drei Mauerringe den Tempel (Bild 2). 

Bild 2: Candi Sambisari – Westansicht
Bild 2: Candi Sambisari – Westansicht
Der Tempel öffnet sich gen Westen, die Eingänge der drei Schreine zeigen zum Haupttempel gen Osten (Bild 2). Vom mittleren Schrein braucht es nur wenige Schritte bis zum Tempel. Zehn gleichmäßig hohe Stufen führen auf den quadratischen Sockel (Bild 3). Auf dem schlichten nicht verzierten Sockel ruhen der Tempel und der von Pfeilern strukturierte und mit Flachreliefs verzierte Mauerring (Bild 3 & 3.2).
Bild 3: Candi Sambisari – Tempel, Westfassade mit Sockel
Bild 3: Candi Sambisari – Tempel, Westfassade mit Sockel
Die geschlossenen Seitengeländer der Treppe enden mit den auf Java typischen Makara-Skulpturen. In den weit aufgerissenen zahnreichen Mäulern der Makaras sitzen Löwen. Yakshas tragen die Mischwesen aus Makara und Löwe und im übertragenen Sinn auch die Geländer (Bild 3.1).
Bild 3.1: Candi Sambisari – Aufgang mit Makara-Geländer
Bild 3.1: Candi Sambisari – Aufgang mit Makara-Geländer
Bild 3.2: Candi Sambisari – Eingang und Mauereinfassung
Bild 3.2: Candi Sambisari – Eingang und Mauereinfassung
Am unteren Türrahmenbereich bewachen die Makaras den Eingang (das Mauer-Tor) zum Tempel, die geöffneten Mäuler der Schutzwesen sind nach außen gerichtet (Bild 3.2, 3.3 & 3.4).
Bild 3.3 & 3.4: Candi Sambisari – Makaras am Tempeleingang
Bild 3.3 & 3.4: Candi Sambisari – Makaras am Tempeleingang
Der originale Türsturz am Mauer-Tor gilt als verloren, die Fehlstelle wurde durch einen nicht bearbeiteten Sturz ersetzt (Bild 3), jedoch über dem Tempeleingang ist der ursprüngliche Türsturz vorhanden, auf ihm findet sich das für Java obligatorische Kala-Relief (Bild 4 & 4.1). 
Bild 4 & 4.1: Candi Sambisari – Türsturz vom Tempeleingang mit Kala
Bild 4 & 4.1: Candi Sambisari – Türsturz vom Tempeleingang mit Kala
Im durchgängig schmucklosen Tempelinnenraum (Garbhagriha) steht als einziges sakrales Inventar der für hinduistische Tempel kennzeichnende Altar: die Vereinigung Lingam und Yoni. Der Lingam symbolisiert die männliche, die Yoni die weibliche Schöpferkraft. Im dreigeteilten phallusförmigen Gebilde wird allgemein der Gott Shiva gesehen. Hindus deuten das Lingam als Göttertriade: das obere runde Segment wird als Shiva, das mittlere achteckige Segment wird als Vishnu und der untere meist nicht sichtbare viereckige Teil des Lingas wird als Brahma verstanden. Die anikonische Darstellung der göttlichen Vereinigung steht in einem tischartigen Sockel, dessen obere, mit einem erhöhten Rand versehene quadratische Fläche als Yoni bezeichnet wird, in deren Mitte der Lingam eintaucht (Bild 4.3). Bei Ritualen werden die Lingams mit Wasser, Öl oder Milch übergossen. Die Flüssigkeiten sammeln sich in der Yoni und fließen über eine rinnenartige Vertiefung ab, hierfür steht der Begriff Somasutra. Die Abflussrinnen können funktional schmucklos gestaltet, aber auch verziert sein. Der Abfluss der Sambisari-Yoni wird von einem prächtigen Naga (Schlange) gestützt (Bild 4.2). Meist führt eine zweite Rinne durch die Tempelwand nach draußen, wodurch die Flüssigkeiten in die Erde gelangen. Sind also Lingam, Yoni und Somasutra als geschlossenes Ensemble vorhanden, darf nach westlichem Verständnis von einem funktionsfähigen Altar (Altartisch) gesprochen werden.
Bild 4.2 – 4.4: Candi Sambisari – Tempelinnenraum
Bild 4.2 – 4.4: Candi Sambisari – Tempelinnenraum
Vor oder nach dem Ritualakt im Heiligtum können die Gläubigen den Tempel auf dem Sockel betend umrunden. Anstelle der üblichen Scheintüren sind in hohen Kala-Nischen Statuen hinduistischer Gottheiten platziert. Die Ehre geben sich Parvati, Ganesha und Shiva, wobei einzuschränken ist, dass Parvati in ihrer zornvollen Emanation als Durga erscheint. Ganesha sitzt gemütlich auf einem Lotos-Thron und tut sich gut an seiner Früchteschale. Shiva selbst tritt als bärtiger Asket auf. Den Hindus gelten diese Gottheiten als ideale Verkörperung familiärer Bindung.
Bild 5.1 – 5.3: Candi Sambisari – Parvati, Ganesha und Shiva
Bild 5.1 – 5.3: Candi Sambisari – Parvati, Ganesha und Shiva
Westlich hinter der Walleinfassung der Tempelanlage, an der Straße gelegen, stehen unter freien Himmel und in einem kleinem Gebäude übersichtlich geordnet zahlreiche steinerne Relikte zur kostenlosen Betrachtung bereit. Die bearbeiteten Architekturelemente sind bei der Restauration des Tempels übrig geblieben, will heißen, ihre Herkunft, ihr ursprünglicher Einsatz ließ sich trotz Nummerierung nicht mehr erkennen.

Die Besichtigung vom Candi Sambisari lässt sich gut mit dem Besuch vom nur vier Kilometer entfernten Candi Kalasan kombinieren.
Bild 6 & 7: Candi Sambisari – Museum
Bild 6 & 7: Candi Sambisari – Museum
Fotos und Text: Günter Schönlein
Korrektur: Vanessa Jones
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Candi Bubrah & Candi Lumbung

1/18/2026

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Auf der verlängerten Nord-Süd-Achse vom Candi Sewu stehen zwei kleinere Tempel, es handelt sich um die südlichen Wächter-Tempel zum Sewu-Tempel, oft werden solche Bauten auch als Satelliten-Tempel bezeichnet. Die westlich und nördlich vorgelagerten Tempel gelten als verloren, keine Ruinen, keine Grundmauern, keine Steine verweisen auf die ehemaligen Standorte dieser Tempel. Östlich hat sich nur der Candi Gana erhalten. Fazit: von vormals acht kleinen Tempelanlagen existieren nur noch drei. Möglicherweise würden intensive Grabungen den Standort der verlorenen Tempel bestätigen.

Im November 2014 waren die Wiederaufbauarbeiten der Tempel im Sewu-Prambanan-Areal längst noch nicht abgeschlossen. Eine für das interessierte Publikum präsentierte Zeichnung (Bild 1) dokumentiert den Stand der Restaurierungsarbeiten am Candi Bubrah (grün gekennzeichnet).
Bild 1: Candi Bubrah – Bauzeichnung
Bild 1: Candi Bubrah – Bauzeichnung
Nur die Plinthe, auf welcher der Tempel stand und wieder stehen soll, ist wiederhergestellt (Bild 1.1 & 1.2). Auf der Zeichnung (Bild 1 oben rechts über dem Schriftfeld) ist ein Grundriss der östlich ausgerichteten Tempelanlage zu sehen.
Bild 1.1: Candi Bubrah – Sockel und fragmentarisch erhaltene Buddha-Statuen
Bild 1.1: Candi Bubrah – Sockel und fragmentarisch erhaltene Buddha-Statuen
Bild 1.2: Candi Bubrah – Sockel, Westansicht
Bild 1.2: Candi Bubrah – Sockel, Westansicht
Nach dem Erdbeben im Mai 2006 existierte nur noch ein Ruinenberg, der Tempel war vollständig zerstört. Rund um das Tempelareal (Baustelle Candi Bubrah) lagern tausende sortierter Steine (Bild 1.3. – 1.6). Mit welchem Kraftaufwand und mit wie viel Geduld das Gelände zunächst freigeräumt und die Steine für den Wiederaufbau geordnet werden mussten, lässt sich kaum noch nachvollziehen. Aufgaben dieser Größenordnung gleichen dreidimensionalen Puzzlespielen, die nur mit wissenschaftlicher Akribie und stilistisch-ästhetischen Verständnis vollständig lösbar sind. Mittlerweile kann der Candi Bubrah in alter/neuer Pracht bewundert werden. Die hier gezeigten Fotos dokumentieren die Wiederaufbauphase vom November 2014.
Bild 1.3 & 1.4: Candi Bubrah – Statuen und sortierte Bauteile
Bild 1.3 & 1.4: Candi Bubrah – Statuen und sortierte Bauteile
Bild 1.5 & 1.6: Candi Bubrah – Giebelfragmente und Mauerteile
Bild 1.5 & 1.6: Candi Bubrah – Giebelfragmente und Mauerteile
Mehr als am Candi Bubrah gab es am Candi Lumbung zu sehen, dort waren die Aufbauarbeiten schon weiter fortgeschritten als am Bubrah Tempel. Der Lumbung Tempel besteht aus einem Zentraltempel und sechzehn Neben-Tempeln. Der Grundriss der Lumbung-Tempelanlage ist als Quadrat konzipiert, im Zentrum des Vierecks erhebt sich der Haupttempel. Jede Außenseite der Tempelanlage wird von fünf kleinen Tempeln markiert, somit ist der Prasada (Zentral-Tempel) von architektonisch gleichen Schreinen eingefasst. Der Zugang auf die Plinthe (Tempelebene) ist von allen Seiten möglich, obgleich die östliche Ausrichtung hier wie an anderen buddhistischen Tempeln den Eingangsweg bestimmt. Bezeichnenderweise sind alle Neben-Tempel mit der für javanische Buddha-Tempel typischen Glocken-Stupa bekrönt. Das architektonische Erscheinungsbild der Neben-Tempel wandelt sich ausgehend vom Quadrat zum Oktogon, welches mit einer runden Glocke endet (Bild 2.3). Weitere Glocken (eine Art von Miniatur-Stupas) zieren als spezielle Eck-Akroter die Dachaufbauten (Bild 2.1 & 2.4).

Die Außenwände der Schreine sind schmucklos (Bild 2.1), lediglich über den Eingängen befindet sich jeweils ein Kala-Relief, Kala dominiert die Giebelfelder (Bild 2.3).

Die glatten Wände vom schlichten Innenraum des Prasada werden durch Gesimse und Bogennischen aufgelockert (Bild 2.5). In den Wandnischen standen vermutlich Buddha- oder Bodhisattva-Statuen, vielleicht auch hinduistische Götter-Skulpturen. 

Einige der Bilder zeigen die primitiven Hilfsmittel, mit denen die Restaurierungsarbeiten realisiert werden. Das Arbeiten auf einfachen Holzgerüsten und simplen Stahlrahmen ist gewiss kein Vergnügen (Bild 2, 2.1, 2.3, 2.4).
Bild 2: Candi Lumbung – Südansicht
Bild 2: Candi Lumbung – Südansicht
Bild 2.1 & 2.2: Candi Lumbung
Bild 2.1 & 2.2: Candi Lumbung
Bild 2.3 & 2.4: Candi Lumbung
Bild 2.3 & 2.4: Candi Lumbung
Bild 2.5 & 2.6: Candi Lumbung – Tempelinnenraum & Gottesrelief
Bild 2.5 & 2.6: Candi Lumbung – Tempelinnenraum & Gottesrelief
Die Exkursion zu den Tempeln auf Java fand im November 2014 statt. Sämtliche Fotos geben nur den damaligen Bauzustand wieder. Inzwischen sind die hier beschriebenen Tempel auf Java restauriert und für das Publikum ungehindert zugänglich gemacht worden, diesbezüglich leisten die Mitarbeiter der zuständigen Kulturbehörde vorbildliche Arbeit. Übrigens sind alle wichtigen Tempel auf Java von Google erfasst und im Google Maps-Kartenwerk an den richtigen Stellen eingezeichnet, somit erübrigen sich zeitraubende Suchaktionen.

Fotos und Text: Günter Schönlein
Korrektur: Vanessa Jones
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Candi Banyunibo

1/11/2026

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Etwa 5km südlich vom Prambanan Tempel steht der Candi Banyunibo, ein kleiner Tempel, der sich mit seiner speziellen Architektur von anderen buddhistischen Tempeln dieser Bauperiode deutlich unterscheidet und deshalb zum lohnenden Ziel avanciert. Beim ersten Anblick blitzt die Assoziation auf, als stünde hier ein niedriger Pavillon mit Vorbau und leicht gewölbten Dach auf einem Sockel. Diese Bauart, soviel ist gewiss, wiederholt sich im weiten Umkreis von Yogyakarta nicht, das heißt: diesem Tempelbau darf die Einmaligkeit attestiert werden. Die Bilder 1 & 2 zeigen Gesamtansichten vom westlich ausgerichteten Tempel.
Bild 1: Candi Banyunibo – Nordwestansicht
Bild 1: Candi Banyunibo – Nordwestansicht
Bild 2: Candi Banyunibo – Südwestansicht
Bild 2: Candi Banyunibo – Südwestansicht
Vierzehn Stufen führen zum Sockel hinauf bzw. in den Vorbau hinein. Der schmale Sockelrand ohne Einfassungsmauer eignet sich nicht für Umrundungen. Die Eingangsfassade und alle weiteren Fassadenflächen erhalten durch Fenster, Nischen, Pilaster und Gesimse eine die Wandflächen auflockernde Struktur. In den Nischen haben sich stehende Bodhisattvas postiert, über den Fenstern sitzen weibliche Buddhas, hier ist wohl an die Emanationen der Tara zu denken (Bild 3).

Das Giebelrelief vom Vorbau (Mandapa) zeigt den unvermeidlichen Kala, dessen Bildnis sich nochmals in der Mitte der geschwungenen Dachlinie wiederholt. Trotz schlechter Erhaltung sind auf dem Giebelrelief außer Kala noch zwei Löwen zu erkennen. Der Löwe auf der rechten Seite ist deutlicher auszumachen als sein linker Gegenpart. Kala assistiert von liegenden Löwen ist auf Java ein seltenes Reliefmotiv. Direkt unter Kala in der Mitte vom floral dekorierten Türsturz ist ein weibliches Wesen zu sehen. Die fliegende Körperhaltung erinnert an eine Vidyadhari, das sind Halbgöttinnen, die in den Himmelswelten unterwegs sind (Bild 3.1).
Bild 3: Candi Banyunibo – Westfassade
Bild 3: Candi Banyunibo – Westfassade
Bild 3.1: Candi Banyunibo – Giebelrelief mit Kala (Ausschnitt von Bild 3)
Bild 3.1: Candi Banyunibo – Giebelrelief mit Kala (Ausschnitt von Bild 3)
Erstaunlicherweise sind die frei zugänglichen Makara-Skulpturen am Fuße der Treppen ausgesprochen gut erhalten (Bild 5), während andererseits die Wandreliefs der Bodhisattvas (Bild 4 & 6) und die Relief der Taras teilweise arg zerstört sind (Bild 8). Welche Probleme bei Restaurierungen auftreten können, wird mit dem Vergleich der Bilder 4 & 6 deutlich. Wie ist zu verfahren? Sollen Fehlstellen der Reliefs durch annähernde Imitationen ergänzt werden oder sollen erhaltene Reliefs im fragmentarischen Zustand verbleiben? Diesbezüglich bleiben unter Archäologen widersprüchliche Meinungen bestehen. Die Kunstfreunde müssen sich mit dem jeweiligen Zustand der Tempel und den Reliefs ohnehin abfinden, dennoch werden sie die Summe aus gleichgearteten Reliefs ziehen und dadurch eine Gesamtvorstellung der verlorenen Dekorationen erlangen. Ein treffendes Beispiel für dieses Verfahren wäre der Vergleich der weiblichen Buddha-Reliefs neben dem Vorbau (Bild 3) und den Tara-Reliefs (Bild 7 und 8). Das recht gut erhaltene Tara-Bildnis (Bild 7) wird von einem üppigen Makara-Bogen (nach indischer Manier in Kudu-Form) überspannt. Die Makaras wenden sich nach innen der Tara zu, außerdem sind zusätzlich im floralen Geflecht zwei weitere sich nach außen wendende Makaras sichtbar. Diese Tara (Tara-Nische) ist also vierfach abgesichert. Der teilversehrten Tara (Bild 8) fehlt jegliche Einfassung. Auffällig bei den Taras ist die auffällige Blickwendung nach unten, wer will, kann damit die Hinwendung zu den Gläubigen erkennen. Bei beiden Bildern sind die Originalsteine von den Ergänzungen ohne Schwierigkeiten zu unterscheiden.
Bild 4, 5 & 6: Candi Banyunibo – Bodhisattva – Makara – Bodhisattva
Bild 4, 5 & 6: Candi Banyunibo – Bodhisattva – Makara – Bodhisattva
Bild 7 & 8: Candi Banyunibo – Tara
Bild 7 & 8: Candi Banyunibo – Tara
Ähnlich schmerzlich wie bei den Taras (Bild 7 & 8) sind die Fehlstellen an der Südfassade (Bild 9) zu beklagen. Hier haben die Restauratoren versucht, einen möglichst authentischen Gesamteindruck der Fassade herzustellen. Abgesehen von drei typischen Yaksha-Skulpturen, die als Kapitelle der Pfeiler an den Bodhisattva-Nischen agieren, hat sich nur eine fragmentarische Tara erhalten, ansonsten fehlt jegliches figurale Bildwerk. Ein unter dem Dachvorsprung verlaufendes Gesims mit pflanzlichen Motiven ist schwach zu erkennen. In der hohen Mittelnische zwischen den Fenstern muss ein besonders prachtvoller Bodhisattva seinen Platz gehabt haben. Keine noch so ausufernde Fantasie vermag sich den Originalzustand der Fassaden unverfälscht vorzustellen. An der Südfassade wird die Tauglichkeit des provisorischen Ergänzungsverfahrens, neue Steine ohne Reliefbearbeitung einzusetzen, besonders in Frage gestellt. Sicher wären heutige Bildhauer fähig, Reliefs herzustellen, die Laien kaum von den alten Reliefs unterscheiden könnten. Wie aber wären Wandflächen wieder herzustellen, auf denen jegliche Fragmente fehlen, die auf ein Relief verweisen? Wer würde wagen, ein verlorenes Buddha-Relief zu erfinden?
Bild 9: Candi Banyunibo – Südfassade
Bild 9: Candi Banyunibo – Südfassade
Ähnlich unversehrt wie der Treppen-Makara (Bild 5) sind die Gargoyle-Makaras (Bild 10 & 11). Jeweils in der Mitte vom nördlichen und südlichen Sockeloberrand ragen die Gargoyle (Abflüsse) heraus, diese Höhe entspricht etwa dem Bodenniveaus des Tempelinnenraumes. Es ist davon auszugehen, dass im Tempel (Garbhagriha) ein Altar stand, auf dem sakrale Handlungen vollzogen wurden. Verwendete Flüssigkeiten (gesegnetes Wasser und Öle) gelangten durch Abflüsse nach draußen. Die Giebeleinfassungen der Makaras waren von obligatorischen Kala-Reliefs besetzt. Der Versuch, einen Kala wenigstens andeutungsweise nachzugestalten, wird durch Bild 11 dokumentiert.
Bild 10 & 11: Candi Banyunibo – Gargoyle
Bild 10 & 11: Candi Banyunibo – Gargoyle
Die Wände vom quadratisch, lichten Tempelraum werden von Fenstern, Bogennischen und einigen Reliefs aufgelockert. Sind auch alle noch sichtbaren Reliefs (Bild 12 – 14) nur bruchstückhaft erhalten, geben sie dennoch Kunde einer zyklisch konzipierten Innenraumdekoration, die bestimmte (wahrscheinlich vorwiegend weibliche) buddhistische Gottheiten vereinigte.

Das digital zusammengefügte Relief (Bild 12) zeigt die Göttin Hariti, zumindest meinen die Wissenschaftler in diesem Fragment Hariti erkannt zu haben, sie wird bis heute als Beschützerin der Kinder verehrt und hat in den Götterkanon des Mahayana-Buddhismus Eingang gefunden. Es ist nicht auszuschließen, dass im Tempel eine Statue der Hariti verehrt wurde.
Bild 12: Candi Banyunibo – Relief im Tempel, Hariti
Bild 12: Candi Banyunibo – Relief im Tempel, Hariti
Das sehr menschlich wirkende Götterpaar (Bild 13) ist leider nur Teil eines größeren Reliefs, welches gewiss eine Begebenheit aus Buddhas Leben wiedergab.

Das Giebelrelief (Bild 14) zeigt einen Buddha mit erhobenen Händen (Lehrgeste?), ihm zur Seite sind Vögel dargestellt, über dem Buddha finden sich jene fliegenden himmlischen Wesen, von denen schon eines auf dem Türsturz (Bild 3.1) zu sehen ist.

Neben Hariti wurde auf einem weiteren Relieffragment Vaisravana identifiziert, das ist einer der vier Himmelskönige, er gilt als Wächter der nördlichen Himmelsichtung und wird außerdem noch mit Kubera, dem Gott der Wohlstands gleichgesetzt (kein Bild vorhanden).
Bild 13 & 14: Candi Banyunibo – Reliefs im Tempel
Bild 13 & 14: Candi Banyunibo – Reliefs im Tempel
Östlich und südlich sind dem Banyunibo Tempel mehrere Schreine vorgelagert, deren Zustand mit rudimentär treffend beschrieben ist. Lediglich der Standort dieser Schreine konnte von den Archäologen fixiert werden, ihr äußeres Erscheinungsbild bleibt ungewiss. Das runde Fundament (Bild 15 Mitte) spricht für einen Stupa. Der Logik folgend standen wahrscheinlich auch nördlicherseits Schreine, möglicherweise existieren von Erdreich bedeckte Fundamente.

Der Candi Banyunibo ist ein lohnenswertes Ziel, auch wegen der reizvollen Landschaft, welche den Tempel umschließt. Ganz in der Nähe auf einem Plateau wurde ebenfalls im 9. Jahrhundert die Zweiturm-Tempelanlage Candi Barong errichtet. Nicht weit vom Barong Tempel entfernt können noch die beträchtlichen Ruinen vom Candi Dawangsari besichtigt werden. Tempelerkundungen im Großraum Yogyakarta sind in allen Himmelsrichtungen empfehlenswert und immer spannend, dabei sind Neu-Entdeckungen nicht ausgeschlossen, weil sich das Kulturministerium ernsthaft und intensiv um die Wiederentdeckung (Ausgrabungen), den Wiederaufbau und die Erhaltung durch Erdbeben zerstörter Tempelanlagen bemüht. Der Aufwand dieser Restaurierungsmaßnahmen kann nicht genügend Würdigung erfahren, worin sich auch der Stolz auf die kulturellen Hinterlassenschaften der Javaner spiegelt.

Kunstliebhaber werden bei ihren Exkursionen die beispielhaften Bemühungen des Staates und der zuständigen Behörden auf Java voller Dankbarkeit anerkennen, nicht zuletzt ist jeder restaurierte Tempel, jede Tempelruine und jede Ausgrabungsstätte ein Teil kultureller Identität.
Bild 15: Candi Banyunibo – östliche Schreine
Bild 15: Candi Banyunibo – östliche Schreine
Fotos: Günter Schönlein
die Fotos 2, 3, 3.1, 4 & 15 stellte Vanessa Jones zur Verfügung
Text: Günter Schönlein
Korrektur: Vanessa Jones 
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Reliefs am Borobudur - Teil 4

1/4/2026

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Aneinandergereiht ergeben alle Reliefs vom Borobudur eine Gesamtlänge von mehr als fünf Kilometer. Kein Besucher vermag bei seiner ersten, bei Touristen meist einzigen Visite, sämtliche Bildinhalte und die erzählerischen Zusammenhänge aller Reliefs erfassen. Nicht auf die zyklische Wiedergabe einzelner religiöser Geschichten soll sich die abschließende Betrachtung konzentrieren, sondern an Hand weniger ausgewählter Reliefs wird versucht, das Natürliche, das Menschliche und das Göttliche als dominierende Aspekte künstlerischer Darstellung hervorzuheben.

Eingangs muss betont werden, dass alles Natürliche das Menschliche nicht ausschließt und beiden Aspekten das Göttliche innewohnt. Ist vom Natürlichen die Rede, muss zwangsläufig an die schon im Wort involvierte Natur gedacht werden, womit folglich das Lebendige, das Leben in allen Formen erfasst ist. Gleiches wäre im umgekehrten Schluss zu behaupten, das Menschliche kann ohne das Natürliche (die Natur) nicht auskommen. Nur diese Koexistenz der Aspekte, auch von Phänomenen zu sprechen wäre treffend, ermöglicht die Sicht auf die Natur des Göttlichen. Das Göttliche schlechthin ist ein mit Worten schwer zu definierendes Phaszinosum, welches intuitiv die Gefühlswelt der Menschen maßgeblich beeinflusst, derartige Emotionen verleihen dem einzelnen Menschen Lebensantrieb und bestimmen sein spezifisches Erscheinungsbild. Welche Aspekte im Seelenleben der Menschen entwickelt, gepflegt und/oder unterdrückt werden, bleibt den jeweiligen Individuen überlassen. 

Künstler, in unserem Fall Steinbildhauer, gaben an den Borobudur-Reliefs ihr Bestes, um natürliche Menschlichkeit festzuhalten, woraus Kunstwerke für die Ewigkeit entstanden. Einige Bildhauer wuchsen über sich selbst hinaus. Sie schufen Werke, die uns berühren, weil sie uns direkt ansprechen, weil wir uns in ihnen gespiegelt sehen.
Borobudur Reliefs mit Tierdarstellungen
In den besten der Reliefs finden sich die paradiesischen Zustände wiedergegeben, nämlich der Bestzustand möglicher Welten, wenigsten die Vorstellungen eines Paradieses, wie Künstler sie träumten, denn auch sie meißelten nur Idealzustände in Stein. Das Streben nach friedlicher Übereinkunft zwischen Natur und Mensch muss paradiesisch genannt werden und dieser gottgewollte natürliche Frieden findet sich auf manchen Reliefs unübertrefflich wieder. Die Menschen suchen das Paradies, eine Welt, aus der sie sich längst entfernt haben, welche ihnen abhanden gekommen, auf ewig verloren ist. In der Welt, in welcher die Menschen heute leben, gibt es nur noch wenige Orte, wo Natur und Mensch im Einklang sind, die Balance der Welt ist ins Wanken geraten, das ersehnte Paradies in weite Ferne gerückt.

Wiedergaben menschlicher Gesichter faszinieren die Betrachter von jeher. Mit Wohlwollen oder Abscheu schauen wir auf die eigenen Konterfeis aus Kinder- und Jugendzeiten, immer blicken wir in die Vergangenheit, auf verlorene unwiederbringliche Zeit unseres Lebens. Selbstbetrachtungen können Schmerzen verursachen oder euphorische Zustände hervorrufen. 

Die fast noch kindhaften Mädchenporträts sind in ihrer Beredtheit kaum zu übertreffen. Gern vertiefen wir uns in solch unbescholtene Physiognomien. Diese Gesichter sprechen zu uns, erzählen Geschichten, jedem Betrachter eine andere. Jeder entdeckt seine Geschichte, findet sich, findet die unverfälschte Natur des Menschen wieder.
Darstellungen von Mädchen in den Borobudur-Reliefs
Zwei Menschen sitzen beieinander, nah zusammengerückt, eine Alltagssituation. Was hat sie zusammen geführt? Sind es Freunde? Sind es Freundinnen? Ist es ein Paar? Sind es im Glauben Verbündete? Wohin schauen sie? Worauf mögen ihre Gedanken gerichtet sein? Keine dieser Fragen lässt sich klar beantworten. Vermutungen könnten zu Erklärungen erhoben werden. Ein Faktum aber ist kaum zu bestreiten: der Blick des Betrachters konzentriert sich wie von magischer Kraft gelenkt auf die ausdrucksvollen äußerst friedfertigen Gesichter. Diese Menschen vermitteln eine unglaubliche Gelassenheit, die nur aus innerer Ruhe und Ausgeglichenheit resultieren kann, sie haben den Frieden mit sich und der Welt gefunden, was nicht zwangsläufig durch religiöse Praktiken zu erreichen ist.

Einschub (Assoziation des Autors): Westliche Kunstliebhaber fühlen sich beim Anblick dieses Paares unmittelbar an Bilder von Paul Gauguin erinnert, an Bilder, die der Künstler auf Tahiti schuf. Der Maler aus Europa, suchte auf der Südsee-Insel die vermeintlich paradiesischen Zustände zu entdecken, die in der sogenannten Zivilisation längst nichts mehr galten bzw. die aus den modernen Lebensmustern verbannt wurden. 

Zurück zu den Reliefs, sowohl die Menschen auf Tahiti als auch die Menschen auf Java lebten in frommer, fast kindlicher Übereinkunft gottes-und geisterfürchtig und einträchtig mit und von der Natur. Solche ungeschriebenen Gesetze, nichts anderes als die Ehrfurcht vor den natürlichen Gegebenheiten ist gemeint, wurden intuitiv erfasst. Diese Bündnisse mit dem Göttlichen, mit der Natur haben den Menschen stets genützt. Heute betrachten wir derartiges Handeln als Umweltschutz, damals hätte man von der Achtung und der Erhaltung des Göttlichen gesprochen, sofern das Selbstverständliche überhaupt der Worte bedurfte. Verändert hat sich der Mensch. Erhalten haben sich die göttlichen Schöpfungen, die Natur und der Mensch.
Darstellung eines hockenden Paares in den Borobudur-Reliefs
Wir blicken auf das Göttliche und sehen doch nur die menschliche Natur, die fasziniert uns, weil sie zeitlos, unbeschreiblich rätselhaft, schlichtweg göttlicher Abkunft sein muss. Wir sind berührt und stehen sprachlos dem unveränderlich zutiefst Menschlichen gegenüber.
Borobudur-Reliefs Teil 4
Aus den Borobudur-Reliefs strahlt uns die menschliche, die eigene Natur entgegen, somit das Göttliche. Jeder einzelne trägt die Buddha-Natur in sich, nur wenige Auserwählte vermögen sie zu erwecken, diese erheben sich, ihnen wird göttliche Verehrung zuteil. 

Der missionarische Ton dieser Ausführungen, der teilweise in metaphysische Anklänge verfällt, war konzeptionell nicht beabsichtigt. Je länger und intensiver der Autor die Reliefs verinnerlichte, desto mehr verfestigte sich (wie von selbst) der religiöse Duktus der Assoziationen, womit sich die Vermutung bekräftigen ließe, dass die Borobudur-Reliefs nicht nur als erzählende Bilderfolge, sondern vielleicht auch als ein unendlich währendes steinern-lautloses Gebet erdacht und konzipiert sind, dessen Wortlaut jeder Mensch für sich selbst finden kann . . . der blaue Himmel wölbt sich über den Borobudur. Geläutert mit Dankbarkeit im Herzen wenden wir uns ab und ziehen weiter. 

(Sämtliche Fotos dieser Artikelserie entstanden am 30.10.2014)


Fotos: Vanessa Jones
Text: Günter Schönlein
Korrektur: Vanessa Jones
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    Autor Günter Schönlein

    Auf meinen bisher acht Reisen nach Kambodscha habe ich viele Khmer-Tempel photographisch dokumentiert. Mit Pheaks Hilfe suchte ich auch viele schwer zu findende entlegene Tempel auf. In diesem Blog möchte ich meine dabei erworbenen Eindrücke und Kenntnisse gerne anderen Kambodscha-Liebhabern als Anregungen zur Vor- oder Nachbereitung ihrer Reise zur Verfügung stellen.


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